Die zwei Welten der Atomenergie

In den nächsten 20 Jahren werden deutlich mehr Kernkraftwerke vom Netz gehen, als neue hinzukommen. Einzig China, Indien und Russland investieren noch in großem Stil in diese Technik. Eine Wende sollen kleine, modulare Atomkraftwerke bringen, die allerdings erst auf dem Papier existieren.


Riesige Bautafel vor Wald und Wiese, darauf steht auf Chinesisch: Bau des Kernkraftwerks Yangjiang.
Bautafel mit angekündigtem AKW: China hält am Neubau im großen Stil fest. (Foto: Situ Linglingyi/​Panoramio/​Wikimedia Commons)

Atomenergie ist die zweitwichtigste Quelle von CO2-armem Strom nach großen Wasserkraftwerken. Die 441 Atomkraftwerke der Welt produzierten im Jahr 2018 rund zehn Prozent des Stroms und damit mehr als alle Wind-, Solar- und sonstigen erneuerbaren Kraftwerke der Welt.

Die Internationale Energieagentur IEA schätzt, dass Atomstrom in den vergangenen 50 Jahren den Ausstoß von 55 Milliarden Tonnen CO2 vermieden hat. Das entspricht den globalen Emissionen von etwas mehr als einem Jahr.

Die meisten Reaktoren stehen in den USA (94), Frankreich (56), China (49), Russland (38), Japan (33), Südkorea (24), Indien (23) und Kanada (19).

Diese Kraftwerke wurden allerdings nicht alle zur gleichen Zeit gebaut. In den USA und der EU sind mehr als 80 Prozent der Atomreaktoren über 30 Jahre alt und erreichen damit bald das Ende ihrer geplanten Nutzungsdauer. In China dagegen sind 80 Prozent der Atomkraftwerke noch keine zehn Jahre alt.

Speziell für die EU erwartet die IEA denn auch einen massiven Rückgang der Produktion von Atomstrom um knapp zwei Drittel in den nächsten zehn Jahren. In den USA und den anderen Industriestaaten erfolgt dieser Rückgang bis 2040.

In keinem dieser Länder lohnt sich der Bau neuer Atomkraftwerke. Wind und Sonne sind überall billiger. Die Ausnahme ist Japan, wo der erneuerbare Strom noch immer sehr teuer ist. In den Industriestaaten sind denn auch wenige Kraftwerke im Bau: Nur acht der 53 im Bau befindlichen Kraftwerke stehen in der EU, den USA oder in Japan.

Was sich allerdings lohnt – solange nichts schiefgeht –, sind Investitionen in Maßnahmen, um die Nutzungsdauer der Atommeiler zu verlängern. So hat Frankreich soeben beschlossen, dass die ältesten Atomkraftwerke nicht nach 40, sondern erst nach 50 Jahren vom Netz gehen sollen.

Ausbau vor allem in Asien

In Zukunft wird sich die Nutzung von Atomenergie immer mehr auf drei Länder konzentrieren: China, Indien und Russland. In diesen Ländern findet sich knapp die Hälfte der Kraftwerke, die derzeit gebaut werden. Noch klarer ist das Bild bei Kraftwerken in Planung. Drei Viertel aller projektierten Anlagen entfallen auf diese drei Länder.

Der einzige De-facto-Industriestaat, der seine Flotte an Atomkraftwerken erweitert, ist Südkorea. Dort sind vier AKW-Blöcke im Bau. Das werden allerdings die letzten sein. Präsident Moon Jae-in hat angekündigt, dass Südkorea danach aus der Atomenergie aussteigen wird.

Noch ist Atomtechnik allerdings ein südkoreanischer Exportschlager. Der Energiekonzern Kepco errichtet derzeit ein Kraftwerk mit vier Blöcken in den Vereinigten Arabischen Emiraten, von denen einer bereits läuft.

Neu zum Club der Länder mit Atomkraft werden außerdem Bangladesch und die Türkei stoßen, wo je zwei Reaktoren im Bau sind. Geplant sind schließlich Kraftwerke in Ägypten und Usbekistan.

Herkömmliche Atomenergie hat außerhalb autoritär regierter Länder also kaum noch eine Zukunft. Das muss allerdings nicht für zwei andere Spielarten von Atomenergie gelten: kleine, modulare Reaktoren (small modular reactors, SMR) und die Kernfusion.

Bill Gates kündigt sichere Atomkraft an

SMR haben eine Kapazität von unter zehn bis 500 Megawatt und sind damit weniger als halb so groß wie ein herkömmliches Atomkraftwerk. Bislang existiert dieser Reaktortyp allerdings vor allem auf dem Papier. Nur in Russland sind zwei SMR mit 35 und 50 Megawatt am Netz.

SMR haben allerdings einen sehr bekannten Fürsprecher: Bill Gates. Dieser propagiert etwa in seinem Buch "Wie wir die Klimakatastrophe verhindern" den Bau von SMR und hat auch eine eigene Firma, Terra Power, die diese entwickelt.

Aus Gates' Sicht haben SMR zwei Vorteile gegenüber herkömmlichen Atomkraftwerken: "Die neue Generation löst die wirtschaftlichen Probleme, die das große Hindernis waren." Außerdem "revolutioniert sie die Sicherheit".

Und dann gibt es noch die Fans der Kernfusion, die hoffen, mit dem gleichen Prozess wie in der Sonne auch auf der Erde Energie erzeugen zu können. Nach wie vor werden Milliarden in diese Technik investiert.

In Frankreich baut die EU zusammen mit Partnerländern den Versuchsreaktor ITER, der über 22 Milliarden Euro kosten soll. Mittlerweile gibt es aber auch mehr als 20 Start-ups in diesem Sektor, die meist von US-Milliardären wie Bill Gates oder Jeff Bezos finanziert werden.

Mit einem baldigen Durchbruch wird allerdings nicht gerechnet. Der ITER-Reaktor soll frühestens 2035 Energie produzieren.

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