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"Biosprit" noch klimaschädlicher als gedacht

Würde man die Äcker, auf denen aktuell Pflanzen für Agrokraftstoffe wachsen, renaturieren und für Solaranlagen nutzen, würde das die dreifache Menge an CO2 einsparen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Ifeu-Instituts im Auftrag der Deutschen Umwelthilfe.


Feld mit gelben Rapsblüten bis zum Horizont.
Auf rund 337.000 Hektar wird in Deutschland Raps für Agrokraftstoffe angebaut. (Foto: Michael Schwarzenberger/​Pixabay)

Eigentlich sollen Agrokraftstoffe, also pflanzenbasierte Treibstoffe aus Raps, Getreide oder Palmöl, die CO2-Emissionen im Straßenverkehr reduzieren. Seit mehr als 15 Jahren werden sie in Deutschland und Europa deshalb fossilem Diesel und Benzin beigemischt. Die Branche spricht lieber von Biokraftstoffen, wobei "bio" nur darauf hinweist, dass Pflanzen Lebewesen sind. Öko-Landbau ist nicht im Spiel.

In einer neuen Studie für die Deutsche Umwelthilfe (DUH) hat sich das Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg (Ifeu) die tatsächliche Klimawirkung dieser Treibstoffe angeschaut – mit vernichtendem Ergebnis. "Aufgrund ihres enormen Flächenbedarfs sind pflanzenbasierte Agrokraftstoffe noch klimaschädlicher als bisher bekannt", fasst die DUH zusammen.

Bisherige Klimabilanzen von Agrokraftstoffen berücksichtigen der Studie zufolge nicht, welche positive Klimawirkung die Fläche haben könnte, wenn sie nicht für die Treibstoffproduktion genutzt würde.

Daher hat das Ifeu-Institut die Fläche ermittelt, die für den Anbau von Raps und Co zur Produktion von Agrokraftstoffen für deutsche Autofahrer:innen derzeit verwendet werden. In Deutschland ist das knapp eine halbe Million Hektar.

Nimmt man die Flächen der deutschen Importe hinzu, werden weltweit rund 1,2 Millionen Hektar für die Produktion von Agrokraftstoffen für Deutschland belegt. "Würde man diese Fläche der Natur überlassen, anstatt intensive Landwirtschaft zu betreiben, wäre dem Klimaschutz deutlich mehr gedient als durch den Ersatz von fossilem Sprit", erläutert Horst Fehrenbach, Fachbereichsleiter am Ifeu und Mitautor der Studie.

Dafür haben Fehrenbach und Koautorin Silvana Bürck die Treibhausgas-Bilanzen verglichen, abhängig von der Art, wie die Fläche genutzt wird. Durch Agrokraftstoffe könnten amtlichen Zahlen zufolge rund 9,2 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr eingespart werden.

Würde die gleiche Fläche hingegen renaturiert, könnte diese natürliche CO2-Senke über 16 Millionen Tonnen des Treibhausgases aus der Atmosphäre binden. Der positive Effekt für das Klima wäre bei Renaturierungen also deutlich größer – und das, obwohl statt Agrokraftstoff wieder mehr fossiler Kraftstoff genutzt werden müsste.

Agrokraftstoffpolitik als "fundamentale Fehlkalkulation"

Dennoch hebt die Studie auch die Notwendigkeit einer Mobilitäts- inklusive Antriebswende hervor. Daher vergleichen die Wissenschaftler:innen, wie viel Fläche die Produktion von Strom aus Sonnenenergie im Vergleich zum Anbau von Pflanzen für Agrokraftstoff benötigt.

Auch hier kommen die Berechnungen des Ifeu-Instituts zu einem klaren Ergebnis: Solarstrom aus Freiflächen-Photovoltaik zu gewinnen, sei 34-mal flächeneffizienter. Die derzeit mit Agrokraftstoffen zurückgelegten Kilometer durch Solarstrom für E-Mobilität auszugleichen, würde die dafür notwendige Fläche um 97 Prozent reduzieren – statt 1,2 Millionen Hektar würden nur noch knapp 36.000 Hektar benötigt.

Die Forscher:innen gehen noch einen Schritt weiter und vereinen die beiden Ansätze: Steigt man von Agrokraftstoffen auf Solarstrom um und renaturiert die dann nicht mehr benötigte Fläche, würde das jährlich mehr als 27 Millionen Tonnen CO2 einsparen, also fast dreimal so viel wie durch den Agrokraftstoff-Einsatz.

Aus Sicht von DUH-Geschäftsführer Jürgen Resch verdeutlichten die Erkenntnisse, dass die Agrokraftstoffpolitik der letzten 15 Jahre eine "fundamentale Fehlkalkulation" gewesen sei. "Solche Scheinlösungen dürfen nicht länger von der Politik gefördert werden." Die DUH fordert, dass solche Treibstoffe nicht länger als Treibhausgasminderung im Verkehr angerechnet werden dürfen.

Bisher sind Biotreibstoffe vor allem eine Folge der europäischen Erneuerbare-Energien-Richtlinie. Sie gibt den EU-Staaten Quoten für den Einsatz erneuerbarer Energien im Verkehr vor. Diese werden bisher vor allem durch Agrokraftstoffe erfüllt. Dennoch ist der Verkehrssektor laut Umweltbundesamt nach wie vor der Bereich mit dem geringsten Anteil an erneuerbaren Energien.

Der Ausstieg aus Agrokraftstoffen dürfe dabei nicht zu einem Wiedereinstieg in fossilen Sprit werden, betont Resch: "Wir fordern ein EU-weites Ende der Neuzulassungen von Pkw mit Verbrennungsmotor bis spätestens 2030."

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