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Von den Grenzen des Stoffbeutels

Jetzt fordern sogar Bundesminister ein Plastiktütenverbot. Unser Kolumnist ist Anhänger einer konsequenten Tütenbepreisung, um unnötiges Plastik zu verhindern, warnt aber: Ein Totalverbot hätte unbeabsichtigte Folgen.


Einkaufswagen
Ein Leben ohne Plastiktüte ist möglich. Aber wie? (Foto: Barbara Bumm/​Pixabay)

Wir wussten am Wochenende nicht recht, was wir essen sollten anlässlich unseres Besuchs bei der Schwiegermutter in Oberbayern. Vor dem Biosupermarkt, der am Weg liegt und der einzige ist in der Gegend, hatte sich, wie jeden Samstag, ein Fischhändler aufgebaut mit seiner "mobilen Räucherei". Frisch geräucherte Forellen, dazu ein knackiger Salat, das wäre doch was Feines, dachten wir.

Die Fische kamen aus dem Walchensee, der seit bald hundert Jahren auch der nachhaltigen Energieproduktion dient. Sie waren noch warm und dufteten herrlich. Der nette Händler erbot sich noch, die Mittelgräten zu entfernen, schlug die Filets dann in Papier und steckte sie, meinen Widerstand ignorierend, in eine Plastiktüte. Die legte ich in den mitgebrachten Stoffbeutel und schmiss ihn auf den Rücksitz des Wagens.

Wie gut, dass ich mich diesmal nicht durchgesetzt hatte mit meiner Plastiktütenabstinenz. Denn die warmen Räucherfischhälften suppten ohne Ende. Ohne die Hülle wäre der ganze Einkauf, wie man in Oberbayern sagt, ein einziger Batz (Duden: "breiige, klebrige Masse") gewesen, vom ruinierten Rücksitz des Autos ganz zu schweigen. Die Fischsuppe hätte ich vermutlich nie mehr rausbekommen aus dem Polster. Vielleicht wäre das ganze Auto nicht mehr zu retten gewesen, denn wer will schon in einer mobilen Räucherkammer unterwegs sein?

Natürlich könnte man einwenden, dass der olle Euro-5-Diesel eh auf den Schrott gehört. Außerdem wäre ich ja selbst schuld gewesen an dem Desaster, denn niemand zwinge mich, Räucherfisch zu kaufen. Und mit Karotten, Sellerie und Kartoffeln für den veganen Gemüseeintopf wäre das nicht passiert, wobei es, wie man weiter argumentieren könnte, nicht schaden würde, auch die fleischaffine Schwiegermutter an eine klimafreundliche Lebensweise heranzuführen. Außerdem gebe es schöne, wiederverwertbare Plastik-, Holz- oder Glasgefäße, in die man feuchte Lebensmittel hineinlegen und gefahrlos im Elektroauto nach Hause transportieren könne.

Das ist alles gut und richtig. Aber das Leben ist nun einmal bekannt dafür, dass sich nicht alles planen lässt. Es ist schon schwer genug, immer daran zu denken, eine ausreichende Zahl von Stoffbeuteln dabei zu haben, neben dem Regenschirm, den Handschuhen, den Hundekotbeuteln und dem anderen Kram, mit dem man dann irgendwann daherkommt wie ein Frachtschiff seiner selbst.

Verkannter Zusatznutzen

Und es kommt leider nicht selten vor, dass ich in bester Absicht gleich drei Beutel zum Einkaufen mitnehme und dann trotzdem mit diversen Plastiktüten nach Hause zurückkehre, weil man eben noch dies und jenes gesehen, gekauft und der Platz dann nicht gereicht hat.

Ich will damit zum Ausdruck bringen, dass ich ein gänzliches Verbot von Plastiktüten, wie es jüngst Entwicklungshilfeminister Gerd Müller gefordert hatte, für übertrieben hielte. Denn Plastiktüten haben einen Nutzen, der weit über den eines einfachen Transportbehälters hinausgeht. Man kann darin zum Beispiel auf der Reise schmutzige Schuhe verstauen, man kann sie als Regenschutz über den Fahrradsattel ziehen, man kann darin Spargel und Salat im Kühlschrank frisch halten. Das vermeidet Lebensmittelabfälle.

Und wie hätte ich die schönen, neuen, tierfreundlich produzierten Daunendecken aus dem Münchner Fachgeschäft für Bettenbedarf mit dem Radl nach Hause transportieren sollen als in – extra großen Plastiktüten? Über die erwähnten Anwendungsgebiete hinaus gibt es noch Dutzende weiterer Einsatzmöglichkeiten, bis die Tüten, wenn sie alt und dreckig sind, in der Tonne landen. Dann helfen sie dabei, den Hausmüll zu verbrennen.

Foto: Monika Höfler

Der Kolumnist

Der Autor und Journalist Georg Etscheit lebt in München – und regt sich leidenschaftlich gern über die kleinen und großen Stressmomente des Alltags auf.

 

Dass viele der Beutel jetzt Geld kosten, finde ich gut, und der Obolus hat ja schon etwas bewirkt. 2015 lag der Pro-Kopf-Verbrauch noch bei 68 Tüten, jetzt hat er sich bei weniger als der Hälfte eingependelt. Das ist kein Dreck, wie man in Bayern zu sagen pflegt. Ich hätte auch nichts dagegen, die dünnen, transparenten "Hemdchenbeutel" – ein Vertreter dieser Gattung hatte mich vor der Fischsuppe gerettet – ebenfalls mit einer Abgabe zu belegen.

Doch es gibt wohl kaum einen Gegenstand des täglichen Lebens, der so nützlich ist wie eine Plastiktüte. Eigentlich darf man es gar nicht laut sagen, aber ich habe vor ein paar Tagen im Supermarkt extra eine Handvoll Plastiktüten gekauft, nur so.

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