Sozialdemokratische Sinnkrisen, verkannte Wähler und nervende Autos

Kalenderwoche 49: Einkaufsstraßen in Städten können ihren Umsatz steigern, wenn der Autoverkehr reduziert wird, sagt Andreas Knie, Sozialwissenschaftler, Mobilitätsforscher und Mitherausgeber von Klimareporter°. Breite Straßen nur für Autos braucht niemand mehr, das scheint nun auch in Berlin anzukommen.


Andreas Knie. (Foto: InnoZ)

Immer wieder sonntags: Unsere Herausgeber erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Professor Andreas Knie, Sozialwissenschaftler mit den Schwerpunkten Wissenschaftsforschung, Technikforschung und Mobilitätsforschung. Sein Steckenpferd ist das Verkehrswesen von morgen.

Klimareporter°: Herr Knie, in Deutschland müssen Benzin- und Dieselsteuern steigen, fordern wichtige Regierungsberater wie Ottmar Edenhofer. Die Einnahmen könnten so rückverteilt werden, dass Geringverdiener mehr profitieren als bei den derzeitigen Energiesteuern. Warum macht sich die SPD solche Forderungen eigentlich nicht zu eigen? 

Andreas Knie: Die Sozialdemokratie hat sich vorgenommen, den autofahrenden Dieselbesitzer in den Mittelpunkt ihrer Politik zu stellen und ihn vor zu vielen politischen Übergriffen zu schützen. Analog dem Motto "Bild kämpft für den Diesel" kämpft jetzt die SPD gegen weitere Verschärfungen bei Grenzwerten für Schadstoffe und Treibhausgase.

Sie hofft als Partei zu überleben, wenn sie dem vermeintlichen "kleinen Mann" wieder entgegenkommt. Dass es den aber so nicht mehr gibt und sich das soziale Elend auf völlig anderen Politikfeldern wie der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik abspielt, hat die SPD übersehen.

Das private Verbrennerauto zu fördern, um es zum Schlüssel für den sozialen Aufstieg zu machen, das hat in den 1950er und 1960er Jahren geklappt, das funktioniert heute aber nicht mehr. 

Weil die Politik ihre Klimaschutzverprechen nicht einhält, wollen mehrere Kläger nun den Druck erhöhen und ziehen gegen Bundesregierung und Parlament vor Gericht. Was halten Sie von solchen Klimaklagen?

Die Klagen vor den Gerichten laufen ja nur deshalb, weil es ein jahrzehntelanges Politikversagen gab. Man wollte – gerade im Verkehr – nichts tun. Weder der Bund noch die Länder oder die Kommunen. Im Glauben daran, dass die Menschen ihr Auto lieben, hat man alles unterlassen, was Alternativen möglich und attraktiv macht. Dabei ist sträflich übersehen worden, dass die Mehrheit der Menschen vom Auto genervt ist, und zwar am allermeisten diejenigen, die Autos benutzen.

Es sind viel zu viele geworden. Wir brauchen eine Deckelung der Automengen. Mehr als 35 Fahrzeuge auf 100 Einwohner sind nicht notwendig. Wir kämen locker mit der Hälfte der jetzigen Flotte aus, allen wäre gedient, wir hätten viel mehr Freiheiten.

Während in Katowice verhandelt wird, ist die Menschheit längst nicht auf Kurs, um die Pariser Klimaziele einzuhalten. Weltweit war 2017 das bisher verheerendste Extremwetter-Jahr, auch 2018 stieg der CO2-Ausstoß wieder an, mehr als schon im Vorjahr. Mit welchen Gefühlen schauen Sie in die Zukunft?

Mit gemischten Gefühlen. Wir brauchen im Verkehr – und auch für die gesamte Gesellschaft – neue Perspektiven. Die alten Geschichten vom Traum auf eigenes Häuschen mit eigenem Auto und einer lebenslangen Festanstellung sind ausgeträumt. Viele Jahrzehnte lief das prima. Aber jetzt sind weder der Platz noch die Ressourcen noch der Wille dazu da.

Die digitale Gesellschaft ist eine Multioptionsgesellschaft, die alles jederzeit und überall verfügbar haben möchte und die Vielfalt der Möglichkeiten braucht. Für diese gigantischen Individualisierungs -und Pluralisierungstendenzen fehlen uns aber die passenden Gesellschaftsformate.

Die Menschen haben sich sozusagen aus ihren eigenen Träumen befreit, ohne aber neue sinnstiftende gemeingesellschaftliche Vergewisserungen zu schaffen. Jetzt wird überall nach Sinn und Orientierung gesucht. Wir müssen also die Vielfalt und Unterschiedlichkeit mit der Idee der Gemeinschaft neu verbinden.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Die langsam sich durchsetzende Erkenntnis, dass Einkaufsstraßen wie beispielsweise die Berliner Friedrichstraße ihren Umsatz dann steigern, wenn der Autoverkehr reduziert und mehr Platz für Fahrradfahrer und Fußgänger geschaffen wird. Breite Straßen mit vielen Autos, die schnell durch die Stadt brausen, das ist ein historisches Bild für Urbanität, aber es taugt nicht mehr für heute. Das scheint sich langsam auch in Berlin herumzusprechen.

Fragen: Verena Kern

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