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Alte Wälder können zum Klimarisiko werden

Unberührte Wälder sind gut für die Biodiversität und den Klimaschutz. Um ihre Wirkung als CO2-Senke zu verstärken, plädiert eine Studie für die nachhaltige Bewirtschaftung der Wälder.


Moderne Holzerntemaschine beim Zerlegen eines Fichtenstamms .
Bäume nach 100 Jahren zu schlagen und zur Energieproduktion zu verfeuern, ist besser fürs Klima, als sie stehenzulassen, findet Roland Irslinger. (Foto: Tobias Arhelger/​Shutterstock)

Wie Wald beim Klimaschutz am besten helfen kann, ist inzwischen fast zu einer Glaubensfrage geworden: Soll der Wald im Rahmen sogenannter Proforestation-Strategien weitgehend sich selbst überlassen bleiben, um Biomasse aufbauen und dabei CO2 aufnehmen zu können? Oder soll das Holz genutzt werden, als langlebiges Produkt – oder gar als Brennstoff?

Gegen die energetische Nutzung von Holz spricht sich das Umweltbundesamt aus. Der Wald solle als Kohlenstoffsenke erhalten bleiben und in dieser Leistung möglichst maximiert werden, schreibt das UBA. Das bedeute, dem Wald weniger Kohlenstoff zu entnehmen, als in ihm gebunden wird. Das klimafreundliche Potenzial sei also begrenzt, so das UBA, daher sei von der energetischen Holznutzung – sprich Verbrennung – abzuraten.

Frischen Wind in die Debatte bringt eine jetzt in der Fachzeitschrift Annals of Forest Science veröffentliche Studie eines europäischen Forschungsteams, die die CO2-Bilanz nachhaltig bewirtschafteter sowie naturbelassener Wälder vergleicht.

Ausgangspunkt ist dabei die Feststellung, dass Wälder nicht beliebig viel Holzmasse anreichern können, also auch nicht beliebig viel CO2 aus der Luft aufnehmen können. Es gebe dafür ein natürliches Limit, heißt es in der Studie.

Zudem reicherten Wälder die Biomasse über die Jahre nicht gleichmäßig an. In sehr jungen und sehr alten Beständen geschehe das meist in geringerem Umfang. Das Maximum des Biomasseaufbaus werde in einem Bestandsalter von 30 bis 100 Jahren erreicht.

Der Vorschlag, Wälder einfach in Ruhe wachsen zu lassen, um in ihnen mehr Kohlenstoff anzureichern, ist für Studien-Mitautor Roland Irslinger von der Hochschule für Forstwirtschaft in Rottenburg am Neckar daher nicht zielführend. Ohne Nutzung verrotte das Holz am Ende im Wald. Dann werde genauso viel CO2 freigesetzt, wie zuvor in der Biomasse gespeichert wurde.

Irslinger, emeritierter Hochschulprofessor, befürchtet, dass sich dieser Prozess im Zuge der globalen Erwärmung ohnehin verstärkt. "Durch den Klimawandel sterben vermehrt Bäume und ganze Wälder ab. Die Wälder der Zukunft werden weniger biomassereich sein als heute", sagt er. Die absterbenden und verrottenden Bäume würden dann die Atmosphäre netto mit zusätzlichem CO2 belasten. Wegen des Klimawandels würden sie auch nicht in vollem Umfang nachwachsen können.

Sogenannte "hochbevorratete Waldökosysteme" werden deshalb mit zunehmendem Alter in Zukunft immer mehr zu Quellen von Treibhausgasen, heißt es in der Studie. "Je höher die Vorräte und je älter die Wälder, desto größer die potenziellen CO2-Emissionen."

Das wirft ein anderes Licht auf bisherige Strategien, CO2 gewissermaßen in Wäldern anzuhäufen. Bei ungünstiger Klimaentwicklung, etwa mit mehr Dürren und Bränden, könnte das schnell ins Gegenteil umschlagen.

Beton und Stahl durch Holz ersetzen

Die Studie plädiert keineswegs dafür, auf naturbelassene Wälder zu verzichten. Etwa ein Drittel der gesamten menschengemachten CO2-Emissionen der letzten 150 Jahre seien auf Entwaldung zurückzuführen, betont auch Irslinger. Noch vorhandene unberührte Wälder zu erhalten, sei deshalb sehr wichtig.

Die Forscher plädieren allerdings zugleich für eine möglichst umfassende nachhaltige Waldbewirtschaftung, bei der so viel Holz entnommen wird, wie wieder nachwächst. "Wachsen die Bäume kurzfristig wieder nach, werden die entsprechenden Mengen an CO2 zeitnah wieder gebunden", sagt Irslinger. "Unter dieser Voraussetzung ist Holz dann CO2-neutral."

Die Studie zeige auch tatsächlich, dass das Waldökosystem die Entnahme der Bäume ökophysiologisch kurzfristig kompensiert, und zwar vollständig. Es gebe sogar Hinweise auf eine positive Rückkopplung bei der CO2-Speicherung durch nachhaltige Waldbewirtschaftung.

In bewirtschafteten Wäldern führt die teilweise Öffnung des Kronendachs demnach zu mehr Licht, Wasser und Nährstoffen für die verbleibenden Bäume. Das erhöht die sogenannte Bruttoprimärproduktion des Waldes. Damit wird die gesamte von autotrophen Organismen fixierte Menge an Kohlenstoff in einem Ökosystem bezeichnet. Autotroph sind Organismen, die aus anorganischen Stoffen organische Stoffe herstellen können, wie zum Beispiel Pflanzen.

Genaue Angaben, wie viel CO2 sich durch nachhaltige Waldwirtschaft zusätzlich speichern lässt, gibt es bisher nicht. Irslinger schätzt, dass in der EU lediglich 75 Prozent des jährlichen Holzzuwachses "geerntet" werden. Da sei noch "deutlich Spielraum nach oben".

Entscheidend für den Klimaeffekt ist auch, was nach der Entnahme des Holzes mit diesem passiert. Wird es beispielsweise in Holzhäusern verbaut, bleibt der gespeicherte Kohlenstoff lange Zeit gebunden und trägt dadurch zu einer Verlangsamung der Klimaerwärmung bei. Der Einsatz von Holz anstelle extrem CO2-intensiver Baumaterialien wie Beton, Stahl oder Aluminium vermeidet ebenfalls Emissionen.

Holzkraftwerke bleiben umstritten

Ob die energetische Nutzung von Holz CO2 spart, bleibt umstritten. Dazu müsste das verfeuerte Holz wirklich klimaneutral gewonnen werden und dann bisher verwendete fossile Energieträger ersetzen. Nach Ansicht von Irslinger ist das zurzeit in Deutschland der Fall. Insbesondere trete Holz-Biomasse an die Stelle von Öl und Gas, die wiederum derzeit die Energie-Lücke füllten, die sich durch den Ausstieg aus Atomkraft und Kohle sowie den schleppenden Ausbau der Erneuerbaren ergebe.

Unbestritten ist aber: Dank der enormen CO2-Speicherkraft der Wälder könnte eine großflächige weltweite Aufforstung – nachhaltig betrieben – dem Klima helfen. Ein Kubikmeter Holz bindet im Schnitt 917 Kilogramm CO2. Neun Kubikmeter neu gebildetes Holz entsprechen damit rein rechnerisch den jährlichen Emissionen eines Menschen in Deutschland.

"Wir müssen dringend mit globalen Aufforstungen anfangen und begonnene Projekte fortsetzen", fordert auch Irslinger, der selbst schon solche Projekte in Afrika betreute.

Der Waldexperte warnt aber auch vor zu großen Hoffnungen. Zwar stünden zum Aufforsten weltweit einige hundert Millionen Quadratkilometer Land zur Verfügung. Der Zugriff auf die Flächen sei jedoch wegen unterschiedlicher Eigentumsverhältnisse problematisch, dazu kämen organisatorische und logistische Probleme. Auch politische Schwierigkeiten und Armut in vielen Ländern machten das Aufforsten nicht einfach.

Nicht zu vergessen: Je nach Boden, Klima und Baumart dauert es Jahre bis Jahrzehnte, bis der Zuwachs der neuen Wälder seinem Maximum nahekommt. Auch vor Bränden und Abholzung müssen solche Wälder geschützt werden.

Darüber hinaus sind, wie eben auch die Studie zeigt, Wälder nur so lange CO2-Senken, bis sie eine gewisse Menge an Biomasse angereichert haben. Gewinnen dann natürliche Zerfallsprozesse die Oberhand, verlieren die Wälder ihre Senkenfunktion. Spätestens ab diesem Zeitpunkt wäre es notwendig, die alten neuen Wälder nachhaltig zu bewirtschaften.

Lesen Sie dazu auch den Gastbeitrag von Sven Selbert: Ohne alte und naturnahe Wälder sind wir dem Klimarisiko nicht gewachsen

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