Anzeige
storenergy

Investitionen in Erneuerbare stagnieren

2019 wurde weltweit nur wenig mehr in erneuerbare Energien investiert als im Vorjahr – weil aber die Kosten für Erneuerbare stark gesunken sind, entstanden mehr neue Kapazitäten als je zuvor. Für das Pariser Klimaabkommen müssen die Investitionen dennoch deutlich zunehmen.


Solarfeld
Solarpark auf Korsika. (Foto: Benjamin von Brackel)

Die weltweiten Investitionen in erneuerbare Energien stagnieren. 2019 wurden insgesamt 282 Milliarden US-Dollar investiert – ein Prozent mehr als im Vorjahr, aber zehn Prozent weniger als im Jahr 2017 mit seinem Rekord-Investitionsvolumen von 315 Milliarden Dollar.

Das geht aus einem Trendbericht zu den globalen Investitionen in erneuerbare Energien hervor, den die Frankfurt School of Finance and Management, das UN-Umweltprogramm Unep und der Analysedienst Bloomberg New Energy Finance jetzt vorgelegt haben.

Weil beispielsweise die Kosten für Photovoltaik Ende vergangenen Jahres um 83 Prozent niedriger lagen als noch ein Jahrzehnt zuvor, konnten mit weniger Geld aber mehr Erneuerbaren-Anlagen installiert werden.

Die stark gesunkenen Kosten führten denn auch dazu, dass 2019 so viel Erneuerbaren-Kapazität wie noch nie hinzukam: 184.000 Megawatt wurden weltweit neu in Betrieb genommen, 20.000 mehr als im Vorjahr. Vor allem die Solarenergie wuchs mit neuen Kapazitäten von 118.000 Megawatt wie noch nie in einem Jahr.

"Bei den 2019 finanzierten Kapazitäten für erneuerbare Energien sehen wir ein Rekordniveau – und das bei nahezu gleichen Investitionen wie im Jahr 2018", sagte Ulf Moslener vom Frankfurt School–Unep Collaborating Centre. "Das zeigt, dass solche Investitionen attraktiver werden."

Am meisten hat China im vergangenen Jahr in erneuerbare Energien investiert – auch wenn die 83 Milliarden US-Dollar ein rückläufiges Investitionsvolumen markieren. Es folgen die USA mit 56 Milliarden und Europa mit 55 Milliarden Dollar.

In der EU wurde am meisten in Spanien, den Niederlanden und Großbritannien in Erneuerbare investiert. Deutschland landete mit 4,4 Milliarden US-Dollar auf Platz vier. Damit gingen die Investitionen hierzulande im Vergleich zum Vorjahr um 30 Prozent zurück. Verantwortlich dafür waren die starken Einbrüche bei Windenergie-Projekten.

"Mehr Geld allein reicht nicht"

"Dass das Investitionsvolumen in Deutschland in erneuerbare Energien deutlich gesunken ist, ist klares Ergebnis einer restriktiven Politik der großen Koalition", sagt Hans-Josef Fell, Chef des Thinktanks Energy Watch Group. Vor allem die Umstellung auf Ausschreibungen habe 2018 und 2019 bei der Windenergie – wie zuvor schon bei Bioenergie und Solarenergie – zu massiven Einbrüchen geführt.

Bürgerschaftliche Investoren wie regionale Energiegemeinschaften hätten bei den Ausschreibungen so gut wie keine Chance, beklagt Fell gegenüber Klimareporter°. Diese Investoren hätten aber in der Vergangenheit den Löwenanteil des Erneuerbaren-Ausbaus getragen.

Auch Branchenvertreter:innen sehen viele Hemmnisse für ein starkes Erneuerbaren-Wachstum: "Investitionen sind durch bürokratische Hürden, Bremsen und Deckel blockiert. Fällt die Blockade endlich, können Erneuerbare die Konjunktur stark stützen", sagt Simone Peter, Präsidentin des Bundesverbandes Erneuerbare Energie, gegenüber Klimareporter°. Industrie und Unternehmen stünden bereit für ambitionierten Klimaschutz und Investitionen in saubere zukunftsfähige Technologien.

Dem Investitionsreport zufolge liegen bis 2030 weltweit Zusagen für neue Kapazitäten über 826.000 Megawatt vor (ohne große Wasserkraftwerke). Allerdings seien drei Millionen Megawatt notwendig, um wenigstens in die Nähe des Minimalziels aus dem Pariser Klimavertrag zu kommen, die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen.

Ökonom Moslener ist aber optimistisch, dass das erreicht werden kann, weil in der vergangenen Dekade von 2010 bis 2019 weltweit 2,7 Millionen Megawatt in Betrieb genommen wurden.

Für Karsten Sach vom Bundesumweltministerium kommt der Bericht zur richtigen Zeit, weil gerade viel über Konjunkturprogramme geredet wird. "Die Transformation wird nur dann funktionieren, wenn neben dem Einstieg in die Erneuerbaren auch über einen Ausstieg aus fossilen Brennstoffen gesprochen wird", sagte Sach.

Der prozentuale Anteil der erneuerbaren Energien werde nach und nach größer, aber es reiche nicht, nur Geld in die Hand zu nehmen. "Wir müssen auch die Regulierung angehen und bessere Rahmenbedingungen für Strom, Wärme, Kühlung und Verkehr schaffen", gab Sach zu bedenken. Sonst würden Pfadabhängigkeiten geschaffen und Investitionen in "Stranded Assets" geleitet. 

100 Prozent Erneuerbare bis 2030

Allerdings könnte die Corona-Pandemie das Erneuerbaren-Wachstum ausbremsen. "Es ist extrem schwer abzuschätzen, wie sich die Investitionen unter den jetzigen Bedingungen entwickeln werden, aber wegen Corona sind physische Treffen nicht möglich. Das könnte einen Rückgang neuer Vertragsabschlüsse zur Folge haben", warnt Moslener.

Jon Moore von Bloomberg New Energy Finance sieht deshalb die Erneuerbaren an einem Scheideweg: "Das vergangene Jahrzehnt hat enorme Fortschritte gebracht, aber die offiziellen Ziele für 2030 sind bei Weitem nicht ausreichend, um dem Klimawandel zu begegnen", sagte er. "Wenn die gegenwärtige Krise nachlässt, werden die Regierungen ihre Ambitionen nicht nur im Bereich der erneuerbaren Energien, sondern auch bei der Dekarbonisierung von Verkehr, Gebäuden und Industrie verstärken müssen."

Auch für den Erneuerbaren-Experten Fell sind die Investitionen noch viel zu niedrig. "So erfreulich die großen Erfolge beim Ausbau der Erneuerbaren weltweit auch sind, so wenig genügen sie, um das Pariser 1,5-Grad-Ziel nicht zu überschreiten", erinnert Fell an das zweite, schärfere Ziel, das die Klimaforschung inzwischen als essenziell ausgemacht hat.

Dafür braucht es Fell zufolge spätestens 2030 eine "Nullemissionswelt", in der 100 Prozent erneuerbare Energien den Kern bilden. Bisher seien die Investitionen der fossilen und atomaren Wirtschaft immer noch höher als die Investitionen in erneuerbare Energien. Die Welt sei noch weit entfernt von den Pariser Zielen und nach wie vor auf dem Weg in eine Drei-Grad-Heißzeit.

Fell fordert deshalb eine radikale Novellierung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG), bei der Hemmnisse wie Deckelungen, Ausschreibungen, ausufernde Bürokratie und finanzielle Belastung der Eigenstromerzeugung beseitigt werden müssten. Für das 100-Prozent-Ziel brauche es zudem ein Gesetz, das der Sektorenkopplung mithilfe einer Kombikraftwerksvergütung den Weg bereitet.

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

klimareporter° wird herausgegeben vom gemeinnützigen Klimawissen e.V. – Ihre Spende macht unabhängigen Journalismus zu Energiewende und Klimawandel möglich.

Spenden Sie hier