"Der Atomausstieg war richtig"

Die Energieprofessorin und Regierungsberaterin Claudia Kemfert über die Fukushima-Katastrophe vor genau zehn Jahren und die Notwendigkeit einer echten Energiewende in Deutschland.


AKW-Anlage mit typischem halbkugelförmigem Reaktorgebäude, vor dem Sicherheitszaun an einem Baum ein mit Blumen umpflanzter Gedenkstein:
Das AKW Brokdorf an der Unterelbe wird Ende des Jahres abgeschaltet. (Foto: Nightflyer/​Wikimedia Commons)

Klimareporter°: Frau Kemfert, erinnern Sie sich noch an den 11. März 2011? Was dachten Sie damals?

Claudia Kemfert: Ich erinnere mich wie heute: Die erschütternden Bilder des explodierenden Atomkraftwerks gingen um die Welt. Ein Albtraum wurde Realität. Es war entsetzlich.

Natürlich denke ich auch immer wieder an die japanischen Energiewirtschafts-Kollegen, die seit über 30 Jahren dieses Szenario für ausgeschlossen gehalten hatten – trotz aller bekannten Risiken und trotz der zusätzlich hohen Erdbebengefahr in der Region Fukushima.

Was für eine Fehleinschätzung! Es war der Tag einer der schlimmsten menschengemachten Katastrophen der Welt und zugleich – auch wenn sich das ewig zieht – der Anfang vom Ende der Atomenergie.

Haben Sie damals erwartet, dass Bundeskanzlerin Merkel so schnell die Reißleine ziehen und einen zweiten Atomausstieg auf den Weg bringen würde?

Nein, solch eine schnelle und umfassende Reaktion habe ich nicht erwartet. Und obwohl sich die Menschen immer eine starke und pragmatische Regierung wünschen, wird die damalige Entschlossenheit leider viel zu selten gewürdigt. Bei aller Detailkritik sollten wir froh und dankbar sein, dass dieses Thema in Deutschland seither befriedet und abgeschlossen ist.

Der Atomausstieg war energiepolitisch richtig?

Absolut. Atomenergie hat keine Zukunft.

Keine Kritik am Kurs der Bundesregierung?

Mit derselben Entschlossenheit hätte die Energiewende als Ganzes vereinbart und umgesetzt werden müssen. Ich habe das damals schon moniert: Wer Atomkraftwerke ausschaltet und stattdessen Kohlekraftwerke genehmigt, tut weder dem Klima noch der Wirtschaft einen Gefallen.

Porträtaufnahme von Claudia Kemfert.
Foto: Oliver Betke

Claudia Kemfert

leitet die Energie­abteilung beim Deutschen Institut für Wirtschafts­forschung (DIW) in Berlin. Sie ist Professorin für Energie­wirtschaft und Energie­politik an der Leuphana Universität Lüneburg, außerdem Mitglied im Sach­verständigen­rat für Umwelt­fragen der Bundes­regierung sowie Heraus­geber­rats­mitglied von Klimareporter°.

Neue Kraftwerke sind auf eine jahrzehntelange Laufzeit ausgerichtet. Jetzt müssen wir mühsam den Ausstieg aus der Kohle verhandeln. Das hätten wir uns sparen können, wenn die Bundesregierung damals den Ausbau erneuerbarer Energien konsequent beschleunigt hätte.

Spätestens da hätte die Energiesystemwende hin zu einer Vollversorgung mit erneuerbaren Energien eingeläutet werden müssen. Die Chance wurde vertan. Jetzt rennen wir anderen Ländern technologisch hinterher und müssen es teuer bezahlen, weil wir die Klimaziele nicht einhalten können.

Stünde Deutschland heute klimapolitisch nicht besser da, wenn der Atomausstieg langsamer und der Kohleausstieg dafür schneller ablaufen würde?

Wenn wir schon über vergossene Milch weinen, dann richtig. Denn wir hatten und haben nicht die Wahl zwischen Atom und Kohle, sondern zwischen atomar-fossilen und erneuerbaren Energien.

Hätten wir vor 20 Jahren dafür die Rahmenbedingungen geschaffen, könnten wir heute eine Vollversorgung mit Sonne, Wind, Wasser und Geothermie, also einem intelligenten Mix aus erneuerbaren Energien haben.

Derzeit sind noch sechs Atomkraftwerke am Netz, die zwölf Prozent der Elektrizitätsversorgung decken. Sie werden alle bis 2022 abgeschaltet. Droht uns dann eine Stromlücke? Oder sogar die Blackout-Gefahr?

Ach, Quatsch. Die Lichter gehen nicht aus, selbst wenn wir die Atomkraftwerke sofort abschalten. Wir haben ausreichend Strom aus erneuerbaren Energien. Alles andere ist Panikmache.

Es kann trotzdem ein Stromdefizit geben, etwa bei einem sonnenarmen Wintertag mit wenig Wind. Durch was ersetzen wir das? Durch Atom- und Kohlestrom aus Frankreich und Polen?

Es gibt kein Stromdefizit. Eine Ökostromlücke kann nur drohen, wenn wir weiterhin beim Ökostromausbau und der Umsetzung der Energiesystemwende auf der Bremse stehen.

Was müsste die Bundesregierung tun, um dieses Szenario zu verhindern?

Das Wichtigste: das Ausbautempo der erneuerbaren Energien verdoppeln, mindestens! Und: Ladeinfrastruktur ausbauen, Schienenverkehr stärken, Gebäude energetisch sanieren.

Die Vergangenheit endlich abschließen. Alles für die Zukunft tun.

Ich wette: Es wird trotzdem eine Debatte über längere AKW-Laufzeiten geben ...

Teure Zeitverschwendung. Atomenergie kostet nur Zeit und Geld. Je früher wir die Vollversorgung mit erneuerbaren Energien erreichen, desto kosteneffizienter wird es.

Was bedeutet das alles für die Strompreise? Was müsste geschehen, damit sie bezahlbar bleiben?

Sie wollen Geld sparen? Dann los: Atomstrom ist mit Abstand am teuersten. Wenn man die Endlagerkosten einbezieht, wird Atomstrom unbezahlbar. Fossile Energien kommen uns als explodierende Klimakosten ebenfalls teuer zu stehen.

Die Kostenwahrheit sagt: Nutze Ökostrom. Der ist billiger als alle anderen Energieformen.

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