Die Lehren aus Fukushima

Der Super-GAU in Japan brachte nicht das Ende der Atomkraft, aber seither hat sich die Erkenntnis verdichtet: Die Kernenergie kann das Weltklima nicht retten. Auch Bill Gates' Wundermeiler taugen dafür nicht.


Gelbes Radioaktivitäts-Zeichen vor schwarzem Hintergrund.
Riskant, teuer, unnötig: Atomkraft. (Foto: Slightly Different/​Pixabay)

Die Fukushima-Katastrophe jährt sich zum zehnten Mal. Es war der zweite Super-GAU in einem Atomkraftwerk, fast genau ein Vierteljahrhundert nach der ersten Katastrophe dieser Art in Tschernobyl. Nicht nur Japan, die halbe Welt wurde in Angst und Schrecken versetzt.

Die Tsunami-Folgen in der Nuklearanlage lieferten dramatische Bilder, wie aus den Horror-Szenarien der AKW-Gegner kopiert: eine Kernschmelze in gleich drei Reaktoren, Wasserstoff-Explosionen in den Anlagen, eine radioaktiv verseuchte Region, dazu völlig mit der Situation überforderte Atommanager und Politiker.

Damals dachten viele: Das ist das Ende der Atomkraft.

Verantwortliche Politiker würden sie nun abwickeln, weil sich die Versprechen endgültig als falsch herausgestellt haben: Das "Restrisiko" kann ganze Landstriche unbewohnbar machen. Der "billige Atomstrom" ist ein Billionengrab – siehe die schwierige Suche nach den Eine-Million-Jahre-Endlagern. Und die nukleare Klimarettung entpuppt sich als Schimäre, weil der Anteil des Atomstroms am weltweiten Elektrizitätsverbrauch kontinuierlich abnimmt.

Alles zutreffend, und doch war Fukushima, wie jeder weiß, nicht das Ende der umstrittenen Energieform. Mehrere europäische Länder beschlossen Ausstiegsfahrpläne, allen voran Deutschland. Die Physiker-Kanzlerin Merkel, die gerade noch die AKW-Laufzeiten verlängert hatte, erkannte: "Das war's."

Doch noch immer laufen wie damals weltweit rund 440 Reaktoren, vor allem Länder wie China, Russland und Indien bauen sogar neue Anlagen.

Für Atomkraft haben wir weder Zeit noch Geld

Neuerdings erscheinen die Schrecken und die Argumente sogar so stark verblasst, dass die Atomkraft für viele auch in den westlichen Industrieländern wieder salonfähig wird – als Mittel zur Stabilisierung des Weltklimas.

Jüngste Variante sind hier die "Small Modular Reactors", für die unter anderem der Ex-Microsoft-Boss und Philanthrop Bill Gates wirbt. Obwohl die Mini-Reaktoren zur Serienproduktion bisher nur auf dem Papier funktionieren, haben US-Präsident Biden und der britische Premier Johnson sich bereits für sie ausgesprochen.

Das Hauptproblem ist: Eine neue Debatte über das Für und Wider neuer Reaktoren kostet wertvolle Zeit, die die Welt nicht mehr hat. Der globale Klimaschutz kann nicht warten, bis entweder die klassischen Großreaktoren in der nötigen riesigen Anzahl gebaut wären oder aber Bill Gates' Wundermeiler vom Band laufen könnten – falls ihr Konzept überhaupt aufgeht, was längst nicht ausgemacht ist.

Der CO2-Ausstoß muss bereits in diesem Jahrzehnt drastisch abgesenkt werden: für das 1,5-Grad-Limit um satte 45 Prozent gegenüber 2010, hat der Weltklimarat ausgerechnet. Für einen Erwärmungsstopp bei zwei Grad sind demnach immer noch 25 Prozent nötig. Mit der Methode Atomkraft-Ausbau ist das nicht zu schaffen.

Kritisch bei den herkömmlichen Reaktoren sind neben dem bisher nirgends auf der Welt gelösten Endlager-Problem und der Gefahr nuklearer Proliferation vor allem die hohen Baukosten. Unter dem Strich geht es doch darum, wie viel Treibhausgasreduktion wie schnell pro ausgegebenem Euro, Dollar oder Yen erreicht werden kann. Und beim Bau von Kraftwerken gilt: Hier schneidet die Nuklearenergie inzwischen von allen Alternativen am schlechtesten ab.

Jeder Atom-Euro fehlt für wirksamen Klimaschutz

Fakt ist: Moderne Atomreaktoren (angeblich) ohne Super-GAU-Gefahr zu bauen, ist horrend teuer und dauert ein Jahrzehnt oder länger.

Der neue französische Supermeiler des Typ EPR stellt ein finanzielles und technisches Debakel dar. Die Kosten der beiden ersten dieser Kraftwerke in Frankreich und Finnland haben sich auf je zwölf Milliarden Euro mehr als verdreifacht, die Bauzeiten sind bereits um zehn Jahre überschritten.

Und ein weiterer EPR kann in Großbritannien nur gebaut werden, weil die Regierung dafür Subventionen in Form von Einspeisevergütungen garantiert, die weit über denen von Windkraft und Solarenergie liegen.

Frankreich und Großbritannien leisten sich diesen Luxus vor allem auch deswegen, weil sie militärische Atommächte mit Zugriff auf Nuklearmaterial bleiben wollen. Dafür setzten sie den Markt außer Kraft. Anderswo in der Welt werden AKW vor allem in autoritär regierten Staaten gebaut, wo Energiefragen erst in zweiter Linie nach Rentabilität entschieden werden.

Das eine wie das andere ist nicht zukunftsfähig. Und zum Glück geht es auch ganz anders, dank der erneuerbaren Energien. Sie sind seit 2000 so preiswert geworden, dass sie das Mittel der Wahl darstellen. Und sie können so schnell ausgebaut werden, dass manche Experten ein global CO2-freies Stromsystem bereits 2030 für möglich halten.

Diese Entwicklung macht den großen Unterschied zu der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg aus, als die Atomkraft-Euphorie aufkam. Und auch zur Zeit nach Tschernobyl, als dringend Alternativen gesucht wurden, aber die Ökoenergien noch unausgereift und teuer waren.

Man muss es so knallhart sagen: Jeder in die Atomkraft investierte Euro verschlimmert die Klimakrise, weil dieses Geld dann nicht mehr für effizienteren Klimaschutz zur Verfügung steht. Deswegen: Finger weg davon.

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