Crowdfunding für die Sonne

Das Berliner Start-up Ecoligo will die Energiewende in Entwicklungsländern voranbringen, indem es Solaranlagen an Unternehmen verkauft. Der Clou: Die eingangs nötige Investition bringt Ecoligo durch Crowdfunding in Deutschland selbst mit. In einigen Jahren will man Marktführer sein.


Solaranlage auf einem Dach der Universität in Kumasi, der zweitgrößten Stadt Ghanas.
Solaranlage auf dem Dach der Universität in Kumasi, der zweitgrößten Stadt Ghanas. (Foto: ZSM/​Wikimedia Commons)

Martin Baart hat eine Vision: Er exportiert die "German Energiewende" in Entwicklungs- und Schwellenländer, wo die Umstellung von Öl, Kohle und Gas auf Erneuerbare bisher nicht so recht in Gang gekommen ist.

"Auf jedem Gewerbe- und Industriedach dort wird eine Solaranlage installiert sein", malt der gelernte Elektroingenieur die Zukunft aus. Die Stromkosten für die Unternehmen sinken, das Klima sowie die Umwelt profitieren, und für die Crowdinvesting-Finanziers in Deutschland springt eine ordentliche Rendite heraus.

Baart hat vor vier Jahren das Start-up Ecoligo gegründet, um diese Vision zusammen mit seinem Geschäftspartner Markus Schwaninger voranzubringen.

Die beiden lernten sich 2013 auf einer Solarkonferenz in Kenia kennen – und dachten gemeinsam über Lösungen für das Problem nach: Obwohl in Afrika die Bedingungen für die Solarenergie dank vieler Sonnenscheinstunden eigentlich perfekt sind, kommt die Nutzung der kostenlosen Energiequelle vielerorts nicht recht in Fahrt.

Das Elektrizitätssystem wird in Ländern wie Ghana, Nigeria, Kenia oder Südafrika zu großen Teilen aus Kraftwerken gespeist, die ganz klassisch Kohle, Erdöl und Erdgas verbrennen.

Sonnenstrom kann zwar inzwischen praktisch überall so preiswert produziert werden, dass er billiger ist als Strom aus dem Netz. Die Anlagenkosten sind in den vergangenen 20 Jahren auf ein Zehntel gesunken. "Trotzdem sind Solaranlagen in Subsahara-Afrika eine Seltenheit", sagt Baart.

Eine Ausnahme bilden Mini-Anlagen mit Batterien in Regionen, in denen es kein Stromnetz gibt. Nur: "Die reichen gerade mal aus, damit Familien abends Licht haben und das Handy aufladen können, aber sonst: weitgehend Fehlanzeige."

Zielgruppe mittelständische Unternehmen

Warum die Energiewende in Afrika so schleppend läuft, wurde dem Ecoligo-Gründer und seinem Kompagnon schnell klar. In einigen Ländern wie Nigeria oder Südafrika gibt es eine mächtige Industrie der fossilen Brennstoffe, die die Erneuerbaren bremst.

Doch nicht nur dort, sondern praktisch überall ist das Bewusstsein nur wenig verbreitet, dass Solarkraftwerke inzwischen tatsächlich auch einen wesentlichen Teil des Strombedarfs von Industrieanlagen, Gewerbeunternehmen, Banken oder Hotels decken können – und das mit günstigeren Kosten als bei der Elektrizität aus dem Netz. "Hier braucht es Aufklärung."

Das Haupthindernis allerdings liegt in der Finanzierung der Anlagen. "Markus und ich waren oft gemeinsam auf Geschäftsreise in Ostafrika, um potenzielle Kunden aus dem Mittelstand und lokale Unternehmen zu treffen, die Solaranlagen bauen können", erzählt der 35-Jährige. Doch es geschah – praktisch nichts.

Das Interesse der Kunden war fast gleich null. Sie konnten die Investitionssummen selbst nicht aufbringen, und eine Bankfinanzierung war, bei horrenden Zinssätzen von deutlich über zehn, in manchen Ländern auch mehr als 20 Prozent, zu teuer.

Die Ecoligo-Gründer fanden einen Ausweg. Sie bringen die Finanzierung mit. Ecoligo sammelt das nötige Geld in Deutschland per Crowdfunding ein, lässt die Anlage von geprüften Firmen bauen und sorgt auch für die Wartung.

Das jeweilige Unternehmen vor Ort kauft während der Laufzeit des geschlossenen Vertrages – zwischen fünf und 15 Jahren – den erzeugten Strom und zahlt die Anlage nach und nach ab. Danach geht sie in das Eigentum des Unternehmens über und liefert den Strom dann fast zum Nulltarif.

"Die Nachfrage ist hoch"

Inzwischen hat Ecoligo 44 Projekte mit einem Volumen von sechs Millionen Euro finanziert. Nicht nur in ostafrikanischen Ländern, sondern auch in Costa Rica, Nigeria und Ghana. Neuerdings expandiert das Unternehmen, dessen Zentrale in Berlin sitzt, auch nach Asien, ein Büro in Vietnam ist schon aufgebaut.

"Jede Woche kommen neue Projekte herein." Die Kunden kommen aus ganz unterschiedlichen Branchen. Dazu zählen eine Blumenfarm in Kenia, eine Universität und ein Krankenhaus in Ghana, eine Shoppingmall in Kenia, ein Hotel in Costa Rica.

Porträtaufnahme von Martin Baart und Markus Schwaninger.
Martin Baart (links) und Markus Schwaninger setzen auf Wirtschaft und Mittelstand, um Photovoltaikanlagen in Entwicklungsländern zu verkaufen. (Foto: Alex Gärtner)

Trotz der Coronakrise hat das Unternehmen seit März Verträge für neue Projekte unterzeichnen können – eine Fair-Trade-Schokoladenfabrik in Ghana, Kenias erstes schwimmendes Solarsystem und eine Zwei-Megawatt-Anlage in Vietnam, die bisher größte von Ecoligo.

Baart ist zufrieden, dass die Idee eingeschlagen hat. "Die Nachfrage ist hoch, die Sache spricht sich herum. Die ersten Projekte haben ja gezeigt, dass es funktioniert", sagt er. "Die Unternehmen müssen nichts investieren und sparen noch dazu bei den Stromkosten." Sie zahlten im Schnitt rund 20 Prozent weniger für die Elektrizität.

Scheint keine Sonne, kommt der Strom weiter wie bisher aus dem Netz, zum alten Tarif. Denkbar ist allerdings, dass Ecoligo künftig auch eine Versorgung mit Batteriespeicher für den Ökostrom anbietet, um solche Zeiten überbrücken zu können.

Das Interesse der Crowdfunding-Anleger sei trotz Corona weiterhin groß, berichtet Baart. Ecoligo hat inzwischen über 1.400 Investoren, die Spanne reicht vom Kleinanleger, der ein paar Hundert Euro gegeben hat, bis zu institutionellen Investoren, die mit 50.000 Euro dabei sind – der Schnitt liegt bei 1.500 Euro.

Anleger mögen konkrete Projekte

Das Unternehmen lockt mit einer Verzinsung des Kapitals von fünf Prozent – in Zeiten von Nullzins auf dem Sparbuch ziemlich attraktiv. Auch wenn Baart ganz offen einräumt: "Es gibt ein Ausfallrisiko."

Entwicklung der Solarenergie

Solarenergie war ursprünglich "Made in Germany" und "Made in Japan". Startpunkt für die Entwicklung des Photovoltaik-Weltmarkts war Deutschland. Bereits 1990 startete der Bund das 1.000-Dächer-Programm.

 

Dieses wurde dann von der japanischen Regierung als Blaupause genutzt, um in den 1990er-Jahren ein großes nationales Förderprogramm aufzulegen. Das ostasiatische Land entwickelte sich zum weltweit größten Photovoltaikmarkt, und es konnte sich eine starke Solarindustrie mit einigen Global Playern etablieren.

 

Von 1999 an wurde Deutschland wieder das Zentrum der Entwicklung. Ein 100.000-Dächer-Programm und dann die Förderung im Rahmen des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) sorgten für einen Boom bei der Installation von Solarstrom-Anlagen und rasante Kostensenkungen, eine starke Solarindustrie entwickelte sich.

 

Unter anderem das politische Ausbremsen des Photovoltaik-Markts in Deutschland und Europa ab 2011 führte dazu, dass sich die Produktion von Solarzellen und -modulen mehr und mehr nach China verlagerte. Die zentralen Leitmärkte sind derzeit China, die USA und Indien. Andere Regionen wie Afrika und Südamerika haben großen Nachholbedarf.

Allerdings lege man größten Wert auf Absicherung. Man überprüfe die Kunden und Solar-Installateure genau, zudem gehört das jeweilige Solarkraftwerk ja Ecoligo. Will sagen: Geht ein Kunde doch einmal pleite, kann die Anlage abgebaut und weiterverkauft werden. Zudem wurden die Corona-Auswirkungen auf den Geschäftserfolg der Kunden und Partner analysiert, um keine Überraschungen zu erleben.

Die Nachfrage nach grünen Investments steige grundsätzlich weiter, und viele Anleger wollten ihr Geld auch gerne in konkrete Projekte stecken, berichtet Baart. Wegen Corona sei das Interesse nur für zwei Wochen abgeflaut, seither aber wieder so groß wie vorher. Ecoligo hat zudem einen Garantiefonds eingerichtet, um die Crowdinvestoren vor möglichen Ausfällen zu schützen.

Baart ist zuversichtlich: "In fünf Jahren soll Ecoligo über 1.000 Unternehmen mit Ökoenergie versorgen und Marktführer bei der nachhaltigen Energieversorgung von Unternehmen in den Sonnengürtel-Regionen der Erde sein."

Im Studium hatte der Ingenieur eigentlich vor, in die Autobranche zu gehen, wurde dann aber Mitte der 2000er Jahre im ersten Job bei den Stadtwerken Trier, in seiner Heimatstadt, mit der Projektierung von großen Solaranlagen betraut. Das fixte ihn an.

"Ich fragte mich damals, warum macht man das nicht überall?" Es war die Zeit, als die deutsche Energiewende erstmals so richtig Fahrt aufnahm, bevor sie dann von der Bundesregierung ziemlich brachial abgebremst wurde. Etwas von diesem alten Schwung will Baart in die Zukunft und für die Entwicklungsländer retten. 

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