Was ein Winter ist, weiß kaum noch einer

Klimawandel – war da was? Viele wundern sich, dass es dieses Jahr so viel Schnee gibt. Man kann es leicht erklären.


Bei einer Fridays-for-Future-Aktion in Berlin. (Foto: Friederike Meier)

Im Winter fällt Schnee, manchmal auch viel Schnee. Früher war das normal, keiner hat sich darüber gewundert. Heute ist das anders.

"Wir bekommen oft Mails mit der Frage: 'Wo ist denn der Klimawandel?'", erzählt Meteorologe Andreas Friedrich vom Deutschen Wetterdienst (DWD) in Offenbach. Besonders in diesem Winter, der hierzulande bis in die Niederungen jene weiße Pracht gebracht hat, von der dort in den letzten beiden Jahren fast nichts zu sehen war.

"Viele Menschen können leider nicht zwischen Wetter und Klima unterscheiden. Das ist das Problem", sagt Friedrich.

Auch Klima-Ikone Greta Thunberg reagierte kürzlich auf solche Fragen. Auf Twitter zitierte die Schwedin, die die Fridays-for-Future-Bewegung initiiert hat, die Einschätzung von Umweltexperten: "Mehr Schneefall bei Winterstürmen ist ein erwartetes Ergebnis des Klimawandels. Das liegt daran, dass ein wärmerer Planet mehr Wasser in die Atmosphäre verdampft." Um dann resigniert festzustellen: "Das sollte natürlich inzwischen grundlegendes, allgemeines Wissen sein, aber anscheinend ist es das nicht ..."

Tatsächlich kann wärmere Luft grundsätzlich mehr Wasser in Form von Wasserdampf aufnehmen – pro Grad Erwärmung sind es sieben Prozent. Bei entsprechender Wetterlage können deswegen Niederschläge stärker ausfallen – je nach Temperatur entweder als Regen oder, wenn die Temperaturen niedrig genug sind, eben als Schnee.

Relativ kalte Winter kann es trotz globaler Erwärmung noch geben, auch wenn der – wie für Klima-Betrachtungen üblich – über 30 Jahre gemittelte Temperaturtrend eindeutig nach oben geht. In Deutschland hat sich das Klima gegenüber vorindustrieller Zeit bereits um 1,5 Grad erwärmt.

Niedrig genug für Schnee waren die Temperaturen vor allem im jetzt zu Ende gehenden Januar. Daher die Schneemassen in den Mittelgebirgen und den Alpen. Der Monat war in Deutschland allerdings trotzdem etwas zu warm. Konkret: Er liegt etwa ein Grad über dem Mittelwert der international gültigen 30-jährigen Referenzperiode 1961 bis 1990.

Der Dezember mit seinem typischen Schmuddelwetter hingegen war im Vergleich sogar deutlich zu warm und zu trocken. Der Temperaturdurchschnitt lag mit 3,1 Grad Celsius um 2,3 Grad höher, und auch gegenüber der neuesten, wärmeren Vergleichsperiode 1991 bis 2020 betrug die Abweichung nach oben noch 1,3 Grad. Ein Temperatursturz um rund zehn Grad sorgte allerdings zum ersten Weihnachtstag zumindest in den Mittelgebirgen für eine weiße Überraschung.

Erinnerung an kalte Winter verblasst

Wie der meteorologische Winter diesmal unter dem Strich ausfallen wird, lässt sich noch nicht sagen. Der dritte Monat, der Februar, fehlt ja noch. Um die zu warmen Monate Dezember und Januar auszugleichen, müsste er deutlich zu kalt ausfallen. Das ist eher unwahrscheinlich.

Aktuell zeigt sich eine Zweiteilung des Wetters: Im Südwesten und in der Mitte Deutschlands herrscht starkes Tauwetter mit Höchsttemperaturen am Freitag von bis zu 13 Grad, während es im Norden und Osten deutlich kälter ist.

Dass der fast "normale" Januar vielen schon kalt und schneereich vorkommt, zeigt die Perspektivverschiebung. "Das menschliche Gedächtnis schaut gar keine 30 Jahre zurück, sondern hat oft nur die letzten zehn Jahre in Erinnerung", erläutert DWD-Meteorologe Marcus Beyer. Insofern sei es verständlich, "dass man diesen Winter schon als ganz ordentlich empfindet".

Das heißt: Viele haben die "richtigen" Winter von früher vergessen oder, da noch nicht geboren, gar nicht erlebt – etwa die Winter 1978/79, 1986/87 oder 1995/96, die bis zu 3,5 Grad kälter waren als normal.

Was das damals konkret bedeutete? In Frankfurt am Main zum Beispiel, wo es im Deutschlandvergleich mild ist, gab es 1978/79 an 48 Tagen eine Schneedecke, und die tiefste Temperatur erreichte minus 17 Grad. In anderen Regionen der Bundesrepublik und der DDR lagen die Temperaturen teils noch deutlich niedriger und der Schnee höher. "Man kann sich schlicht einen Winter wie damals heute gar nicht mehr vorstellen", resümiert Beyer.

Eine Einschränkung gibt es allerdings. Auch wenn der Trend klar zu milderen Wintern geht, sind in Europa und Nordamerika auch zukünftig länger anhaltende extreme Kälteeinbrüche möglich – so wie zuletzt 2019 in den USA. Sie könnten sogar häufiger werden, wie Klimaforscher erwarten. Ursache sind dann arktische Luftmassen, die sich vom Polarwirbel lösen, der normalerweise relativ geschlossen um den Nordpol kreist.

Eine Ursache von solchen Instabilitäten könnten die aufgrund des Klimawandels veränderten Strömungsverhältnissen in der Atmosphäre sein, warnen die Experten. Das heißt: Es kann bitteren Frost geben – und doch wärmer werden.

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