Jänschwalde steigt auf Abfall um

Am Standort des Braunkohlekraftwerks Jänschwalde will der Lausitzer Kohlekonzern Leag eine "Energie- und Verwertungsanlage" bauen. Möglicherweise will sich das Unternehmen absichern, falls die Kohleverstromung früher endet als bisher geplant.


Mülltonnen
Kohleausstieg hin oder her, Müll gibt es immer. (Foto: 3268zauber/​Wikimedia Commons)

Im kommenden Oktober geht der zweite 500-Megawatt-Block des Braunkohlekraftwerks Jänschwalde vom Netz – und in die mehrjährige "Sicherheitsbereitschaft". Die Stillllegung der restlichen vier Blöcke im Zuge des Kohleausstiegs ist aus heutiger Sicht von 2022 bis nach 2030 möglich.

Selbst wenn in Jänschwalde früher oder später keine Braunkohle mehr verbrannt wird – zur deutschen CO2-Belastung wird der Standort weiter beitragen, wenn die Lausitzer Braunkohle AG (Leag) ihre dortigen Pläne umsetzt. Das Unternehmen bereitet, wie es kürzlich mitteilte, die Genehmigungsunterlagen für den Bau einer "Energie- und Verwertungsanlage" (EVA) in Jänschwalde vor. Dort sollen laut Leag "aufbereitete, nicht recycelbare Abfälle thermisch verwertet werden". Baubeginn könne 2021 und Inbetriebnahme 2024 sein.

Verglichen mit der Braunkohleanlage ist die geplante Müllverbrennung energetisch ein Zwerg. Vorgesehen sind 200 Megawatt Wärme- und 50 Megawatt elektrische Leistung. Bis zu 100 Megawatt sollen als Fernwärme – vor allem für die Städte Cottbus und Peitz – sowie stündlich bis zu 150 Tonnen Prozessdampf für industrielle Anwendungen ausgekoppelt werden, sagen die Leag-Pläne.

Neu ist die "thermische Verwertung" von Abfällen in Jänschwalde nicht. In den noch laufenden Braunkohle-Blöcken werden seit Jahren aufbereitete kommunale Siedlungs- und Gewerbeabfälle mitverbrannt – im Umfang von derzeit rund 430.000 Tonnen jährlich. Der dort verwendete besonders heizwertreiche Sekundärbrennstoff (SBS) ersetzt nach Leag-Angaben rund drei Prozent der sonst eingesetzen Braunkohle.

In derselben Größenordnung sollen künftig auch in der neuen EVA Abfälle verbrannt werden. Der hierfür eingesetzte Energieträger nennt sich in der Branchensprache ein wenig anders – Ersatzbrennstoff (EBS) –, besteht aber im Wesentlichen aus derselben Art Abfälle.

Geht der Zeitplan für das Müllkraftwerk auf und läuft die Braunkohleverbrennung auch nach 2024 noch, "würde sich die Gesamtmenge des am Standort thermisch behandelten Abfalls für eine Übergangszeit erhöhen, in der Mitverbrennung und EVA Jänschwalde noch parallel betrieben werden", erklärt Leag-Sprecherin Kathi Gerstner.

Mit Müllverbrennung den Kohleausstieg überdauern

Beobachter vermuten allerdings, dass sich das Leag-Management mit dem Bau der EVA auf ein früheres Ende der Braunkohleverstromung in Jänschwalde einstellt. René Schuster vom Umweltverband Grüne Liga hält einen gleichzeitigen Betrieb beider Anlagen für unwahrscheinlich, weil der Absatz an Fernwärme nach Cottbus und Peitz sich nicht verdoppeln werde.

"Die für 2024 angestrebte Inbetriebnahme passt nicht zu einem Betrieb des Alt-Kraftwerks bis etwa 2030, wie ihn die Leag bisher propagiert hat", sagt Schuster. "Der Konzern scheint also mit einem deutlich früheren Ende der alten Kraftwerksblöcke zu rechnen."

Energie aus Abfall

Laut der 2018 vom Umweltbundesamt vorgelegten Studie "Energieerzeugung aus Abfällen" werden in Deutschland jährlich etwa 48 bis 50 Millionen Tonnen Müll – Verpackungen, Siedlungs- und Gewerbeabfälle, Holz, Klärschlamm, Kunststoffe, Kantinen- und Küchenabfälle, Bauabfälle, Altreifen, Deponiegas, Gülle – in Strom und Wärme umgewandelt. Das geschieht in Müllverbrennungsanlagen, Kraftwerken, Zementwerken, Sondermüllverbrennungen, Vergärungs- und anderen Anlagen.

 

Damit werden laut Studie 3,7 Prozent des deutschen Endenergieverbrauchs gedeckt. Die CO2-Emissionen der Energieerzeugung aus Abfällen beziffert die Untersuchung auf elf bis 16 Millionen Tonnen, knapp zwei Prozent der Gesamtemissionen Deutschlands.

 

Angesichts des relativ geringen Anteils an der Energieerzeugung verweisen Experten darauf, dass beim Einsatz von Abfällen in Kraftwerken nicht die Gewinnung von Strom und Wärme im Vordergrund stehe, sondern die Bewältigung der wachsenden Abfallmengen.

Auch die Eile, mit die Abfallverbrennung vorangetrieben wird, spricht aus Sicht der Umweltschützer dafür, dass sich die Leag in Jänschwalde für den Fall der Fälle absichern will. So wurden die Vorhabens-Unterlagen vom zuständigen Landesamt für Umwelt Brandenburg bereits an die Träger öffentlicher Belange verschickt. Schon für den 4. Juni ist ein erster Anhörungstermin geplant.

Die Frage, wie hoch die CO2-Emissionen aus dem Jänschwalder Müllkraftwerk sein werden, ist derzeit kaum zu beantworten. Der eingesetzte Ersatzbrennstoff besteht im Schnitt zu 50 Prozent aus biogenen Anteilen wie Lebensmittelabfällen. Wird dieser Teil verbrannt, gilt das – wie in Biomassekraftwerken – als klimaneutral. Allerdings sind die Studien, aus denen der 50-Prozent-Anteil abgeleitet wurde, schon mehrere Jahre alt. Ob das heute noch so ist, ist fraglich.

Wegen des biogenen Anteils liegen die CO2-Emissionen des Ersatzbrennstoffs laut verschiedener Quellen etwa in Höhe derjenigen von Erdgas oder sogar leicht darunter. Verglichen mit den Braunkohleblöcken wird die Jänschwalder EVA deswegen Strom und Wärme deutlich emissionsärmer erzeugen – im Vergleich zu Wind und Sonne sähe das aber ganz anders aus.

Strom aus Müllkraftwerken fällt rechtlich sogar unter das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Wenigstens aber kommt der Strom nicht auch noch in den Genuss der EEG-Förderung.

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