Bäume im Klimastress

Rund 277.000 Hektar sind abgestorben, zeigt der Waldzustandsbericht für 2020. Nun setzt ein Streit über die Hilfen für den Forstumbau ein. Die 1,5 Milliarden dienen dem Klimaschutz, sagt Agrarministerin Klöckner. Die Grünen sprechen von Gießkannenförderung.


Nadelwald aus der Vogelperspektive
Dem Wald geht es so schlecht wie schon lange nicht mehr. (Foto: Colin Behrens/​Pixabay)

Der deutsche Wald ist im Dauerstress. Drei Dürrejahre, massiver Borkenkäfer-Befall, Stürme und vermehrte Brände haben die Waldschäden deutlich ansteigen lassen. Rund 277.000 Hektar sind komplett abgestorben, und die Zahl der toten Bäume war noch nie so hoch wie derzeit.

Das geht aus dem am Mittwoch in Berlin von Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) vorgestellten Waldzustandsbericht 2020 hervor.

Der Anteil der Bäume ohne Kronenverlichtung – ein Anzeiger für die Vitalität – ist bundesweit auf nur noch 21 Prozent gesunken. Entsprechende Probleme fanden die Forstexperten bei 89 Prozent der Buchen, 80 Prozent der Eichen und Kiefern sowie 79 Prozent der Fichten.

Insgesamt wurde bei knapp 37 Prozent der Bäume festgestellt, dass sie mindestens 26 Prozent ihrer Blätter oder Nadeln vorzeitig verlieren. Der Wert für die Kronenverlichtung gehört zu den schlechtesten seit Beginn der Erhebungen, die seit 1984 gemacht werden. Damals hatte das vor allem vom sauren Regen ausgelöste Waldsterben Öffentlichkeit und Politik alarmiert.

Hierzulande ist rund ein Drittel der Landesfläche – 11,4 Millionen Hektar – mit Wald bedeckt. Nadelbäume machen 56 Prozent aus, Laubbäume 44 Prozent. Die Gesamtzahl der Bäume wird auf 90 Milliarden geschätzt. Im letzten Jahrzehnt hat die bewaldete Fläche um 50.000 Hektar, also um 0,4 Prozent, zugenommen. 

Klöckner erklärte: "Die Waldzustandserhebung zeigt: Unsere Wälder sind krank." Wer im Wald unterwegs sei, sehe die massiven Schäden. "Die Bilder großflächig abgestorbener Wälder haben sich bei vielen eingebrannt."

Beim Gegensteuern sei nun "ein langer Atem" erforderlich, sagte Klöckner. Dabei hätten sich die Bemühungen von Bund, Ländern und Waldbesitzenden für einen ökologischen Waldumbau bereits auf einem "sehr, sehr guten Weg" befunden. Dies sei aber durch Stürme, Dürre und Schädlingsbefall gebremst worden.

Die Ministerin verwies auf Hilfen im Umfang von insgesamt 1,5 Milliarden Euro, die Waldbesitzern für Wiederaufforstung und Waldumbau zur Verfügung gestellt würden. 800 Millionen umfasst das entsprechende Bund-Länder-Paket, 700 Millionen sind Mittel aus dem Corona-Konjunkturpaket der Bundesregierung. Bei dem Umbau geht es vor allem darum, anfällige Fichten-Monokulturen in klimastabilere Mischwälder umzuwandeln.

Der Deutsche Forstwirtschaftsrat beziffert die volkswirtschaftlichen Schäden der "klimawandelbedingten Extremwetterereignisse" der letzten drei Jahre auf rund 13 Milliarden Euro. "Die Folgen des Klimawandels gefährden den gesamten deutschen Wald und seine vielfältigen Leistungen für die Gesellschaft", sagte der Präsident des Rates, Georg Schirmbeck. Die von Bund und Ländern zur Verfügung gestellten Gelder seien ein "wichtiger Schritt". Sie reichten aber für Wiederbewaldung und Waldumbau bei Weitem nicht aus.

Umweltschützer warnen vor neuem Waldsterben

Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) appellierte unterdessen an die Waldbesitzer, die Finanzhilfen in zukunftsfähige Modelle der Waldbewirtschaftung zu investieren. Es könne nicht sein, dass allein "die Steuerzahler auf Dauer einspringen und für Schäden bezahlen", sagte Schulze der Agentur DPA.

Die Gesellschaft könne erwarten, dass die Waldeigentümer mit diesem Geld "Vorsorge betreiben". Der Klimawandel und der Verlust an biologischer Vielfalt seien im Wald deutlich sichtbar, sagte die Umweltministerin. Die Wälder könnten in der Klimakrise aber nicht helfen, solange sie selbst in kritischem Zustand seien.

Der Umweltverband BUND warnte angesichts der Zahlen aus Klöckners Report vor einem neuen Waldsterben. Die Bundesregierung müsse "endlich wirksame Klimaschutzmaßnahmen ergreifen und gleichzeitig Schadstoffemissionen aus Verkehr, Industrie und Landwirtschaft massiv reduzieren".

Nur wer seine Wälder ökologisch verträglich bewirtschafte, sollte Unterstützung erhalten. "Für eine verfehlte, zu intensive Forstwirtschaft sollte künftig kein einziger Euro Steuergeld mehr fließen."

Die Grünen merkten an, es räche sich nun bitter, dass der Umbau von anfälligen Nadelholz-Monokulturen viel zu lange versäumt wurde. Der klimastabile Wald der Zukunft brauche Vielfalt mit mehr Laubbäumen, mehr natürlichem Aufwuchs statt Anpflanzungen und deutlich weniger Holzentnahme, als zuwächst. Ministerin Julia Klöckner bleibt nach Ansicht der Grünen untätig und "verteilt Waldhilfen als Flächenprämie nach Gießkannenprinzip".

Die FDP kritisierte, angesichts der dramatischen Lage in den Wäldern seien die von Klöckner "ins Schaufenster gestellten Waldhilfen" völlig unzureichend. Die Bundesregierung habe es versäumt, "eine echte Waldschutzoffensive mit einem vorübergehenden, staatlichen Ankauf von Schadholz und dessen Bergung und Lagerung durch die Bundeswehr zu starten", sagte FDP-Fraktionsvize Frank Sitta.

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