"Wir haben gewonnen und heute wird gefeiert"

50.000 Menschen sind heute zum Hambacher Forst gekommen, um gegen seine Abholzung für Braunkohle zu protestieren. Wegen des gerichtlich angeordneten Rodungsmoratoriums herrscht heitere Stimmung. Der Wald ist nach der gerade abgeschlossenen Räumung schon wieder besetzt.


Menschenmasse
Bei der bisher größten Anti-Kohle-Demonstration in Deutschland forderten heute 50.000 Menschen den Kohleausstieg. (Foto: Channoh Peepovicz/​Flickr/​Ende Gelände)

Volksfestatmosphäre am Hambacher Forst: Rund 50.000 Menschen sind auf einem freien Feld in Waldnähe erschienen, um gegen die Rodung zugunsten des RWE-Braunkohletagebaus Hambach zu demonstrieren. "RWE kann einpacken, wir haben gewonnen und heute wird gefeiert", schallt es von der Bühne, Luise Neumann-Cosel vom Organisationsbündnis moderiert. Sie ist mit dieser Meinung nicht allein. Ähnliche Sätze hört man heute feldauf, feldab. Die Stimmung ist ausgelassen.

Grund dafür ist vor allem eine Nachricht, die gestern die Runde machte. Das Oberverwaltungsgericht Münster hat die Rodung des Hambacher Forstes nach einem Eilantrag des Umweltverbands BUND vorerst gestoppt. Das Verbot gilt so lange, bis endgültig über die Klage des BUND gegen den Hauptbetriebsplan bis 2020 für den Tagebau Hambach entschieden ist.

Es ist also nur ein Sieg auf Zeit für die Klimaschützer, doch die unmittelbare Gefahr für den Wald ist gebannt. Eine Niederlage für den Kohlekonzern RWE. Eine Blamage für die nordrhein-westfälische Landesregierung, die den besetzten Wald zwischen Köln und Aachen in den vergangenen Wochen unter höchstem Aufwand räumen ließ.

Lehrer, Zahnärztinnen, Bauern, Verkäuferinnen

Lange war der Hambacher Forst ein Sammelpunkt für radikale Ökoaktivisten, die in Baumhäusern in den Wipfeln der Waldbäume wohnten – und so ein Zeichen setzen, sich aber auch ganz praktisch mit ihren Körpern zwischen Sägen und Bäume stellen wollten. Jetzt ist alles ein wenig anders. 50.000 Menschen, das ist kein Szenetreffen mehr.

Die radikalen Ökogruppen sind natürlich noch da, die großen Umweltverbände ebenfalls, aber auch ganz normale Bürger. Lehrer, Zahnärztinnen, Bauern, Verkäuferinnen und ihre teils noch ganz kleinen Kinder. Die Band Revolverheld spielt. 

Zu denen, die sich schon seit Jahren vor Ort für den Kohleausstieg einsetzen, gehört Antje Grothus aus dem nahegelegenen Ort Buir, die sich bei der Bürgerinitiative "Buirer für Buir" engegiert und als Vertreterin der Region in der von der Bundesregierung bestellten Kohlekommission sitzt. "Vor einem Jahr hätten wir uns nicht träumen lassen, dass so viele Leute aus ganz Deutschland hierher nach Buir kommen, um gemeinsam mit uns zu kämpfen", sagt sie heute.

"Die Kohle ist am Ende"

Auf der Rednerbühne bekommt Grothus vom Publikum für ihre Arbeit lauten Applaus. "Gerichte mussten durchsetzen, was eigentlich Aufgabe der Politik ist, nämlich wertvolle Natur zu schützen vor den rücksichtslosen und rechtswidrigen Plänen eines Energiekonzerns", ruft Grothus. Die Sturheit von RWE und der Beistand der Landesregierung hätten Deutschland international blamiert, sagt sie.

Der große Star auf der Bühne ist heute allerdings Hubert Weiger, Chef des Umweltverbandes BUND, dessen nordrhein-westfälischer Landesverband den gerichtlichen Rodungsstopp erreicht hat. Die Menge dankt es ihm mit viel Extra-Applaus. "Wir haben heute ein starkes Signal der Zivilgesellschaft für einen schnellen Kohleausstieg gesendet", sagt er.

Wie Grothus sitzt Weiger selbst mit in der Kommission, die der schwarz-roten Bundesregierung bis zum Ende des Jahres den Weg zum Kohleausstieg vorzeichnen soll. "Jetzt gibt es ein Zeitfenster in der Kohlekommission, einen großen gesellschaftlichen Kompromiss für den schnellen Kohleausstieg und für zukunftsfähige Arbeitsplätze in den betroffenen Regionen auszuhandeln", sagt der Verbandschef. Die Milliardeneinbußen bei RWE zeigten aber schon, "dass die Kohle verloren hat". Jubel.

Es spricht sich herum, dass die RWE-Aktie massiv eingebrochen ist. Minus 8,7 Prozent an einem Tag. "Die Kohle ist am Ende", ruft ein junger Aktivist mit kunstvoll verfilzten Locken von einem Lautsprecherwagen.

Aus dem Wald kommt die Nachricht, dass wieder Baumhäuser gebaut werden. Die Besetzung beginnt wieder. Und die Divestment-Organisation Fossil Free vermeldet, dass RWE seinen Bagger im Tagebau Hambach wegen der vielen Menschen am Tagebaurand gestoppt habe. Es ist, als könnte bei den Klimaschützern heute nichts schiefgehen. Am Bahnhof Buir kommen am späten Nachmittag immer noch volle Züge aus Köln an.

Bildstrecke: So war die Großdemo vor dem Hambacher Forst

Lesen Sie auch den Gastkommentar von Franz Alt:

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