Auf der Suche nach preiswertem Strom

Selbst große Preisportale, die kostenbewusste und wechselwillige Kund:innen gern als Klientel anlocken, wirken bei Stromtarifen derzeit wie leergefegt. Neuer Rat: Wer einen Vertrag mit einem sogenannten Grundversorger hat, soll erst einmal dort bleiben.


Mehr als 200 Euro in Scheinen liegen auf einem Stromzähler, aufgenommen von schräg oben.
Wer zum Grundversorger zurückwechseln muss, weil der bisherige Stromanbieter pleite ist, kann derzeit eine böse Überraschung erleben. (Foto: Tim Reckmann/​Flickr, CC BY 2.0)

Wer im Dezember von einer gepfefferten Preiserhöhung des Stromanbieters überrascht wurde, erhielt von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen noch kurz vor den Festtagen den Rat: Suchen Sie sich möglichst kurzfristig einen preisgünstigeren Anbieter über entsprechende Vermittlungsportale.

Verzweifelte Stromkund:innen, die beispielsweise beim vielfachen "Testsieger", dem Portal Check 24, nach einem günstigeren Stromtarif suchen, bekommen derzeit nach Eingabe ihrer Daten über der Fundliste einen Hinweis zu lesen: "Wir zeigen Ihnen aktuell weniger Tarife an als gewohnt. Aufgrund der extrem gestiegenen Strompreise kalkulieren viele Anbieter ihre Tarife neu."

Dass es "weniger" Tarife seien, ist enorm untertrieben. Check 24 hat nach eigenen Angaben mehr als 1.100 Energieanbieter im Bereich Strom und Gas gelistet – bei der Suche nach neuen Stromtarifen kann die Kund:in derzeit aber schon froh sein, ein Dutzend Angebote zu sehen, wie aktuelle Testläufe zeigen.

Lässt man die Wechselboni weg, bringt auch kaum eines der aufgelisteten Angebote eine spürbare Preisersparnis gegenüber dem, was die Strom-Grundversorger von ihren Bestandskund:innen verlangen. Teilweise werden in den Fundlisten sogar Tarife angezeigt, bei denen der Strom doppelt so viel kostet wie der Bestandstarif des jeweiligen Grundversorgers.

Bei Anfragen zu dem Thema gibt sich Check 24 wie auch andere Preisportale eher zugeknöpft. Wie viele Tarife nun tatsächlich weniger im Angebot sind und wie es um das bisherige Sparversprechen steht, dazu ist wenig zu erfahren.

Das verwundert nicht. Die Strompreiskrise trifft das Geschäft der Portale im Kern. Wenn kein Anreiz zum Wechseln da ist, lassen sich auch keine Wechselprovisionen verdienen, die es nur dann gibt, wenn jemand über das Portal einen neuen Anbieter gefunden hat.

Und auch die stete Klage der Portale, dass zu viele  wechselfaule Haushalte ihren Strom vom teuren Grundversorger beziehen, läuft derzeit ins Leere. Eher können sich die 62 Prozent der Haushalte, die Ende Oktober 2021 laut dem Monitoringbericht der Bundesnetzagentur ihren Strom, wenn auch in verschiedenen Tarifen, noch immer vom Grundversorger bezogen, im Moment glücklich schätzen.

Check 24 selbst gibt derzeit den Stromkund:innen einen Rat, der ziemlich genau das Gegenteil der jahrelangen Geschäftspolitik darstellt: Aufgrund der langfristigen Beschaffungsstrategie könne ein aktueller Grundversorgungstarif für Strom "vorübergehend attraktive Konditionen" bieten, ist auf der Website zu lesen.

Beim Portal Finanztip, das einen eigenen Stromrechner auf Basis der Daten von Check 24 und dem Konkurrenten Verivox anbietet, ist sogar jetzt noch das alte Versprechen zu lesen: Wer den Stromanbieter wechselt, könne in vielen Fällen sparen.

Neuverträge bei Grundversorgern teils viel ungünstiger

Auch die Verbraucherzentrale NRW sieht den Grundversorgungstarif vorübergehend als eine Option, erklärt Energiemarktreferentin Christina Wallraf gegenüber Klimareporter°. "Wer noch einen Bestandskundenvertrag hat, sowohl bei Strom als auch bei Gas, spart derzeit wenig oder gar nichts durch einen Anbieterwechsel", sagt sie.

Zwar sollten diejenigen Haushalte, denen eine deutliche Preiserhöhung angekündigt wurde, alternative Angebote einholen, rät sie. Die Suche nach einem neuen Tarif gestalte sich aber in der Regel schwierig. Wallraf: "Das Angebot auf den Vergleichsportalen ist in der Tat deutlich kleiner als üblicherweise." Neukundentarife würden derzeit kaum offeriert.

Die Expertin geht allerdings davon aus, dass die jetzige Situation nicht von Dauer ist. Eine staatliche Preisregulierung halte sie nicht für nötig, erklärt Wallraf auf Nachfrage.

Politisches Handeln sei dennoch gefragt, vor allem um einkommensbenachteiligte Haushalte stärker zu entlasten, fordert Wallraf. So müssten etwa die im Arbeitslosengeld vorgesehen Energiekosten zügig an die reale Preisentwicklung angepasst werden. Auch Maßnahmen, die alle Haushalte entlasten, seien angebracht, wie die Absenkung der Stromsteuer auf das EU-Minimum.

Die Verbraucherzentrale warnt aber auch vor der offenbar um sich greifenden Praxis, bei der die Grundversorger neuen Kund:innen – gerade auch solchen, deren ihr bisheriger Lieferant pleite ging – deutlich höhere Tarife anbieten als ihrer Bestandskundschaft. Mitunter zahlten Betroffene mit Neuverträgen in der Grundversorgung mehr als das Doppelte als vergleichbare Bestandskund:innen, kritisieren die Verbraucherschützer:innen.

Die Energieversorger begründen diese Spaltung der Kundenverträge damit, dass wegen der stark gestiegenen Börsenpreise bei Strom und vor allem auch bei Gas für die Neukund:innen zusätzliche Energie zu aktuell hohen Preisen beschafft werden müsse.

Die Verbraucherzentrale NRW hält diese Ungleichbehandlung für rechtlich zweifelhaft. Eine Bestrafung oder Schikanierung von Kund:innen, die ihren Anbieter gewechselt haben, dürfe es nicht geben. Die Spaltung der Grundversorgungstarife als Folge der extremen Energiepreisanstiege müsse wieder beendet werden.

Aus der Ungleichbehandlung haben die Portale übrigens auch gleich wieder eine Geschäftsidee gemacht: In der Fundliste etwa von Check 24 wird als Tarif des Grundversorgers mitunter nicht mehr derjenige für die Bestandskundi:nnen angezeigt, sondern der für die Neuen.

Und siehe da: Da gibt es wieder Vergleichstarife, bei denen möglicherweise etwas zu sparen ist – sofern man sich den Tarif dann überhaupt leisten kann.

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