Ignorierte Warnungen und verschleiernde Begriffe

Die Wissenschaft hat die Gefahr rechtzeitig erkannt, doch gehandelt wird erst, wenn die Bedrohung spürbar ist. Das ist beim Klimawandel genauso unverantwortlich wie bei den Coronaviren. Erstaunlich ist, wie einfach Begriffe dabei umgedeutet werden können.


Michael Müller
Michael Müller. (Foto: Martin Sieber)

Das Wichtigste aus 52 Wochen: Sonst befragen wir unsere Herausgeberratsmitglieder im Wechsel jeden Sonntag zu ihrer klimapolitischen Überraschung der Woche. Zum Jahresende wollten wir wissen: Was war Ihre Überraschung des Jahres? Heute: Michael Müller, als SPD-​Politiker bis 2009 Parlamentarischer Staatssekretär im Umweltministerium, heute Bundesvorsitzender der Naturfreunde.

Klar, in diesem Jahr wurde alles überschattet von der Corona-Pandemie. Was mich dabei überrascht hat, ist der eklatante Widerspruch zwischen Wissen und Handeln. Dazu drei Gedanken.

Erstens: Die erste Warnung vor einer Corona-Pandemie gab es schon vor 17 Jahren, als es zum Ausbruch von Sars mit einer Mortalitätsrate von zehn Prozent kam.

Vor acht Jahren folgte Mers mit einer Todesrate von 36 Prozent. Bereits 2015 wurde die Forderung erhoben, dagegen monoklonale Antikörper zu entwickeln.

2016 und 2018 wurde in epidemiologischen Studien vor dem Ausbruch einer Pandemie gewarnt. Aber das war vermeintlich weit weg am anderen Ende der Welt und zeitlich begrenzt, was hatten wir damit zu tun?

Doch selbst als die Weltgesundheitsorganisation im Dezember 2019 über 27 Corona-Krankheitsfälle berichtete, geschah nichts. Fast drei Monate gingen verloren, in denen keine Vorsorge betrieben wurde.

Dabei hatte selbst der Deutsche Bundestag im Jahr 2013 ausführlich über denkbare Katastrophen-Szenarien debattiert, zu denen auch eine Sars-Corona-Pandemie gezählt wurde.

Zweitens: Auch jetzt ist nicht klar, ob Covid-19 alles ist. Nach den Studien der Chinesischen Akademie der Wissenschaften sind erst 22 der bisher bekannten 38 Coronaviren beschrieben, die außerdem alle mutieren können.

Kurz: Die gesundheitlichen Schutzschichten des menschlichen Lebens werden dünner. Und auch die sozialen: Die ersten Opfer sind ältere Menschen und sozial schwächere.

Drittens: Seit Jahren wird über die neuen globalen Gefahren geredet, aber wirklich verarbeitet sind die Herausforderungen bis heute nicht. So auch beim Klimawandel. Seit den ersten Warnungen der Vereinten Nationen im Jahr 1979 vor einer anthropogenen Klimakrise wird der Handlungsbedarf immer wieder verdrängt.

Und das Tückische an der Klimakrise ist, dass die Folgen zeitlich, räumlich und sozial höchst ungerecht verteilt sind. Gehandelt wird erst, wenn die Bedrohung spürbar ist. Doch genau das ist beim Klimawandel ebenso unverantwortlich wie bei den Coronaviren.

Doppelte Großgefahr

Das alles soll natürlich nicht die positiven Erfahrungen im Jahr 2020 vergessen lassen, auch wenn es sehr besorgniserregend ist, dass nur das Hier und Jetzt zählt.

Erfreulich überraschend ist, dass die Friedensbewegung an Stärke gewinnt. Das ist dringend notwendig, denn auch die Klimakrise kann dazu führen, dass sich die Gewaltspirale schneller dreht und letztlich zur ökologischen Selbstvernichtung führen kann.

Eine doppelte Gefahr des Selbstmordes unserer Zivilisation ist denkbar: Die schnelle durch die neue Hochrüstung, wobei 75 Prozent der Militärausgaben auf nur zehn Länder entfallen.

Die langsame, aber sich beschleunigende durch den Klimawandel. Im Jahr 2020 konnten wir viel lernen, nicht nur abstrakt, sondern durch die unmittelbare Wirklichkeit. Hoffentlich lernen wir auch daraus.

Begriffsumdeutung

Was mich ebenso überrascht hat, ist die schnelle "Besetzung" zentraler Begriffe der Reformdebatte. Sie wurden entleert, ohne dass es starke Gegenwehr gegeben hat.

So sprechen heute alle von "Transformation", und das für alles. Dabei hat der Begriff eine historisch-analytische Würde zur Beschreibung der Ursachen der beiden Weltkriege und der Weltwirtschaftskrise im letzten Jahrhundert. Transformation meint dabei die "Entfesselung" der Märkte aus sozialen Bindungen und die daraus entstehenden Gegenbewegungen – in den USA der New Deal und in Deutschland der Faschismus.

Der New Deal war, bei aller notwendigen Kritik an der auf Weiße verengten Politik von US-Präsident Roosevelt, in erster Linie die "soziale Disziplinierung der Wirtschaft".

Heute nennt die EU höhere Ausgaben für den Klimaschutz "Green Deal". Dabei kommt es doch gerade darauf an, den Wohlfahrtsstaat mit dem ökologischen Umbau zu verbinden. Beides gehört zusammen. Will die EU-Kommission das nicht? Und warum schweigen die Vertreter der Mitgliedsstaaten dazu?

Auch "klimaneutral" gehört zu den verschleiernden Begriffen. Was ist gemeint? Atomkraft, CCS, die chemische Manipulation der Troposphäre? Genauso ist auch schon die Nachhaltigkeit als Begriff menschlicher Fernethik immer mehr zu einem Plastikwort verkümmert.

Auch das ist eine Überraschung des Jahres 2020: Begriffe aus der Umweltbewegung können einfach um- und missgedeutet werden.

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