Der Umwelt zuliebe

Sein Leben online zu organisieren – vom täglichen Einkauf bis zur Partnersuche – verspricht nicht nur Zeitersparnis und Bequemlichkeit, sondern auch ein gutes Umweltgewissen. Inzwischen muss man daran zweifeln.  So sollen große Onlinehändler Retouren einfach einstampfen.


Immer mehr wird online erledigt – shoppen, Partnersuche, Essen bestellen. Für die Umwelt hat das fragwürdige Folgen. (Foto: Gerd Altmann/​Pixabay)

Ich kenne schon eine Menge Leute, die sich übers Internet kennengelernt hatten. Nicht nur handysüchtige global nomades oder digital natives, sondern ernsthafte Menschen. Erst dachte ich ja, das kann doch nicht sein, dass irgendeine Maschine aus Einsen und Nullen die Leute verkuppelt. Erfolgreich sogar. Wo habt ihr euch kennengelernt? Im Netz! Sehr romantisch klingt das nicht.

Aber es ist ja auch viel angenehmer, seinen Traumpartner bequem am Schreibtisch oder auf dem Sofa auszusuchen, als in irgendeiner Kneipe oder Bar die Zeit mit schlechten Drinks und Salzstangen totzuschlagen, bis jemand zur Tür hereinkommt, mit dem oder der man es mal wagen könnte. Oder an organisierten Bergwanderungen mit spleenigen Einzelgängern teilzunehmen, die einem nächtens im Matratzenlager die Ohren vollschnarchen, in der Hoffnung dass mehr funkt als das Sankt-Elms-Feuer am Gipfelkreuz.

Trotzdem bin ich heilfroh, dass ich nicht zwecks allfälliger Partnersuche an der täglichen Fleischbeschau auf dem Online-Marktplatz teilnehmen muss. Schreckliche Vorstellung: wenn alles passt, Aussehen, politische Orientierung, Literatur-, Musik- und Urlaubspräferenzen. Aber dann hat das virtuelle Gegenüber bei der ersten Kontaktaufnahme jenseits des Cyberspace Mundgeruch oder schlecht geschnittene Fußnägel. Oder ist notorischer Vielflieger und Klimawandelleugner.

Was, wenn der Algorithmus doch nicht so narrensicher zum ultimativen Match führt? Gibt’s eigentlich auch bei Datingportalen ein Rückgabe- oder Umtauschrecht?

Ökologischer Irrsinn im Retourenzentrum

Gerade machte eine Meldung Furore, wonach Amazon jede Menge von den Kunden zurückgeschickte Waren einfach verramscht oder wegschmeißt. Möbel, Rasenmäher, Waschmaschinen Handys, Pflanzen, Lebensmittel. Unerhört! Schon 2014 recherchierte die Zeit, dass die Deutschen pro Jahr auf 144 bis 290 Millionen Rücksendungen kämen. Insgesamt wurden damals bereits mehr Pakete an Onlinehändler zurückexpediert, als die Deutschen privat untereinander verschickt hatten. Das war vor vier Jahren!

Jetzt gab es wieder großes Wehklagen, etwa beim Bundesumweltministerium, das pflichtgemäß zu Protokoll gab, das gehe ja nun gar nicht, großer Skandal und so weiter. Umwelt-Staatssekretär Jochen Flasbarth wurde mit dem bemerkenswert naiven Satz zitiert: "Ich bin überzeugt, dass viele Verbraucher von einem solchen Verhalten schockiert sind und es auch nicht akzeptieren werden."

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Dabei wissen wir doch alle, die wir so gerne und bequem online ordern, dass die Retouren längst Ausmaße angenommen haben, die alle Vorstellungen sprengen. Dass sich Leute von einem Kleidungsstück gleich ein halbes Dutzend Varianten und Größen bestellen für die heimische Modenschau, gehört längst zum normalen virtuellen Einkaufsbummel. Zwar unterhalten die großen Versender gigantische Retourenzentren, in denen Billigarbeiter die Sachen aufbügeln, säubern, wieder einschweißen. Schon das ein ökologischer Irrsinn. Doch (zu) vieles wandert eben auf den Müll.

Ich habe mir erst zweimal Klamotten im Netz bestellt. Beide Male entsprachen sie nicht meinen Vorstellungen, obwohl die Größe stimmte. Einmal waren die Ärmel zu lang, ein andermal sah das Stück in echt einfach doof aus. Zurückgeschickt habe ich die Sachen nicht: zu kompliziert! Und die Schlangen am Postschalter! Sie sind dann zu meiner Schande irgendwann in den Altkleidercontainer gewandert. Seither habe ich beschlossen, keine Klamotten oder Schuhe mehr im Netz zu kaufen und die Blicke der Verkäufer auszuhalten, wenn man wie Narziss im Geschäft vor dem Spiegel posiert.

Ich weiß nicht, wohin die Einkauferei im Internet noch führen soll. In den USA sollen schon viele Glitzermalls dicht gemacht haben, weil alle vom Sofa aus shoppen. Ich halte das nicht mal für eine besonders schlechte Nachricht, weil ich Shoppingmalls immer gehasst habe.

Der Kolumnist

Der Autor und Journalist Georg Etscheit aus München engagiert sich seit vielen Jahren im Umwelt- und Naturschutz. (Foto: Monika Höfler)

Aber leider verschwinden auch immer mehr Geschäfte des, wie es so schön heißt, stationären Einzelhandels. Irgendwann bestehen die Innenstädte nur noch aus Coffeeshops und Asia-Schnellrestaurants, in denen Touristen die Zeit totschlagen und beobachten, wie auf den Straßen Fahrradkuriere und Paketdienste die Einheimischen versorgen.

Kleiner Lichtblick: Die Otto-Gruppe, Deutschlands größter Versandhändler, macht ihre Kunden mit dem Hinweis "der Umwelt zuliebe" auf das Retourenproblem aufmerksam, sobald sie das gleiche Kleidungsstück in drei oder mehr Größen in den virtuellen Warenkorb legen. Dadurch sei die Rücksendungsquote schon signifikant gesenkt worden, heißt es.

Ich kenne das aus vielen Hotels, wo man aufgefordert wird, "der Umwelt zuliebe" die Handtücher, die man noch einmal benützen will, auf den Handtuchalter zu hängen. Mach ich immer, trotzdem werden einem meist jeden Tag wieder frische aufgedrängt. Nix zu machen.

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