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Ohne alte und naturnahe Wälder sind wir dem Klimarisiko nicht gewachsen

Die Nutzer-Lobby plädiert vehement für eine intensive Forstbewirtschaftung. Das ist klimapolitisch kontraproduktiv und entspricht nicht dem Stand der Wissenschaft. Alte Bäume binden über ihre Lebenszeit hinaus aktiv CO2 und sind deshalb für einen bewohnbaren Planeten unverzichtbar.


Sonnenlicht fällt in einen Laub-Nadel-Wald.
Laub- und Nadelwald. (Foto: László Maráz)

"Wir sind auf direktem Weg zu einem unbewohnbaren Planeten." Was sich wie das Zitat eines durchgeknallten Sektenführers liest, stammt vom Generalsekretär der Vereinten Nationen, António Guterres. So fasste er dieses Jahr die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Welträte für Klima und für Biodiversität, IPCC und IPBES, in einem einzigen Satz zusammen.

Die EU stellt dem Kontrollverlust über die Klimakrise und dem Sterben der Biodiversität im Green Deal ein international anerkanntes Schlüsselkonzept entgegen: Der Natürliche Klimaschutz zielt auf die Fähigkeit möglichst vitaler Ökosysteme, beide Bedrohungen gleichzeitig zu bekämpfen.

Vor allem den Wäldern kommt darin eine Schlüsselfunktion zu – als Hotspot der Biodiversität, riesiges Kohlenstoffreservoir, aktive CO2-Senke und als multifunktionales Werkzeug für die Anpassung an die negativen Folgen der Klimakrise.

Waldpolitisch ausformuliert wird der Natürliche Klimaschutz der EU in der europäischen Biodiversitätsstrategie, der europäischen Waldstrategie, dem jüngsten Entwurf einer EU-Verordnung zur Wiederherstellung geschädigter Ökosysteme sowie in den Klimazielen des Landnutzungssektors ("LULUCF"). Zusammen verlangen sie starke Maßnahmen zum Erhalt gesunder Waldökosysteme.

Mit der Umsetzung der EU-Vorgaben in Deutschland scheint es derweil den drei Grünen-geführten Ministerien (Landwirtschaft, Umwelt sowie Wirtschaft und Klima), die sich um Wald und Klimaschutz kümmern, halbwegs ernst zu sein. Diesen Monat wurde vom Agrarressort auch der "Zukunftsdialog Wald" gestartet.

Des Weiteren wurde ein neues Förderinstrument zur Inwertsetzung von Ökosystemleistungen vorgelegt. Bald soll es auch ein neues Bundeswaldgesetz geben.

Wie dem Energiesektor steht auch der Forst- und Holzwirtschaft ein fundamentaler Wandel bevor. Das erzeugt Begehrlichkeiten und harte Widerstände.

Besonders stark ist gerade der Streit darum entflammt, welchen Mehrwert flächenweise oder forstmethodische Einschränkungen der Holznutzung haben kann.

Schützen oder nutzen

Die Biodiversitätsstrategie der EU fordert – neben dem strikten Schutz von zehn Prozent und Einschränkungen der Nutzung auf 30 Prozent der Landesfläche aller EU-Staaten – ganz konkret den Schutz der old-growth forests, also alter und naturnaher Wälder.

Dabei geht es um Wälder mit vielen alten Bäumen sowie um Wälder, die aufgrund ihrer Nutzungsgeschichte strukturelle Merkmale einer hohen Naturbelassenheit und großen Waldbiodiversität zeigen. Dort, wo es keine unberührten Urwälder gibt, beherbergen diese Wälder die wertvollste Waldbiodiversität Mitteleuropas.

Nach den Vorstellungen der Holz- und Forstwirtschaft soll es aber ganz anders laufen als von der EU vorgesehen. Statt neue Standards für eine sanftere Waldbewirtschaftung oder mehr Schutzflächen zu etablieren, will die Branche den Wald insgesamt stärker nutzen und noch mehr Holz ernten.

So sollen jüngere Wälder mit weniger Holzvorrat entstehen. Auf der frei werdenden Fläche sollen dann mehr nichtheimische Wirtschaftsbaumarten eingebracht werden.

In dieser Konfliktsituation wird die Idee des Natürlichen Klimaschutzes besonders mit alten und naturnahen Wäldern zur Systemfrage.

Ausgerechnet unter dem Banner des Klimaschutzes drohte die FDP bereits damit, im Haushaltsausschuss die neue Förderlinie des Agrarministeriums für Ökosystemleistungen zu blockieren, falls damit Waldflächen ohne Holzernte honoriert würden.

Eingängige Thesen oder Stand der Wissenschaft

Für ihre Forderungen zieht die Nutzerlobby unter anderem Kraft aus Thesen, wie sie in einem Meinungsbeitrag der emeritieren Professoren Ernst Detlef Schulze und Roland Irslinger über "Die Rolle der Holzernte aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern im Kohlenstoffkreislauf" kürzlich wieder ausgebreitet wurden.

Diese Thesen lassen sich zu drei Schlachtrufen zusammenfassen:

  • Alte Wälder seien wenig produktiv und nützten dem Klimaschutz daher im Vergleich zu jungen, schnell wachsenden Forsten wenig.
  • Alte Wälder seien in der Klimakrise labil, brächen daher bald zusammen und würden dann zu CO2-Quellen – im Gegensatz zu jungen, starken Forsten.
  • Holzprodukte würden andere, emissionsintensive Produkte ersetzen. Der im Holz gespeicherte Kohlenstoff sei dort sicherer angelegt als in den lebendigen Wäldern.

Die Thesen von Schulze und Irslinger sind zwar eingängig, werden jedoch weder durch die Beobachtung der Realität im Wald bestätigt noch entsprechen sie dem Stand der internationalen Wissenschaft.

Letztere verfügt längst über eine empirisch untermauerte Strategie zur Umsetzung des Natürlichen Klimaschutzes. Am wichtigsten ist es demnach, bestehende besonders wertvolle Ökosysteme wie alte und naturnahe Wälder zu schützen.

An zweiter Stelle steht ein nachhaltiges Management der Wälder, etwa durch höhere gesetzliche Standards bei der Waldbehandlung.

An dritter Stelle steht die Wiederherstellung von Ökosystemfunktionen, beispielsweise durch Aufforstung oder Wiedervernässung von entwässerten Waldlandschaften und Waldmooren.

Kohlenstoffsenke Wald

Vor allem in den kommenden 20 Jahren braucht die Dekarbonisierung der CO2-intensiven Sektoren Energie, Verkehr und Industrie eine maximale Unterstützung durch negative Emissionen aus dem Landnutzungssektor. Und die einzige heute bereits existierende durch uns Menschen aktiv beeinflussbare Negativemissionstechnologie mit nennenswertem Volumen ist – die Kohlenstoffsenke gesunder Wälder.

Porträtaufnahme von Sven Selbert.
Foto: privat

Sven Selbert

ist Referent für Wald­natur­schutz und nachhaltige Wald­nutzung beim Natur­schutz­bund Deutschland (Nabu). Er hat Biologie und Geografie studiert und war zuvor für verschiedene Nicht­regierungs­organisationen und in der inter­nationalen Entwicklungs­zusammen­arbeit zu Waldthemen tätig.

Alte Wälder sind besonders vorratsreich. Und je größer der "geerntete" Vorrat, desto größer ist die CO2-Quellwirkung. Junge Bäume speichern aufgrund ihrer geringen Größe und dem schlechten Verhältnis von Volumen und Oberfläche selbst bei gutem Wachstum nur wenig Kohlenstoff.

Und selbst wenn die Verjüngung gut aufkommt, braucht es nach einem Kahlschlag bis zu einer Dekade Zeit, bis die Nettobilanz aus der Senkenleistung junger Bäume und der anhaltenden CO2-Ausgasung des Waldbodens wieder bei null steht.

Dürfen große Bäume dagegen weiterwachsen und Holzvorrat aufbauen, binden sie über viele Jahrzehnte bedeutend größere Mengen an CO2 als die am gleichen Ort nachwachsenden Jungbäume.

Es ist erwiesen, dass Naturnähe die Produktivität der Wälder steigert und alte Wälder weit über die Lebenserwartung der Baumindividuen hinaus aktiv CO2 binden.

Zuerst geschieht das vornehmlich im Holz lebender dicker Bäume, später steigt dabei die Bedeutung des Totholzes und der Waldböden.

Für Klimaresilienz kommt es auf den Bestand an

Bestände in Deutschland sind im Schnitt weniger als 80 Jahre alt, nur ein Bruchteil ist älter als 160 Jahre. Von drohender Überalterung und Sättigung der CO2-Speicherfähigkeit kann daher überhaupt keine Rede sein.

Wälder können im Kampf gegen den Klimawandel Verbündete sein – oder selbst zur CO2-Bombe werden. Ob sie die erhoffte Rolle als Klima- und Biodiversitätsretter erfüllen, hängt maßgeblich von ihrer Stabilität und Resilienz gegen immer extremere Wetterphasen, Schadereignisse und sich gegenseitig verstärkende komplexe Schadwirkungen ab.

Auch für Bäume gilt grundsätzlich auf individueller Ebene, dass Alter und Höhe ein Sterberisiko darstellen. Schulze und Irslinger konstruieren daraus die These, dass alte Wälder labil und für die Klimakrise nicht gewappnet seien.

Für die Frage der Klimaresilienz ist ökologisch wie waldbaulich aber nicht der Einzelbaum relevant, sondern der Bestand. Entscheidend ist, welche Wälder die Fähigkeit besitzen, sich selbst günstige Standortbedingungen zu schaffen, die die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten schädigender Extremereignisse verringern und deren Wirkung abmildern.

Und hier zeigt sich wissenschaftlich wieder eindeutig, dass naturnahe Wälder mit einer hohen Arten- und Strukturvielfalt klar im Vorteil sind. Gegenüber naturfernen Forsten sind sie deutlich weniger anfällig für Hitze, Dürre, Erosion, Windwurf, Brand, Schadinsekten und Krankheiten – also klimaresilienter.

Kritische deutsche Waldrealitäten

Der Stand der Wissenschaft deckt sich dabei gut mit der Betrachtung deutscher Waldrealitäten seit 2018. Die erfassten Waldschäden sind auf Rekordniveau. Auch junge, nicht standortangepasste Monokulturen sterben oder brennen zunehmend flächig ab.

Naturnähere Laub- und Mischwälder leiden zwar auch, puffern die Extreme aber besser ab und können als Bestand eher überleben.

Unterstützt wird diese Beobachtung auch durch das Schadholzaufkommen. Negativrekorde bei von Hitze, Dürre, Sturm und Schadinsekten betroffenen Wäldern trieben das Aufkommen von Nadelschadholz in den letzten fünf Jahren extrem nach oben, beim Laubholz lässt sich dieser Trend so noch nicht erkennen.

Eine weitere Parole der Befürworter einer Intensivforstwirtschaft lautet: Weil Wälder durch die Klimakrise einem erhöhten Schadrisiko ausgesetzt sind, sollten die nachwachsenden Kohlenstoffvorräte besser aus dem Wald in den Holzproduktespeicher verschoben werden.

Das Holz würde im Wald sonst nur verrotten und das CO2 wieder frei werden. In Holzprodukten dagegen sei der Kohlenstoff sicher oder würde trotz teils sehr kurzer Nutzungsdauer andere emissionsintensive Produkte ersetzen. Die stoffliche Holznutzung – bis hin zum Holz als Energiequelle – sei deswegen als aktiver und dauerhafter Klimaschutz anzuerkennen.

Holznutzung ist kein Klimaschutz

Diese These ist aus vielerlei Gründen zurückzuweisen.

Erstens betreibt das Argument eine Umkehrung von Ursache und Wirkung der Klimakrise. Dieser Logik folgend wäre es auch sinnvoll, das Torf der Moore als Brennstoff zu verwenden, statt sie durch Vernässung zu schützen.

Zweitens wird hier die Langlebigkeit und ökologische Bedeutung von Totholz missachtet.

Drittens werden die Erkenntnisse zu den CO2-Emissionen negiert, die durch die Holzernte selbst und die anschließende Holzverarbeitung entstehen. Denn die Holzernte setzt immer einen bedeutenden Teil des im Holz gespeicherten CO2 in sehr kurzer Zeit frei. Gängige Erntemethoden schädigen zudem häufig den Waldboden, wodurch weiteres CO2 ausgast.

Viertens ist der CO2-Speicher namens Holzprodukte nicht Fort Knox, sondern lediglich das Ergebnis eines Fließgleichgewichts. Der Kohlenstoff neuer Holzprodukte vergrößert sein Volumen, der Kohlenstoff verbrauchter Holzprodukte landet aber meist durch Verbrennung schnell wieder in der Atmosphäre.

Nur wenn beständig mehr oder immer langlebigere Holzprodukte produziert würden, könnte das Volumen des CO2-Speichers weiterwachsen. Fällt das Wachstum aber aus, erodiert der zuvor aufgeblähte Produktespeicher zwangsläufig und wird zu einer Quelle.

Deutschland emittiert derzeit netto rund 800 Millionen Tonnen CO2 jährlich. Die lebenden deutschen Wälder inklusive ihrer Böden nehmen netto etwa 60 Millionen Tonne CO2 jährlich auf – beachtliche acht Prozent der Nettoemissionen.

Die Senkenwirkung der Holzprodukte liegt dagegen netto bei nur etwa drei Millionen Tonnen jährlich. Der wissenschaftliche Beirat des Agrarministeriums beziffert das Senkenpotenzial des vielzitierten Holzneubaus sogar auf lediglich etwa 800.000 Tonnen jährlich.

Nur ein kleiner Teil des Kohlenstoffs im geernteten Holz landet tatsächlich in langlebigen Produkten, der weit größere Teil dagegen relativ schnell wieder in der Atmosphäre. So bleibt die langlebige Holznutzung zwar eine unbestreitbar gute Sache und ist sehr interessant für regionale Beschäftigung und Wertschöpfung. Ihr Klimaschutzpotenzial erscheint jedoch fast vernachlässigenswert klein – im Vergleich zum viel größeren Hebel für effektiven Klimaschutz, der im Waldbau steckt.

Fünftens wird beim Lob der Holzprodukte missachtet, dass die Substitutionswirkung vieler energieintensiver Produkte mit fortschreitender Dekarbonisierung der Herstellungsprozesse gegen null läuft. Der Flächenverbrauch und die schädlichen Emissionswirkungen bei der Holzernte bleiben jedoch auch in Zukunft konstant.

Naturnahe Wälder erschaffen ihr Klima selbst

Bei alldem lenkt die Verengung der Debatte auf CO2-Bilanzen von überlebenswichtigen Aspekten ab. Naturnahe Wälder helfen dabei, uns der Klimakrise anzupassen, indem sie deren schädlichen Folgen teils verhindern, teils mildern.

Naturnahe Wälder regulieren den Landschaftswasserhaushalt, bilden neues Grund- und Trinkwasser, schützen vor Hochwasser, vor Bodenerosion und -degradation und tragen zur Bodenneubildung bei.

Sie kühlen in Hitzewellen, sie mindern Waldbrandgefahr und filtern die Luft von Staub und Schadstoffen. Sie befördern unser körperliches und seelisches Wohlergehen jederzeit und direkt, nicht nur wenn wir sie besuchen.

Nicht ansatzweise ausreichend anerkannt wird heute der Fakt, dass Wälder im Wechselspiel mit Umwelt und Klima auf Landschaftsebene ihre klimatischen und biophysikalischen Bedingungen vor Ort maßgeblich selbst erschaffen.

Brandenburg trocknet nicht nur deswegen aus, weil es global heißer wird und lokal wenig regnet, sondern auch deswegen, weil über 70 Prozent der märkischen Wälder durch immerdurstige, leicht brennbare Kiefernplantagen charakterisiert sind. Sie verschieben den Landschaftswasserhaushalt aktiv in Richtung heiß und trocken und lassen Böden und Artenvielfalt verarmen.

Eine Wasserstrategie, die Brandenburg vor den Auswirkungen der Klimakrise schützt, muss den Waldumbau in Richtung Naturnähe ins Zentrum stellen.

Die Landnutzungs-Ziele der EU und Deutschlands für 2030 lassen sich nur über den Schutz der besonders vorratsreichen alten und naturnahen Wälder und eine Erhöhung der Waldvorräte insgesamt erreichen. Die Grünen-geführten Ministerien scheinen diese Erkenntnis vorerst auch gegen Widerstände innerhalb der Ampelregierung in die Praxis umsetzen zu wollen.

Ganz konkret fordert die EU aber auch den strikten Schutz aller verbliebenen old-growth forests. Die Überführung in eine Bewirtschaftung mit natürlicher Waldentwicklung ohne Holznutzung schützt nicht nur ihre enormen Kohlenstoff-Reservoirs, sondern intensiviert gleichzeitig die Nutzung der vielfachen ökologischen Leistungen.

Von Lobbygruppen gern angeführte, aber wissenschaftlich schlecht fundierte Scheinargumente dürfen uns also nicht länger den Blick vernebeln. Zum Abbiegen auf den Weg in Richtung eines bewohnbaren Planeten muss der Auftrag der EU zum Schutz und Nutzen der alten und naturnahen Wälder erfüllt werden. Darauf zu verzichten, können wir uns gar nicht leisten – denn ohne sie werden wir das Klimarisiko nicht beherrschen.

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