Verbietet die Inlandsflüge!

Der Verkehr in Deutschland verweigert sich seit vielen Jahren dem Klimaschutz. Ein Verbot von Flügen innerhalb Deutschlands könnte die dringend nötige Verkehrswende anstoßen – und nebenbei zu einer gesetzlich geregelten Entschleunigung führen. Ein Gedankenexperiment.


Lufthansa Flugzeug
Was haben Inlandsflüge und Rauchen in Restaurants gemeinsam? Ein Verbot würden die Menschen akzeptieren, sagt Andreas Knie. (Foto: Lapping/​Pixabay)

Es gibt kaum etwas Langweiligeres als die Verkehrspolitik. Alles scheint festgelegt, alles ist Routine. Über Verkehr wird nicht nachgedacht, der passiert einfach nur.

Auffällig und politikrelevant wird Verkehr nur dann, wenn er nicht funktioniert. Mega-Stau auf der Autobahn, Flughafenräumung oder Böschungsbrand an der ICE-Trasse. Wenn alles wieder fließt und läuft, dann verschwindet der Verkehr aus den täglichen Nachrichten wieder. So war es viele Jahre. Aber es ändert sich etwas.

Der Verkehr beginnt uns dauerhaft Sorgen zu machen. Den Klimazielen kommen wir überall näher, nur im Verkehr nicht, und es stockt und staut sich mittlerweile dauerhaft auf den Straßen, auf der Schiene und an den Flughäfen.

Doch kein Politiker will an das heiße Eisen Verkehr heran. Wehe, wenn die Freiheit des Autofahrers eingeschränkt wird, dann wählen alle nur noch AfD – heißt es. Mit Verboten kann man nichts erreichen – so ein viel zitierter Irrglaube. Immer noch kommt sofort der Hinweis, dass die Forderung nach fünf Mark für den Liter Benzin den Grünen vor 20 Jahren die Wahl vermasselt habe.

Doch Menschen sind nicht doof. Sie reagieren auf die bestehenden Umstände und nutzen ihre Vorteile, aber sie reflektieren darüber und versuchen ihr Verhalten in Einklang mit Vernunft zu bringen. Menschen möchten ihr Tun erklären und begründen können, sie wollen Sinnvolles tun. Viele Jahre empirischer Forschung in Psychologie und Soziologie zeigen das, und es ist an der Zeit, sich dieser Erkenntnisse auch in der Klimapolitik zu erinnern.

Es könnte also auch anders gehen. Regelwerke und Verbote werden durchaus akzeptiert, wenn sie einer höheren Einsicht folgen und wenn – das ist natürlich die Kehrseite der Medaille – Alternativen parat stehen und auch gelebt werden können.

Erstes Beispiel: In Restaurants, in Flugzeugen und Bahnen darf nicht mehr geraucht werden. Von Gesetzes wegen verboten! Menschen haderten kurz, akzeptierten und suchten Alternativen. Draußen vor der Tür oder in den wenigen Minuten, in denen der Zug im Bahnhof hält.

Das Rauchverbot kam spät, aber es kam und es wird von allen akzeptiert. Man kann sich gar nicht mehr vorstellen, wie es früher einmal war. Und es gehört zum gesellschaftlichen Konsens, dass Rauchen gesundheitsschädlich ist und Raucher ihre unmittelbare Umgebung gefährden. Man könnte sagen, die Raucher sind gesellschaftlich isoliert, sie wissen das, sie leiden auch, aber sie nehmen das Verbot doch beinahe klaglos hin.

Das Fliegen passt zum durchgetakteten Leben

Ein zweites Beispiel: das Fliegen. Mittlerweile sind wir durch das Internet alle sehr dicht getaktet und versuchen möglichst viele Termine in einem Kalender unterzubringen, der aber dummerweise immer nur die gleiche Zahl von Tagen und Stunden verfügbar hat. Die Folge ist, dass die Reisezeit immer kürzer kalkuliert wird und der "Flieger" daher eine immer wichtigere Option als Verkehrsmittel ist.

Allerdings gehört es mittlerweile auch zum kollektiven Wissensstand, dass man im Alltag viel für den Klimawandel tun kann, aber jede Flugreise die persönliche CO2-Bilanz aus den Fugen schmeißt. Man könnte sogar eine Faustformel aufstellen: Wer das Klima retten will, darf nicht mehr fliegen.

Andreas Knie
Foto: InnoZ

Der Autor

Andreas Knie ist Professor für Soziologie an der TU Berlin und Politikwissenschaftler am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Seine Forschungsfelder sind Wissenschafts-, Technik- und Mobilitätsforschung. Knie ist außerdem Mitherausgeber von Klimareporter°.

Doch auf Inlandstrecken über 500 Kilometer ist das Flugzeug oft günstiger und schneller als die Bahn oder gar das eigene Auto. Der Inlandsflieger hat dabei noch mit überhaupt keiner Ächtung zu kämpfen. Im Gegenteil. Man hat nach der Pleite von Air Berlin den Eindruck, dass gerade die Hauptstadt, in der ich lebe und arbeite, um jeden Fluggast kämpft.

In allen Beispielen sind Zwänge und Alternativen sowie der Einklang mit einer höheren Vernunft daher sehr ungleich und mit Blick auf das Klima sehr asymmetrisch verteilt.

Wagen wir deshalb ein Gedankenexperiment. Was wäre, wenn Flüge innerhalb Deutschlands einfach verboten wären? Weder von Hamburg nach München noch von Berlin nach Stuttgart oder gar von Köln nach Frankfurt am Main könnte man dann den Flieger nehmen. Was würde passieren?

Problem für Bonn-Berlin-Pendlergemeinde

Möglicherweise wären die Flughäfen in München, Frankfurt und Düsseldorf nicht unglücklich, weil sie mehr Slots für die ertragreicheren internationalen Verbindungen zur Verfügung hätten. Unglücklich wären Flughafenbetreiber wie in Berlin, die vorwiegend von innerdeutschen Verbindungen leben.

Natürlich ergäben sich auch für die Bonn-Berlin-Pendlergemeinde des Bundestages und der Bundesministerien einige Nachteile. Die Arbeitsteilung innerhalb der Ministerien müsste überdacht werden. Morgens eine Besprechung in Berlin, abends wieder zurück an den eigentlichen Dienstsitz nach Bonn, das ginge dann nicht mehr.

Aber auch das geschäftliche Leben wäre beeinträchtigt. Denn der Alltag läuft ja so: "Ich sage Ihnen die Keynote zu, mit dem Flieger schaffe ich das gerade noch." Man drückt und zwängt die Termine noch in den Kalender – man will ja gerne dabei sein – und kann das alles nur erreichen, weil es den Flieger gibt. Was wäre bei einem Flugverbot?

Der Dialog würde anders geführt: "Sorry, aber das schaffe ich jetzt nicht, bitte beim nächsten Mal früher anfragen." Die Termine im geschäftlichen Deutschland wären weniger dicht, wobei sich das eine oder andere Gespräch sicherlich auch mittels moderner Kommunikationsmöglichkeiten fernmündlich führen ließe. Großkonzerne könnten aber nicht wie bisher die Führungskräfte schnell mal zu Meetings irgendwo in Deutschland zusammenrufen.

Es gäbe aber genügend Alternativen, und ein Verbot wäre – wenn es früh genug angekündigt wird – möglicherweise für viele mehr eine Entlastung als ein Problem. Jedenfalls könnte man in diesem Fall so etwas wie eine staatlich angeordnete Entschleunigung von Prozessen erwarten. Die wirklich Wichtigen, die Schönen und Reichen würden sicherlich Wege finden, das innerdeutsche Flugverbot zu umgehen, aber der Untergang des Abendlandes würde genauso wenig eintreten wie nach dem Rauchverbot.

Flüge in die Ferne: Warum nicht limitieren?

Gut, aber was passiert mit den Flügen ins Ausland? Menschen, die die Welt kennen, sind offener und toleranter gegenüber dem Fremden. Menschen, die viel unterwegs sind, gelten in der Regel als aufgeschlossener. Zur Verständigung zwischen den Kulturen gehören auch Begegnungen. Sicherlich ist damit weniger ein "All-in"-Urlaub auf "Dom-Rep" gemeint, aber man kann gut behaupten, dass die im wahrsten Sinne des Wortes gemachten "Erfahrungen" die Horizonte erweitern. Insofern sind auch Fernflüge ein Mittel zur Völkerverständigung.

Andererseits ist die wachsende Zahl der Flugbewegungen eine ernste Bedrohung für das Weltklima. Da eine globale CO2-Steuer immer noch in weiter Ferne liegt und die Flüge daher tendenziell eher noch günstiger werden als teurer, wäre eine Deckelung der Flugbewegungen, sagen wir einmal auf maximal drei Flüge pro Jahr und Mensch, eine Option. Die Flugbewegungen sind weltweit alle personalisiert, das wäre technisch also machbar.

Man könnte sich vorstellen, dass diese drei Flüge dann auch auf einem Marktplatz gehandelt werden und jeder nicht Fliegende dann ein interessanter Geschäftspartner wäre. Mit gut 80 Millionen Einwohnern wäre in unserem Land ja ein beachtliches Volumen an Flügen verfügbar. Im Jahr 2017 hat die Deutsche Flugsicherung rund 208 Millionen Reisende an deutschen Flughäfen gezählt, möglich und gedeckelt wären in diesem Denkmodell ja 240 Millionen. 

Man müsste sich allerdings einigen, wer davon profitiert. Wer nicht fliegen will, verkauft seine Option – gegen Cash. Zumindest wäre zu erwarten, dass man sich Gedanken über das verträgliche Flugvolumen machen würde.

Seltener fliegen, aber länger bleiben

Was würde mit der Weltwirtschaft passieren, was mit Wissenschaft und Kultur? Manager müssten sich Optionen kaufen und natürlich ihre Prozesse und Abläufe ändern. Viele Künstler könnten nicht mehr auf Welttournee gehen oder müssten diese auf wenige Auftritte beschränken.

Würden Ferieninseln wie Mallorca leiden? Deutsche Touristen kämen schließlich nicht mehr so einfach auf die Insel. Es würden weniger Menschen fliegen, aber die würden dann vermutlich länger blieben. Der zwischenzeitlich fast ganz eingestellte Fährbetrieb könnte eine Renaissance erleben.

Natürlich würde Deutschland erstmal mit dieser Regelung alleine bleiben. Würden wir dann von der Welt abgekoppelt, weil Firmenvertreter nicht mehr zu Kunden vor Ort reisen können, weil sie ihr Kontingent ausgeschöpft haben? Oder wären nur solche Unternehmen betroffen, die sich nicht vorausschauend entsprechende Optionen auf dem Markt besorgt haben?

Vielleicht könnte man Ausnahmen in dringenden Fällen zulassen. Man würde sich aber im Geschäft, in der Wissenschaft und in der Kunst neu einrichten müssen. Wenn geflogen wird, dann organisiert man drum herum möglichst vieles, vielleicht dann auch Privates, und man ist nicht nur für wenige Tage in China oder Südamerika, sondern dann für mehrere Wochen.

Fliegen wird wieder etwas Besonderes

Fliegen würde wieder etwas ganz Besonderes, es wäre nicht grundsätzlich verboten, sondern eine teure und damit auch exklusive Angelegenheit. Aber wen würde dies tatsächlich ins Mark treffen?

Menschen mit niedrigen Einkommen fliegen heute schon sehr wenig und die gesellschaftliche Teilhabe hängt nicht von den internationalen Flugaktivitäten ab. Aber würden die Schönen und Reichen mit dem "Ich fliege" angeben können? Denken wir an die Raucher. Wäre mit Blick auf die Folgen nicht auch möglich, dass es gerade zum guten Ton der High Society gehört, das Jetset-Leben in andere Formen zu verwandeln?

Möglicherweise käme dann aber endlich Schwung in die internationalen Bahnverbindungen und es wäre dann möglich, in einem Tag von Berlin nach Marseille zu fahren. Vielleicht setzt schon die bloße Debatte darüber neue Bewegungen in Gang, von denen wir heute noch gar nichts wissen?

Zum Fliegen gibt es jedenfalls im Inland genügend Alternativen. International wären Einschränkungen denkbar. Mitunter wären sie sogar entlastend. Härtefälle wären regelbar. Das Leben wäre auch ohne Vielfliegerei lebenswert und möglicherweise geeignet, als Vorbild zu dienen.

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