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"Dieser Winter überrascht mich nicht"

Setzt sich der Trend fort, dass Großwetterlagen länger andauern, hätte das gravierende Folgen für das Auftreten von Extremwetterlagen, wie wir sie derzeit erleben, sagt Klimaforscher Mojib Latif. Auch 2021 werde wohl zu den "Top Ten" der wärmsten Jahre gehören.


Sonniger Wintertag mit Schnee im Allgäu.
Schnee und Frost werden wir auch in kommenden Jahren haben, wenn auch tendenziell weniger. (Foto: Markus Zieris/​Pixabay)

Klimareporter°: Herr Latif, überrascht Sie der Winter, den wir gerade erleben?

Mojib Latif: Nein, ganz und gar nicht. Wetter ist chaotisch und wird es auch in Zukunft bleiben. Kurzfristige Ausreißer nach oben oder unten sind immer möglich. Das ist völlig normal.

Viele Menschen hätten solche Schneemengen und solchen Frost nach den letzten milden Wintern nicht mehr erwartet ...

In der Tat häufen sich in den letzten Jahrzehnten die milden Winter mit wenig Frost und Schnee. Und das sind deutliche Anzeichen dafür, dass die Auswirkungen der globalen Erwärmung auch in Deutschland schon längst zu spüren sind.

Ist es nur ein kalter Winter, wie er auch in einem um rund 1,2 Grad Celsius erwärmten Weltklima noch vorkommen kann? Oder gibt es Anzeichen für Veränderungen in den atmosphärischen Strömungen?

Klar ist auf jeden Fall, dass die Temperaturen in den nächsten Jahrzehnten weiter steigen und kalte Winter noch seltener werden. Unklar ist, wie sich die Erwärmung – insbesondere in der Arktis, wo sie am stärksten ist – auf die Luftströmungen auswirken wird.

Wir beobachten in den letzten Jahren, dass Großwetterlagen etwas länger andauern. Wenn sich dieser Trend fortsetzen würde, hätte das gravierende Folgen auch für das Auftreten von Extremwetterlagen – allein schon, weil sie länger anhalten würden.

Wie wird das die Winter künftig beeinflussen? Wie entwickelt sich die Wahrscheinlichkeit, dass Schnee fällt?

Gerade der Schnee reagiert äußerst empfindlich auf eine Erwärmung, weil er nur fällt, wenn die Temperaturen unterhalb des Gefrierpunktes liegen. Schon kleine Temperaturanstiege können deswegen aus Schnee Regen werden lassen. Die Tendenz zu weniger Schnee im Flachland und in mittleren Lagen wird sich fortsetzen, in dem Maße, wie sich die Erde weiter erwärmt.

Der frühere US-Präsident Donald Trump hatte nach einem noch härteren Wintereinbruch in den USA 2019 ironisch gesagt: "Es wäre nicht schlecht, jetzt gerade mal wieder etwas von der guten alten Erderwärmung zu haben." Wieso ist generell die Kenntnis über die meteorologischen Zusammenhänge so gering?

Porträt von Mojib Latif
Foto: GEOMAR

Mojib Latif

ist Professor für Ozean­zirkulation und Klima­dynamik am Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozean­forschung Kiel und an der Universität Kiel, außerdem Präsident der Deutschen Gesellschaft des Club of Rome und Vorstands­vorsitzender des Deutschen Klima-Konsortiums.

Es ist nicht leicht für Laien, den menschlichen Klimaeinfluss vor dem Hintergrund der starken natürlichen Variabilität zu erkennen. Noch ist die globale Erwärmung relativ gering, weswegen sich bisher das Wettergeschehen nur leicht, wenngleich spürbar, verschoben hat.

Man sieht die Verschiebung gerade bei den Extremen. So nehmen Frosttage deutlich ab und heiße Tage mit Höchsttemperaturen von 30 Grad und darüber stark zu.

Das Jahr 2020 war global gleichauf mit 2016 das wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen. Was ist Ihre Prognose für 2021?

Das Jahr 2021 wird zu warm werden, wahrscheinlich wird es sogar zu den "Top Ten" seit Beginn der Beobachtungen gehören. Ob es einen neuen Rekord gibt, ist schwer zu sagen. Es sieht aber nicht danach aus, weil im Moment das Klimaphänomen La Niña im tropischen Pazifik mit seinem kühlenden Einfluss die globale Erwärmung überlagert.

Und was erwarten Sie von der Klimapolitik im zweiten Corona-Jahr?

Leider wenig. Der Druck durch die Pandemie ist so groß, dass jetzt überall auf der Welt in erster Linie nur kurzfristig gedacht wird. Bei uns in Deutschland haben wir zudem ein Superwahljahr und im Herbst die Bundestagswahl. Da dürften jetzt keine tiefgreifenden Maßnahmen zu erwarten sein.

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