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Klimaschützer mit Kalkproblem

Seegraswiesen können mehr CO2 aufnehmen als Wälder. Das Wiederherstellen der schon stark geschrumpften weltweiten Bestände gilt deshalb als effizientes Mittel, um den Klimawandel zu bekämpfen. Doch nicht überall ist das sinnvoll.


Seegraswiese in einem Aquarium
Seegraswiesen – hier im Aquarium – können viel Kohlendioxid binden. (Foto: Yuza Totti/​Wikimedia Commons)

Seegraswiesen gelten als besonders wichtige Ökosysteme im Meer. Sie dienen dem Küstenschutz, indem sie starken Wellengang abschwächen. Sie sind Kinderstube, Schutzgebiet und Futterplatz für zahlreiche Meeresbewohner und daher von großer Bedeutung für die Artenvielfalt. Zudem verbessern sie die Wasserqualität und wirken der Versauerung der Ozeane entgegen.

Und Seegraswiesen sind ein bedeutender Kohlenstoffspeicher. Pro Quadratkilometer nehmen sie deutlich mehr Kohlendioxid auf als dieselbe Fläche Wald an Land.

Die Zerstörung der Seegraswiesen zu verhindern und die bereits stark geschrumpften oder geschädigten Bestände wiederherzustellen, wird deshalb als effizientes Mittel im Kampf gegen den Klimawandel angesehen. Mit der Renaturierung könnten, so die Überlegung, große Mengen CO2 gebunden und somit negative Emissionen erzeugt werden, die für die Pariser Klimaziele erforderlich sind.

Dass dies mit Erfolg und zu moderaten Kosten möglich ist, hatte im vergangenen Jahr eine in Nature veröffentlichte Studie der University of Virginia gezeigt.

Eine Patentlösung gegen den Klimawandel ist Seegras dennoch nicht, ergibt nun die Studie eines internationalen Forschungsteams um den Biogeochemiker Bryce Van Dam vom Helmholtz-Zentrum Hereon in Geesthacht bei Hamburg. Die Untersuchung wurde diese Woche im Fachmagazin Science Advances veröffentlicht.

Ob und wie viel Kohlendioxid Seegraswiesen aus der Atmosphäre holen, hängt demnach vom Standort ab. Teilweise, so zeigte sich, geben die Seegrasfelder sogar mehr Kohlendioxid ab, als sie aufnehmen.

Die Forschenden nahmen vor der Küste Floridas Messungen vor. "Vor allem diese tropischen Seegraswiesen nehmen in der Summe teils deutlich weniger Kohlendioxid auf als lange gedacht", sagt Bryce Van Dam. "Im Gegenteil: An manchen Küsten geben sie sogar verstärkt CO2 ab."

Dämpfer für "Blue Carbon"-Klimaschutz

Das liege daran, dass an den Pflanzen und im Sediment viele chemische Prozesse abliefen, die andere Fachleute bislang bei der Bilanzierung der Kohlendioxid-Aufnahme vernachlässigt hätten.

Eine entscheidende Rolle spielt offenbar die Wassertemperatur. Ist diese – wie in den Tropen – besonders hoch, sinkt die CO2-Aufnahme oder kehrt sich sogar um.

Vereinfacht ausgedrückt passiert Folgendes: Die im Meerwasser gelösten Karbonate binden Kohlendioxid aus der Luft, das dann im Wasser gespeichert wird. Im warmen Wasser der Tropen funktioniert das weniger gut. Bei Wärme führen die Stoffwechselprozesse der Seegraspflanzen dazu, dass das gelöste Karbonat zu Kalk umgewandelt wird – somit geht das Karbonat verloren, das sonst Kohlendioxid binden würde. Im Ergebnis wird dann eher CO2 freigesetzt.

Die Hoffnung, Klimaziele durch sogenannte Blue-Carbon-Projekte – wie eben die Rekultivierung von Seegraswiesen, aber auch von Mangrovenwäldern und Salzwiesen – leichter zu erreichen, erhält damit einen Dämpfer. Ganz so einfach ist es eben doch nicht.

"Wir können uns nicht auf Blue-Carbon-Maßnahmen verlassen, um das CO2 auszugleichen, das wir durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe in die Atmosphäre bringen", sagt Van Dam.

"Vielmehr müssen wir zuerst die CO2-Emissionen reduzieren und dann die Küstenlebensräume schützen, um von den vielen ökonomisch und ökologisch wichtigen Leistungen zu profitieren, die sie uns bieten – auch wenn erhöhte CO2-Speicherung nicht immer dazugehört."

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