Wer darf morgen noch fliegen?

Die provokante Frage kann leicht beantwortet werden: Alle! Doch die ökologischen Kosten müssen sichtbar und die Alternativen besser, günstiger und angesagter werden. In anderen Worten: Wir brauchen keine "Flugscham", sondern endlich eine mutige Politik.


Die Malediven werden immer öfter von Touristen angeflogen – und sind vom Anstieg des Meeresspiegels bedroht. (Foto: Kingkurt22/​Wikimedia Commons)

Trotz zaghafter Bemühungen um eine klimafreundlichere Mobilität droht der Verkehrssektor seine CO2-Einsparziele krass zu verfehlen. Gerade Fliegen ist schlecht fürs Klima, trotzdem wächst der Flugverkehr rasant – die Airlines vermelden weiter Buchungsrekorde. Da hilft es wenig, dass der Anteil der Flugreisenden, die mit einem schlechten Gewissen in den "Flieger" steigen, ebenfalls wächst. Immer öfter füllen dafür Berichte über fliegende Klimaschützerinnen und Umweltaktivisten im Sommerloch den Boulevard.

So richtig es ist, in einer Kultur von Konsum und Instagram darauf hinzuweisen, auf welchen ökologischen Abwegen wir uns befinden, so falsch ist es, sich dabei auf das Individuum zu konzentrieren. "Unsere Kultur setzt 'Umweltbewusstsein' allzu oft mit persönlichem Konsumverhalten gleich", schrieb kürzlich die New Yorker Essayistin Mary Annaïse Heglar. "Während wir damit beschäftigt sind, uns gegenseitig auf Reinheit zu prüfen, geraten die Regierung und die Industrie – die Urheber der Verwüstung – völlig aus dem Blick." 

Den Sinkflug für den internationalen Flugverkehr einläuten

Es sind die Privilegien einer ganzen Branche, die den einzelnen Passagier erst in das moralische Dilemma stürzen. Flüge sind bislang aufgrund offener und versteckter Subventionen viel zu günstig. Ihr Preis steht heute nicht auf einem ökologischen Stoppschild geschrieben, das jeden und jede deutlich dazu auffordert, auf Flüge zu verzichten. Kerosin muss endlich angemessen versteuert werden, internationale Flüge dürfen nicht weiter umsatzsteuerbefreit sein und die externen Kosten, beispielsweise die Auswirkungen auf das Klima, müssen eingepreist werden.

Porträtaufnahme von Oliver Powalla.
Foto: privat

Zur Person

Oliver Powalla ist Energiewendeaktivist und aktives Mitglied bei den Berliner Grünen. Er arbeitet beim Bundesverband Solarwirtschaft (BSW Solar).

Die französische Regierung tastet sich mit einer Ökosteuer auf Flüge langsam vor und argumentiert völlig zu Recht mit "egalité", Gleichheit. Es ist schlicht unfair, wenn Auto- und Bahnfahrten gerade die unteren und mittleren Einkommensklassen belasten, während die Wohlhabenden mit Steuererleichterung nach Stuttgart oder Sydney fliegen.

Umfragen des Instituts für transformative Nachhaltigkeitsforschung IASS in Potsdam zeigen, dass die Zustimmung zum Klimaschutz steigt, wenn höhere Kosten an anderer Stelle kompensiert werden. Die Einnahmen aus einer umfassenden Besteuerung des Flugverkehrs sollten deshalb genutzt werden, um eine alternative Reiseinfrastruktur aufzubauen.

Der Zugverkehr muss europäisch geplant und organisiert werden, mit länderübergreifenden Hochgeschwindigkeitszügen und vereinfachter Buchung – von Warschau nach Marseille zu Preisen, die für die breite Bevölkerung bezahlbar sind und auf einer einzigen Internetseite reserviert werden können.

Flughafenausbau stoppen, Inlandsflüge vom Markt drängen

Schon bevor der Pannen-Airport BER fertig ist, wollen manche über seine Erweiterung reden. Dabei ist jeder vierte Flug von und nach Berlin ein Inlandsflug, und davon könnten wiederum 80 Prozent durch Bahnreisen von maximal vier Stunden ersetzt werden.

Zur Person

Georg Kössler ist Klimaaktivist und umweltpolitischer Sprecher der Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus. Kürzlich erntete er einen Shitstorm in den sozialen Medien, nachdem die AfD öffentlich gemacht hatte, dass er schon einmal in die USA geflogen ist.

Die "Slots" für diese Flüge müssten erst einmal an Verbindungen abgegeben werden, die nicht auf dem Landweg zurückgelegt werden können. Ein Ausbau ist daher entschieden abzulehnen. Regionalflughäfen dürfen nicht weiter mit Steuergeldern quersubventioniert werden.

Natürlich brauchen wir ein besseres und bezahlbares Angebot auch bei der Deutschen Bahn. Aber wir müssen uns trauen, die sinnlosen Inlandsflüge aktiv vom Markt zu drängen, zum Beispiel über eine Reform der Flughafenentgelte und der Luftverkehrssteuer.

Die Lufthansa-Tochter Eurowings hat die Flugverbindung Nürnberg–Berlin bereits eingestellt, weil sie nicht mehr genügend ausgelastet war. Diese Tendenz muss politisch verstärkt werden: Kein Flug darf mehr günstiger sein als die Bahnverbindung auf gleicher Strecke.

Ein kultureller Wandel, den die Politik nur unterstützen kann

Die Zeit der Billigflieger und der Vielfliegerei geht ihrem Ende zu. Das ist kein grüner Traum, sondern Realität, wenn wir den Schutz des Planeten ernst nehmen. Wir brauchen eine kulturelle Hinwendung zu "Slow Travel" und Entschleunigung. Instagram-Bilder aus dem Sauerland statt von Bali!

So etwas kann politisch nicht verordnet werden, wir müssen uns aber stärker als bisher unserer Vorbildwirkung bewusst sein. Reden wir mehr über die Romantik einer Nachtzugfahrt nach Lissabon statt über das Koffer-Chaos in Berlin-Tegel!

Unsere Gesellschaft muss sich darüber verständigen, wie sie in Zukunft mobil sein will. Bisher gilt die Devise: Wie kann ich möglichst mobil sein? Wir fragen uns ständig, wo wir noch nicht waren, wie wir günstig dahin kommen und wie wir mehr von der Welt sehen können.

Stattdessen sollte die Frage doch sein: Wie mobil muss ich sein, um mich zu entspannen, um mit lieben Menschen Zeit verbringen zu können oder um Neues zu entdecken?

Damit die freie Antwort auf diese Fragen nicht nur reichen Menschen offensteht, sollte auch über Stipendien und Gutscheine nachgedacht werden. Diese könnten unter anderem an Familien mit Migrationsgeschichte ausgegeben werden, die auf internationale Reisen angewiesen sind. Geld dafür ist genug im System, wenn der Flugverkehr endlich seine wahren Kosten begleicht.

Flugwerbung verbieten

Es wird eine Zeit dauern, solche Maßnahmen mutig umzusetzen und eine neue Kultur des Reisens zu etablieren. Erste Schritte könnten aber schnell realisiert werden. Beispielsweise ein Verbot für Flugwerbung ähnlich wie bei der Tabakwerbung und eine Dokumentation der CO2-Emissionen auf Flugtickets und auf den Buchungsseiten der Fluggesellschaften.

Auch wenn die Kompensationsangebote für Treibhausgase zu Recht in der Kritik stehen, sollten unvermeidliche Flugreisen zwingend ausgeglichen werden. Das Land Berlin tut dies bereits für seine eigenen Flüge. Wenn der rot-rot-grüne Senat sich selber ernst nähme, würde er auf Dienstreisen mit dem Flugzeug weitestgehend verzichten.

Schluss mit falschen Debatten!

Wenn Christian Lindner den demonstrierenden Schülerinnen und Schülern von Fridays for Future vorwirft, sie würden die Schulpflicht missachten, dann hat er einen perfiden Grund dafür, wie der Europaabgeordnete Erik Marquardt zu Recht feststellte.

Wenn das Boulevardblatt Bild von zertrampelten Möhrenfeldern berichtet und die CDU von angeblich gewaltbereiten Öko-Terroristen im Hambacher Wald, dann tun sie das auch nicht ohne Grund. Und wenn die AfD gegen Klimaaktivisten wie uns trollt, weil wir uns die Welt angeschaut haben, dann ist das Teil derselben Strategie: Sie alle wollen nicht über echten Klimaschutz reden.

Genau das müssen wir aber tun, und zwar dringlicher als je zuvor. Also, lassen wir uns nicht verunsichern und nehmen wir die Fluggesellschaften in den Fokus, anstatt die Passagiere zu diffamieren. Arbeiten wir daran, dass der Planet für uns Menschen bewohnbar bleibt und es weiterhin schön ist, ihn zu bereisen.

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