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Das Erdgas-Drama

Strom aus Erdgas verursacht nur 30 Prozent der CO2-Emissionen von Kohlestrom. Doch 30 Prozent sind nicht null – darum geht es aber jetzt. Heute noch groß in Erdgaskraftwerke zu investieren dürfte sich als Fehler erweisen, wenn die Anlagen nicht einfach an "klimaneutrales" Gas anpassbar sind.


Erdgas: Keine saubere Sache. (Foto: Tim Reckmann/​Flickr, CC BY 2.0)

Die Sicherheit des deutschen Stromsystems steht infrage. Ob sie in Zukunft noch gewährleistet oder zum Abbau freigegeben ist – darüber wird gestritten.

In Deutschlands Politik spielt sich dazu eine bemerkenswerte Auseinandersetzung ab. Äußerer Anlass ist der anstehende Übergang von einer dominant fossilen Stromerzeugung zu einer erneuerbaren.

Der Konflikt, der im Kern ein konzeptioneller ist, wird bemerkenswerterweise aber nicht offen geführt, sondern versteckt. So geht der Streit nicht um das Konzept, sondern um einzelne Kraftwerkstypen. Das vermischt sich dann mit Standortinteressen und einem Ost-West-Konflikt.

Das Stromsystem ist etwas sehr Labiles. Seine Stabilität ergibt sich nicht von allein – sie muss aktiv erzeugt werden.

Vor diesem Hintergrund gilt in populistischer Denkweise: Verbrennungskraftwerke sind sicher, weil zur Feuerung des Dampferzeugers Brennstoffe hineingegeben werden, wie der Bedarf es eben verlangt.

Kraftwerke auf erneuerbarer Basis hingegen sind unsicher, weil sie in der Regel nur "Zappelstrom" erzeugen und obendrein hilflos sind in der berüchtigten "Dunkelflaute".

Zwischen diesen beiden diametralen Optionen liegen die biogenen Brennstoffe. Die sind erneuerbar und zugleich dosiert verbrennbar. Sie werden als Joker gern gezogen, begrifflich ist der Konflikt dann gelöst. Doch das gilt nicht generell, da lügt man sich in die eigene Tasche und vernachlässigt, dass die biogenen Brennstoffe nur sehr, sehr begrenzt zur Verfügung stehen.

Der stetige Ersatz von Verbrennungskraftwerken durch erneuerbare Kraftwerke mache deshalb, so die Befürchtung, das Stromsystem immer labiler. Es befinde sich auf einer schiefen Ebene – hin zum unausweichlichen Total-Blackout.

Porträtaufnahme von Hans-Jochen Luhmann.
Foto: Wuppertal Institut

Jochen Luhmann

studierte Mathematik, Volkswirtschafts­lehre und Philosophie und promovierte in Gebäude­energie­ökonomie. Er war zehn Jahre als Chefökonom eines Ingenieur­unternehmens und 20 Jahre am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie tätig. Er ist Vorstands­mitglied der Vereinigung Deutscher Wissen­schaftler (VDW) und Herausgeber der Zeitschrift Gaia.

Begonnen habe dies, geht die Denkweise weiter, mit dem Beschluss im Jahr 2011, die Kernkraftwerke, die ebenfalls Dampfkraftwerke sind, in Deutschland bis 2022 schrittweise abzuschalten. Am 3. Juli 2020 wurde dann beschlossen, dasselbe mit Kohlekraftwerken bis spätestens 2038 zu machen.

Einen letzten Halt geben da nur die Gaskraftwerke. Aber auch der kann nicht ewig andauern, denn Erdgas ist nun einmal ebenfalls ein fossiler Energieträger. Auch aus seiner Nutzung muss bis 2050 vollständig ausgestiegen werden. Bis dahin muss man diese Art der Energieerzeugung schrittweise auf null herunterfahren.

So geht diese landläufige Vorstellung. Sie nimmt allein die Seite des Strom-Angebots in den Blick und lässt dort die Alarmglocken läuten.

Anstatt aber ein anderes, ein erneuerbares Konzept für die Sicherheit des Stromsystems den Fachgesellschaften und -Institutionen wie ACER und CEER zur Debatte zu überlassen, wird einfach unterstellt, dass ein solches Konzept ohne große Verbrennungskraftwerke nicht aufgehen könne. Das seien Wolkenkuckucksheime von wirklichkeitsfremden Intellektuellen.

Wiederholt sich das Diesel-Drama beim Erdgas?

Die Erdgaswirtschaft sieht diese Debatte gelassen. Es ist nun einmal so, dass beim Ersetzen der Erzeugung von Strom aus Kohle auf eine aus Erdgas – und dann noch in modernen Gas-und-Dampfturbinen-Kraftwerken – die CO2-Emissionen pro Kilowattstunde etwa um den Faktor drei sinken.

Das ist eine spektakuläre Minderung. Die Erdgaswirtschaft verfügt also über ein verführerisches Angebot. Es liegt so nahe, ihren Schalmeienklängen zu folgen, dieses Potenzial zu nutzen.

In den USA hat der Umstieg von Kohle auf Erdgas in der Stromerzeugung innerhalb von nur fünf Jahren zu einem Rückgang der CO2-Emissionen um fast eine Milliarde Tonnen pro Jahr geführt. Das ist ein regelrechter "Absturz" der CO2-Emissionen – eine Milliarde Tonnen entsprachen vor wenigen Jahren noch ungefähr den gesamten Emissionen Deutschlands.

Doch zugleich ist klar: Eine Minderung auf 30 Prozent ist keine auf null – um die geht es aber jetzt. Heute noch groß in Erdgas-Kraftwerke zu investieren dürfte sich als eine Fehlinvestition erweisen, wenn die Anlagen nicht einfach an "klimaneutrales" Gas anpassbar sind.

Wird nun in großem Umfang fehlinvestiert, mit dem bloßen Blick auf Ziele kurz vor der Nasenspitze, dann gibt es später keinen gangbaren Weg mehr, um die gesetzten Klimaziele einzuhalten. Eben darauf setzt dieser Wirtschaftszweig, wenn er eine politische Strategie und Debatte befördert, die kein 2050er Ziel vor Augen hat.

Bei der Diesel-Technologie war das nicht anders. Auch der Diesel-Pkw war klimafreundlicher als seine aktuellen Konkurrenten. Doch er bot keine Perspektive, um durch stetige Weiterentwicklung, also ohne einen Technologie- und Infrastruktur-Bruch, auf null zu kommen. Der Diesel war konzeptionell eine Investition in eine Sackgasse hinein.

Die Dieselstrategie, die vor allem die deutschen Autohersteller und die Gewerkschaften hier verfolgten, konnte wirtschaftlich nur aufgehen, solange die Politik ihre Klimapolitik nicht in eine ernsthafte Industriepolitik übersetzte. Das Dieseldrama, so zeichnet es sich ab, droht sich nun als Erdgas-Drama zu wiederholen.

Länder fordern Gaskraftwerke an Kohle-Standorten

Im Zusammenhang mit dem Ausstieg aus der Braunkohle kam es bereits zu einem scharfen Konflikt zwischen Bundesregierung und Bundesrat, wobei die Vermutung gilt, dass hinter der Position des Bundesrates die der ostdeutschen Kohle-Länder steht.

Die Bundesregierung hatte bei einem Treffen zwischen der Bundeskanzlerin und den Ministerpräsidenten der Kohle-Länder am 15. Januar dieses Jahres zugesagt, "zusätzliche Gaskraftwerkskapazitäten" zu schaffen und damit "den Wegfall großer Mengen regelbarer Energie an bisherigen Kraftwerksstandorten" zu ersetzen, und das auch noch mit dem Standorthinweis "zum Beispiel in Jänschwalde" garniert.

Als der Bund dann das Gesetzgebungspaket zum Kohleausstieg vorlegte, suchten die Länder vergeblich nach der Einlösung dieses Versprechens. Bei den Beratungen zum Kohleausstieg versuchte der Bundesrat deshalb, erhebliche Veränderungen am Gesetzentwurf der Bundesregierung zu erreichen.

Kohlekraftwerk und Gaskraftwerk in Mellach bei Graz in Österreich.
Kohle-Großkraftwerke durch Erdgas-Großkraftwerke ersetzen – eine Idee mit begrenztem Klimaschutzpotenzial. (Foto: TM 04 04/​Wikimedia Commons)

Die Länderkammer forderte unter anderem: "Zur Umsetzung der Bund-Länder-Einigung zum Kohleausstieg vom 15. Januar 2020 wird die Bundesregierung aufgefordert, unverzüglich die geeigneten Rahmenbedingungen für den Neubau und den Betrieb von Gaskraftwerken an bestehenden und vom Kohleausstieg betroffenen Standorten zu schaffen."

Woraufhin die Bundesregierung in ihrer Gegenäußerung nur lapidar antwortete: Ist alles bereits enthalten.

Diesen Konflikt löste nun der Bundestag, faktisch mit der Mehrheit der Regierungskoalition, mittels eines Entschließungsantrags, der in der letzten Beratungsrunde zum Kohleausstiegsgesetz am 3. Juli verabschiedet wurde.

Im Wortlaut: "Der Deutsche Bundestag stellt fest, dass Deutschland aus Gründen der Versorgungssicherheit und Netzstabilität weiterhin auf steuerbare Stromerzeugungsanlagen angewiesen ist. Um hierfür eine bereits vorhandene Infrastruktur wie Dampfturbinen, Generatoren, Netzanbindungen sowie die erforderliche Logistik für den Brennstofftransport nutzen zu können, erscheint es sinnvoll, bestehende Kohlekraftwerke so zu modernisieren, dass ein flexibler und hocheffizienter Weiterbetrieb auf Basis anderer Brennstoffe möglich ist."

Investitionen mit Erpressungspotenzial

Die zum Einsatz kommende Kraftwerkstechnik, heißt es weiter, solle "jedoch so ausgelegt sein, dass sie dem langfristigen Ziel der Treibhausgasneutralität 2050 dient, beispielsweise indem die Anlagen von Erdgas auf Wasserstoff umgestellt werden können oder indem nachhaltige Biomasse zum Einsatz kommt. Entscheidend ist auch, dass die Anlagen sich in einen Strommarkt mit wachsenden Anteilen volatiler Stromerzeugung aus Wind- und Solaranlagen einfügen können. Hierfür ist eine flexible Fahrweise erforderlich. Speichertechnologien und Elektrolysemöglichkeiten können dies unterstützen."

Damit ist, vereinfacht gesagt, vonseiten der Regierungskoalition klargestellt: Es sollen Dampfkraftwerke sein. Nur so kann man bestehende "Dampfturbinen" und "Generatoren" weiterhin nutzen. Und es sollen bestehende Kohlekraftwerke in diesem Sinne umgerüstet werden – also Großkraftwerke.

Es wird dann auch, beispielhaft, gesagt, dass es sich im ersten Umstellungsschritt um Erdgaskraftwerke handeln soll. Diese Anlagen sollen aber von vornherein so ausgelegt sein, dass ihre spätere Umstellung auf Wasserstoff mit wenig Aufwand möglich ist.

Das scheint weitsichtig und ein Durchbruch in der Debatte zu sein. Erstmals gibt es ein maßgebliches Dokument, in dem gesagt wird: Gas ist nicht gleich Erdgas.

Angesichts der Herausforderung, bis 2050 zu 100 Prozent klimaneutral zu werden, was auch für den Endenergieträger Gas gilt, sollen Gasinfrastrukturen und gasnutzende Anlagen heute so eingerichtet werden, dass ihre spätere Nutzung für andere Gasqualitäten, vor allem Wasserstoff, ohne großen Zusatzaufwand möglich wird.

Die Politik baut damit vor gegen stranded investments der Erdgas-Wirtschaft beziehungsweise gegen das Erpressungspotenzial durch diese absehbar auf Grund laufenden Investitionen.

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