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"Preistreiber sind die fossilen Energien"

Die EEG-Umlage kann schon Mitte des Jahres abgeschafft werden, sagt Nobert Allnoch im Interview. Der Energieexperte über die Teuerungswelle bei Strom und Erdgas sowie die zukünftige Stromversorgung ohne Atomkraftwerke.


Ein Windpark, eine Solar-Freiflächenanlage und Stromleitungen auf einem Feld.
Auf dem weiteren Weg der Energiewende wird es zeitweise rumpelig zugehen, sagt Norbert Allnoch. (Foto: Jens Ickler/​Elxeneize/​Shutterstock)

Klimareporter°: Herr Allnoch, die Energiepreise werden für viele zur Belastung. Die Ampel-Bundesregierung will nun die kurzfristige Kündigung von Strom- und Erdgasverträgen erschweren und Preissprünge möglichst verhindern. Reicht das?

Nobert Allnoch: Das reicht nicht, die Maßnahme greift zudem ja erst in der Zukunft. Das, was da bei einigen Billiganbietern gelaufen ist, die sich am Markt verzockt haben, war aber einfach nur dreist. Ich denke, dass neben der regulatorischen Nachjustierung die sozialen Folgen und Härten von der Bundesregierung durch punktuelle Förderung einkommensschwacher Haushalte abgefedert werden müssen.

Die hohen Strom- und Gaspreise sind allerdings ein europäisches Phänomen. Die Ursachen sind vielschichtig: geopolitische Spannungen und sich leerende Gasspeicher führen zu dem rasanten Gas-Preisanstieg. Auf dem europäischen Strommarkt zeichnen sich schon seit Ende 2020 steigende Börsenstrompreise ab.

Dieser Trend hat sich Ende 2021 durch den unvorhergesehenen und zeitgleichen Ausfall von Kraftwerken erheblich beschleunigt. So steht eine ganze Reihe französischer AKW still.

Die Ampel will die EEG-Umlage nun möglicherweise schon bald komplett abschaffen – nicht wie geplant erst 2023 – und aus dem Bundeshaushalt finanzieren. Richtiger Schritt?

Die EEG-Umlage kann schon Mitte des Jahres abgeschafft werden. Auf dem EEG-Umlagekonto schlummert ein Überschuss von mehr als zehn Milliarden Euro. Der Grund sind die gestiegenen Börsenstrompreise und die stetig geringeren Vergütungssätze für Strom aus Wind- und Solaranlagen.

Grundsätzlich gilt: Je höher die Börsenstrompreise, desto niedriger die EEG-Umlage und umgekehrt.

Die EEG-Umlage war vor allem nach 2010 rasant angestiegen. Wie viel hat der Grünstrom-Ausbau die Bürger gekostet?

Das ist zu einseitig gefragt. Der Strompreis wäre ohne den Erneuerbaren-Ausbau für die Verbraucher heute ziemlich genauso hoch wie jetzt. Das Geld ist nur anders verteilt worden.

Man muss ja die Alternative sehen: Ohne EEG hätte es in der Vergangenheit keine niedrigen Börsenstrompreise gegeben, denn freiwillig haben die Kraftwerksbetreiber ja nicht auf die hohen Margen verzichtet. Das hat nur funktioniert, weil mit dem Ökostromausbau die Strommärkte geflutet wurden und das Überangebot immer mehr auf die Preise und damit auf die Gewinne drückte.

Für die Bürger ist das neutral, denn ob sie hohe Börsenstrompreise und eine niedrige EEG-Umlage zahlen oder umgekehrt, ist am Ende in der Summe egal.

Die sinkenden Börsenstrompreise kamen in erster Linie der Industrie zugute, die – von den Umlagen weitgehend befreit – von den extrem niedrigen Strompreisen an der Börse profitierte. 

Wie werden sich die Stromkosten entwickeln, wenn der Ökostrom-Anteil so schnell wächst wie von der Ampel geplant? 2030 sollen schon 80 Prozent erreicht sein. Derzeit ist es erst gut die Hälfte.

Porträtaufnahme von Norbert Allnoch.
Foto: IWR

Norbert Allnoch

Der studierte Chemiker, Geo­wissen­schaftler und Betriebs­wirt ist Gründer und Direktor des Internationalen Wirtschafts­forums Regenerative Energien (IWR) in Münster. Arbeits­schwer­punkt des Instituts ist die Entwicklung der Erneuerbaren-Ökonomie als Wirtschafts- und Standort­faktor. Das IWR existiert seit 1996.

Das ist schwer zu sagen, die Entwicklung hängt von sehr vielen Faktoren ab. Die Kosten für Windstrom an Land – unter sechs Cent pro Kilowattstunde – und für Photovoltaik – zirka fünf Cent – sind gut kalkulierbar, weil nicht schwankungsanfällig.

Schwerer zu prognostizieren sind die Preise für fossile Energieträger wie Gas oder Kohle. Das sind die Preistreiber.

Entscheidend wird aber sein, eine preissensitive Balance zwischen der abzuschaltenden fossilen Kraftwerksleistung und dem Ausbau der erneuerbaren Energien sowie Gaskraftwerken mit grüner Wasserstoff-Option zu finden. 

Es laufen derzeit noch drei Atomkraftwerke, die Ende des Jahres abgeschaltet werden sollen. Wäre es nicht sinnvoll, sie weiterlaufen zu lassen, um die Strompreise zu dämpfen?

Nein, die Frage stellt sich nicht. Das Thema Kernenergie in Deutschland ist abgeschlossen. Selbst Energieversorger wie RWE wollen keine Atomkraftwerke mehr betreiben, weil es nach ihrer Aussage wirtschaftlich attraktiver ist, in erneuerbare Energien zu investieren statt in Kernkraft.

Bleibt unsere Stromversorgung denn sicher, wenn die AKW und immer mehr Kohlekraftwerke abgeschaltet werden?

Die Energieversorgung in einer dekarbonisierten Welt steht in Zukunft auf drei Säulen: erstens Ökostrom aus Wind, Sonne und Co, zweitens grüner Strom und Wärme aus wasserstoffbasierten Gaskraftwerken und drittens Energiespeicher. Wasserstoff-Kraftwerke decken dann auch die notwendige Grundlast ab. Auf dem Weg dahin wird es zeitweise rumpelig zugehen, aber mit Blick auf den Klimawandel ist es der einzige erkennbare Weg.

Importieren wir dann Atom- und Kohlestrom aus Frankreich und Polen?

Das befürchte ich nicht, ganz im Gegenteil. Die Franzosen haben mit ihren alten Atomkraftwerken derzeit richtig zu kämpfen, viele sind nicht einsatzbereit. Ende 2021 waren rund 30 Prozent der AKW-Flotte abgeschaltet. Strom musste bis an die Grenze der technischen Möglichkeiten importieren werden. So wie es jetzt aussieht, wird Frankreich perspektivisch eher zum Stromimportland.

Dass die Polen ihren Kohlestrom überwiegend exportieren wollen, ist unwahrscheinlich. Im Vordergrund steht eher die Eigenversorgung des Landes.

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