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Fehlende Kohlestrategie, fossile Energiekriege und der Wandel der Versorger

Kalenderwoche 28: Ein Anstieg bei den Erneuerbaren und ihre Marktfähigkeit allein reichen nicht aus, um den Kohlestrom zu verdrängen, sagt Claudia Kemfert, Professorin für Energiewirtschaft, Chefin des Energie- und Umweltbereichs am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung DIW und Mit-Herausgeberin von Klimareporter°. Dafür braucht es einen struktierten Kohleausstieg.


Claudia Kemfert. (Foto: Stanislav Jenis)

Immer wieder sonntags: Unsere Herausgeber erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Claudia Kemfert, Professorin für Energiewirtschaft und Chefin des Energie- und Umweltbereichs am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung DIW.

Klimareporter°: Frau Kemfert, im ersten Halbjahr wurde in Deutschland mehr Ökostrom als Kohlestrom erzeugt – lag das an der vielen Sonne oder ist trotz aller Hürden der grüne Strom wettbewerbsfähiger geworden? Erleben wir quasi einen Kohle-Ausstieg durch die Hintertür?

Claudia Kemfert: Schön wärs. Solange der Kohle-Anteil auf hohem Niveau bleibt und kaum sinkt, können wir von einem marktwirtschaftlich getriebenen Kohleausstieg nicht sprechen. Dass die erneuerbaren Energien im Strommix zulegen, ist zwar erfreulich, allerdings wird ihr weiterer Ausbau massiv gebremst.

Der Anstieg bei den Erneuerbaren allein reicht auch bei Weitem nicht aus, den Kohlestrom zurückzudrängen, dazu fehlen die nötigen klimapolitischen Maßnahmen wie eine Klimaabgabe oder höhere Emissionsgrenzwerte. Damit die Energiewende weitergeht und die Klimaziele erreicht werden, brauchen wir dringend einen strukturierten Kohleausstieg. Und der muss heute beginnen und spätestens 2030 abgeschlossen sein.

Die Preise für Solar- und Windstrom sinken weiter und die Branche hofft, bald ohne EEG-Förderung auszukommen. Nicht wenige sagendass die Erneuerbaren ohne EEG besser dran sind als mit, weil das EEG das Wachstum im Grunde knebelt. Wie realistisch ist diese Strategie?

Eine aktuelle Untersuchung meiner Kollegen am DIW zur zukünftigen Förderung erneuerbarer Energien zeigt deutlich, dass sogenannte Differenzverträge viele Vorteile aufweisen: Bei niedrigem Strompreis wird die Differenz an die Anlagenbetreiber gezahlt und bei hohem Strompreis zurückgezahlt, die entstanden Stromkosten und -erlöse werden an die Stromkunden weitergegeben.

So werden sowohl die Risiken für die Projektentwickler und Anlagenbetreiber geschmälert als auch die Kosten für die Verbraucher verringert. Das erscheint als ein durchaus interessantes und attraktives Modell für die künftige Einbeziehung der erneuerbaren Energien in das Marktsystem.

Die Digitalisierung des Energiesystems bringt viele neue Geschäftsmodelle hervor wie den direkten Stromaustausch zwischen Privatleuten oder lokale Plattformen, wo gemeinschaftlich Solarstrom, E-Mobilität, Strom- oder Wärmespeicher per Smart Grid kombiniert werden. Welche Chancen haben diese Konzepte? Können sie die großen Versorger gefährden?

Die Chancen sind durchaus groß, da sich der Markt komplett verändert und gerade auch Privatpersonen und dezentrale Anbieter erneuerbarer Energien als Marktakteure auftreten. Das wird den Markt genauso schnell und stark verändern wie die IT-Technologie insgesamt.

Die großen Versorger werden in der Zukunft keine großen Versorger mehr sein, der Markt wandelt sich rasant. Auch diese Versorger sind Teil des neuen Marktgeschehens, aber sicherlich nicht mehr in der bisherigen Marktgröße. Der Wettbewerb nimmt zu, das ist gut für die dezentrale und smarte Energiewende.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Dass wir inmitten fossiler Energie-Kriege sind, in dem Anbieterländer vor allem von Öl und Gas um Marktmacht, geostrategische und ökonomische Interessen kämpfen, ist seit Jahrzehnten bekannt. Entsprechendes Verhalten kannte man jedoch in der Vergangenheit eher von arabischen Ölscheichs oder russischen Oligarchen. Dass nun auch noch ein US-amerikanischer Präsident derart unverhohlen und plump für die eigene Gasindustrie kämpft, ist neu und auch überraschend.

Sicherlich ist die geplante Nord-Stream-Pipeline von Russland nach Deutschland zu kritisieren, sie ist teuer und widerspricht den Klimazielen und den Zielen der europäischen Energieunion nach mehr Diversifikation der Energieimporte. Zudem verursacht sie Lock-in-Effekte, die eine zügige Transformation zu erneuerbaren Energien eher blockieren und verhindern.

Präsident Trump geht es bei seiner Kritik an Nord Stream jedoch einzig und allein darum, US-Flüssiggas nach Europa transportieren zu können, es geht um reine Wirtschaftsmacht. Wir sind inmitten fossiler Energiekriege. Das fossile Imperium schlägt zurück, mit aller Macht.

Fragen: Jörg Staude

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