Fehlender Mut, alte Lügen und das Frühwarnsystem der Wissenschaft

Kalenderwoche 48: Die Stromkonzerne sollten endlich mithelfen, die Energiewende zu beschleunigen, anstatt sie weiter auszubremsen, fordert Hartmut Graßl, Physiker und Meteorologe und Mitherausgeber von Klimareporter°.


Hartmut Graßl. (Foto: MPI-M)

Immer wieder sonntags: Unsere Herausgeber erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Professor Hartmut Graßl, Physiker und Meteorologe.

Klimareporter°: Herr Professor Graßl, laut Weltmeteorologieorganisation WMO ist die CO2-Konzentration in der Atmosphäre im vergangenen Jahr weiter angestiegen, und zwar im weltweiten Durchschnitt von 403,3 auf 405,5 ppm. Welche Konsequenzen hat dieser Anstieg der CO2-Konzentration?

Hartmut Graßl: Wegen der jahrhundertelangen Verweilzeit des zusätzlich von der Menschheit emittierten Kohlendioxids dauert es auch bei Einhaltung der Ziele des Paris-Abkommens, also einer kräftigen weltweiten Emissionsminderung etwa ab 2030, einige Jahrzehnte, bis die Konzentration in der Atmosphäre nicht mehr ansteigt. Deshalb ist der Bericht der Weltorganisation für Meteorologie in Genf vom Dienstag dieser Woche nicht überraschend, weil ja die CO2-Emissionen weiter anhalten und im Jahr 2017 sogar eine neue Rekordhöhe erreicht haben.

Dass trotz des neuen Emissionsrekords der Konzentrationswert im Vergleich zum Anstieg um 3,1 ppmv ("v" für "Volumen") von 2015 zu 2016 auf jetzt 2,2 ppmv zurückging, liegt am Ausklingen des letzten El-Niño-Ereignisses im Jahr 2016. Im Jahr 2017 war die Niederschlagsverteilung weltweit annähernd normal, wodurch die verminderte Kohlendioxidaufnahme in den wegen El Niño durstenden tropischen Wäldern in Südostasien und im Amazonasgebiet wegfiel.

In dieser Situation mit einer um Jahrzehnte verzögerten Klimapolitik der Weltgemeinschaft ist nach dem jüngsten Sonderbericht des Weltklimarates vom 8. Oktober eine mittlere globale Erwärmung von nur 1,5 Grad ohne Schaffung neuer Speicher für Kohlenstoff illusionär.

Die Europäische Kommission will bis 2050 die Netto-Emissionen der EU auf null drücken. Das Ziel, den Treibhausgasausstoß bis 2030 um 40 Prozent zu senken, will die EU-Exekutive aber nicht nachschärfen. Ist das fahrlässig?

Diese Forderung der EU-Kommission, Treibhausgasneutralität schon am Beginn der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts zu erreichen, ist bisher einmalig für einen Staatenbund. Sie muss aber von den Regierungen noch akzeptiert werden, woran viele Zweifel angebracht sind. Man denke nur an ein Land wie Polen, dessen Energieversorgung noch zu 90 Prozent von fossilen Brennstoffen abhängt und dessen Solidaridät zu Prinzipien der EU zu wünschen übrig lässt.

Dass das Ziel für 2030 nicht verschärft wurde, zeigt nur, dass man bei Zielen für die fernere Zukunft immer mutiger ist als bei den Zwischenzielen.

Der fast völlig fehlende Mut bei Klimaschutzzielen für die nähere Zukunft seit 1992, als in Rio de Janeiro die Klimakonvention unterzeichnet wurde, ist erst durch den sehr stark gefallenen Preis für eine Kilowattstunde Strom aus der Photovoltaik gestiegen.

Der etwa um den Faktor sechs seit 2000 gefallene Preis hat uns das Paris-Abkommen gebracht und der sehr wahrscheinlich weiter fallende Preis wird uns in Deutschland und anderen Ländern – vor allem in niedrigeren geografischen Breiten als den unseren – auch bald den Kohleausstieg bescheren.

Der Endbericht der Kohlekommission soll erst Anfang Februar 2019 vorliegen, weil die Betreiber der Kohlekraftwerke nicht mit den angebotenen Entschädigungszahlungen zufrieden sind. Was würden Sie den Kraftwerksbetreibern sagen, wenn Sie die Gelegenheit hätten?

Die Verschiebung war zu erwarten, denn jede Verlängerung des Betriebs der "alten Kisten" hält die Dukatenesel, die die abgeschriebenen Kraftwerke darstellen, etwas länger am Leben.

Die Stimmung in der Bundesrepublik hat sich allerdings durch die forsche Art der RWE AG, die Rodung des Hambacher Waldes quasi im Vorfeld der Strukturkommission zu erzwingen, massiv verändert. Die Zivilgesellschaft hat sich glücklicherweise dadurch so quergestellt, dass der Kohleausstieg jetzt nur noch eine Debatte über wenige Jahre mehr oder weniger für das Ausstiegsdatum geworden ist.

Ich möchte den großen Elektroversorgern zurufen: Lügt nicht wieder wie in den frühen 1990er Jahren, als ihr euch als offen für die erneuerbaren Energieträger bezeichnet habt, aber in großen, ganzseitigen Werbeanzeigen in überregionalen Zeitungen die Erneuerbaren auf bestenfalls einige beizutragende Prozent kleingeredet habt. Helft mit, die Energiewende zu beschleunigen, und bremst sie nicht weiter aus.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Bei der Suche nach interessanten Beiträgen aus der Wissenschaft zum breiten Thema globaler Wandel entdeckte ich heute einen Artikel von Ulf Riebesell und Kollegen vom Geomar in Kiel in der Zeitschrift Nature Climate Change, der direkt nichts mit der globalen Erwärmung zu tun hat, sondern mit den Folgen der Verringerung des pH-Werts des Ozeanwassers bei mehr Kohlendioxid in der Luft. Dieses meist als Ozeanversauerung bezeichnete Phänomen tritt als Folge der weiter steigenden Kohlendioxidkonzentration in der Atmosphäre auf.

Bei einem Experiment im Atlantik bei den Kanarischen Inseln fand das Wissenschaftlerteam heraus, dass bei einer Simulation von Klimaverhältnissen mit höheren als den heutigen Kohlendioxidkonzentrationen in der Atmosphäre eine in vielen Ozeangebieten vorkommende, aber seltene giftige Alge dominant wurde. Sie nannten ihren Fachartikel: Blüte einer giftigen Alge bei Ozeanversauerung stört die Nahrungskette im offenen Ozean.

Ich möchte das als Beispiel für das Frühwarnsystem der Wissenschaft nehmen und auch darauf hinweisen, dass eine veränderte Zusammensetzung der Atmosphäre viele andere Folgen hat als "nur" eine globale mittlere Erwärmung. Emissionsminderung muss die Devise heißen und nicht Eingriff mit anderen technischen Lösungen.

Fragen: Sandra Kirchner

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