Hoffnung auf CO₂-Trendwende war verfrüht

Nachdem die Kohlendioxid-Emissionen einige Jahre fast konstant blieben, sind sie nun schon das zweite Jahr in Folge deutlich angestiegen statt zu fallen. Wissenschaftler mahnen den zügigen Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas in allen Wirtschaftsbereichen an.


Kohlekraftwerk Singrauli
Wachstum um jeden Preis: In Indien lassen Kohlekraftwerke und weitere Quellen die CO2-Emissionen stark steigen. Andere Länder sind kaum besser. (Foto: International Accountability Project/​Flickr)

Die Hoffnung, dass das vergangene Jahr nur ein "Ausreißer nach oben" war, ist jetzt endgültig zerstört. Die fossilen CO2-Emissionen sind nun das zweite Jahr in Folge wieder angestiegen. Laut einer Studie, die heute unter anderem im Fachmagazin Nature erschienen ist, haben die Emissionen im Jahr 2018 um 2,7 Prozent zugenommen – mit einer Unsicherheit zwischen 1,8 und 3,7 Prozent.

"Der Anstieg im vergangenen Jahr konnte noch als einmalig angesehen werden, aber in diesem Jahr ist das Wachstum noch höher", sagte Koautor Glen Peters vom Zentrum für Internationale Klima- und Umweltforschung Cicero in Oslo. "Es ist jetzt kristallklar, dass die Welt es nicht schafft, einen Kurs einzuschlagen, der mit dem Pariser Klimaabkommen vereinbar ist." In ihrer Studie stützen sich die Wissenschaftler auf vorläufige Daten aus Energiestatistiken für das Jahr 2018.

Bereits im Jahr 2017 waren die Emissionen im Vergleich zum Vorjahr um 1,6 Prozent gestiegen. Dabei hatte es lange nach einer Trendwende ausgesehen: Nachdem die weltweiten CO2-Emissionen durch fossile Brennstoffe, Industrie und Zementherstellung in den 2000er Jahren noch über drei Prozent jährlich zugelegt hatten, schwächte sich das Wachstum danach ab. Von 2014 bis 2016 blieben die Emissionen sogar nahezu gleich.

Weltweit wird weiter Kohle, Öl und Gas verbrannt

"Der Anstieg im Jahr 2018 bringt uns auf einen Erwärmungspfad, der derzeit auf weit über 1,5 Grad führt", sagte Studien-Hauptautorin Corinne Le Quéré, die das Tyndall Center für Klimaforschung an der britischen Universität von East Anglia leitet. "Es reicht nicht, die erneuerbaren Energien zu fördern. Die Anstrengungen zur Dekarbonisierung müssen sich durch alle Wirtschaftsbereiche ziehen."

Die Studie mit dem Namen "Global Carbon Budget" erscheint schon zum 13. Mal und wurde vom sogenannten Global Carbon Project durchgeführt, in dem sich über 70 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus 15 Ländern zusammengeschlossen haben.

Grund für den Anstieg ist laut Global Carbon Project vor allem, dass weiterhin viel Kohle, Öl und Gas verwendet wird. Verantwortlich für den Anstieg der Emissionen seien denn auch alle Länder – entweder durch steigende Emissionen oder dadurch, dass sie ihre Emissionen nicht genug reduziert hätten.

Einen großen Beitrag dürfte aber China geleistet haben. Die Emissionen in dem Land, das für 27 Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes verantwortlich ist, sind um 4,7 Prozent gestiegen. Gründe dafür können laut den Wissenschaftlern eine hohe Bautätigkeit und mehr Wirtschaftswachstum sein.

"Die letzten zwei Jahre haben gezeigt, dass es für China nicht so einfach ist, sich schnell von der Kohle zu verabschieden", sagte Jan Ivar Korsbakken vom Cicero. Die Kohle werde das chinesische Energiesystem auf Jahre dominieren. Ein noch stärkeres Wachstum hat allerdings Indien zu verzeichnen. Dort sind die Emissionen um sechs Prozent gestiegen.

"Wir hängen ökonomisch im 20. Jahrhundert fest"

Auch in den USA sind die Emissionen in diesem Jahr angestiegen, und zwar um 2,5 Prozent. Grund dafür sei vor allem, dass durch das heiße Wetter im Sommer viel gekühlt und im Winter viel geheizt wurde, heißt es beim Global Carbon Project. In der EU sind die Emissionen leicht gesunken, der Rückgang ist mit 0,7 Prozent aber immer noch viel geringer als im Jahrzehnt vor 2014, wo sie teilweise um bis zu zwei Prozent zurückgingen.

Es gibt aber auch gute Nachrichten: Im Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre sanken in insgesamt 19 Ländern die Emissionen, obwohl das Bruttoinlandsprodukt stieg. Darunter waren auch EU-Länder wie Dänemark, Frankreich und die Niederlande.

Hoffnung hat auch die ehemalige Chefin des UN-Klimasekretariats, Christiana Figueres. Das Ziel, die Wirtschaft bis 2050 zu dekarbonisieren, scheine zwar weit entfernt, "weil wir in den ökonomischen Konstrukten des 20. Jahrhunderts feststecken", schreibt Figueres in einem Kommentar zu der Studie in Nature.

Auf der anderen Seite würden die Erneuerbaren immer billiger, immer mehr Städte und Unternehmen engagierten sich für den Klimaschutz und einige Länder hätten auch schon signalisiert, dass sie ihre Beiträge zum Pariser Klimaabkommen anheben wollten, so Figueres. "Die Aufgabe für die Minister und Regierungen, die sich gerade in Katowice zur Klimakonferenz treffen, ist es, diesen Schwung zu verstärken und jeden an Bord zu behalten."

Alle Beiträge zur Klimakonferenz COP 24 in Polen finden Sie in unserem Katowice-Dossier

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