Bayern ohne Sektkorken, Plan B für die Kohle und die Abbiegung in die Zukunft

Kalenderwoche 43: Beim Kohleausstieg greift das klassische Gut gegen Böse, Alt gegen Neu nicht mehr, sagt Jens Mühlhaus, Vorstand beim Ökostrom-Anbieter Green City und Mitherausgeber von Klimareporter°. Die Mitarbeiter in beiden Lagern – fossil und erneuerbar – brauchen Planungssicherheit und Strategien, die für alle funktionieren.


Jens Mühlhaus. (Foto: Dominik Parzinger)

Immer wieder sonntags: Unsere Herausgeber erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Jens Mühlhaus, Vorstand beim unabhängigen Ökostrom-Anbieter Green City AG.

Klimareporter°: Herr Mühlhaus, in Bayern zeichnet sich eine Koalition zwischen der CSU und den Freien Wählern ab. Wird die neue Regierungspartei etwas an der Klima- und Umweltpolitik im Freistaat ändern?

Jens Mühlhaus: Wenn man den Aussagen vor der Wahl Glauben schenken darf, dann könnte der Einfluss der Freien Wähler tatsächlich etwas Gutes für den Ausbau der Erneuerbaren in Bayern bedeuten. Als bekennende Gegner der 10-H-Regel und Befürworter einer Neubauquote für Windenergieanlagen in Süddeutschland wäre der Weg geebnet für eine Kehrtwende in der bayerischen Energiepolitik.

Als bayerischer Projektierer haben wir die 10-H-Regel hautnah zu spüren bekommen. Der Windausbau im Freistaat ist nahezu zum Erliegen gekommen. Ein Gegensteuern ist die einzig logische Konsequenz.

Trotzdem knallen jetzt nicht die Sektkorken. Noch ist nicht klar, ob es die Wahlversprechen der Freien Wähler auch in den Koalitionsvertrag schaffen. Aus der Vergangenheit wissen wir: Im Koalitionsgeschacher geht der Klimaschutz samt erneuerbaren Energien gerne als Erstes über Bord.

Für Herrn Aiwanger und Herrn Söder selbst wird es nicht mehr so viel Unterschied machen, ob in Bayern ein paar Windräder mehr oder weniger stehen. Die Leidtragenden sind die nachfolgenden Generationen, denen man dann wird erklären müssen, warum nichts zur Eindämmung des Klimawandels auf bayerischen Grund und Boden unternommen wurde.

Am Mittwoch haben im Rheinland über 20.000 Menschen gegen den Kohleausstieg und für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze demonstriert. Wie könnte sich die aufgeheizte Debatte wieder beruhigen?

Die Kohlebergleute arbeiten in einem aussterbenden Industriezweig. Sie haben Angst um ihre Existenz. Das ist verständlich und sollte nicht kleingeredet werden. Wichtig ist aber, dass wir es schaffen, in dieser Diskussion den Blickwinkel zu ändern und Relationen zu erkennen.

Das klassische Gut gegen Böse, Alt gegen Neu, Erneuerbar gegen Fossil greift hier nicht mehr. Der Kohleausstieg wird kommen. Es geht nicht mehr um ein Ob, sondern um ein Wann und Wie. Jetzt kommt es darauf an, einen verlässlichen Weg zu ebnen.

Wir sitzen alle zusammen in einem Boot. Auch die Erneuerbare-Energien-Branche ist gebeutelt von politischen Kurswechseln und Unsicherheiten, die Arbeitsplätze kosten. Die diesjährigen Einbrüche in der Windbranche, ausgelöst durch geänderte gesetzliche Rahmenbedingungen, haben auch über 10.000 Arbeitsplätze gekostet. Nur stehen dahinter keine starken Gewerkschaften und Verbände, die laut genug aufschreien und für ihre Branchen kämpfen.

Mitarbeiter beider Lager – fossil und erneuerbar – brauchen Planungssicherheit. Dass der Kohleausstieg kommen muss, ist unumstritten. Stirbt die Braunkohle, leben die Erneuerbaren. Das bringt neue Perspektiven, über die aufgeklärt und für die geworben werden muss.

Wichtig ist, dass der Transformationsprozess, in dem wir uns gerade befinden, auch auf allen Ebenen als ein solcher wahrgenommen wird. Er muss begleitet und moderiert werden, um Strategien zu entwickeln, die für alle Beteiligten funktionieren.

Auch bei den fossilen Energiegiganten wird inzwischen angekommen sein: Es gibt keinen Planeten B. Aber sicherlich einen Plan B in der Schublade. Denn wer glaubt denn, dass RWE und Co mit dem Kohleausstieg ihr Geschäft einstellen werden?

Der neue Höhenflug der Grünen, der bei der Bayernwahl begann, könnte sich heute in Hessen fortsetzen. Ist das ein Zeichen dafür, dass den Leuten ökologische Themen wichtiger werden?

Es ist auf jeden Fall ein Zeichen gegen ein politisches "Weiter so". Die Volksparteien beschäftigen sich in diesen Wahlkämpfen vorrangig mit sich selbst und dem Spagat zwischen Abwanderungen am rechten Rand und dem Thema Flüchtlinge. Dabei haben sie vergessen, die Abbiegung zu den Zukunftsthemen unserer Zeit zu nehmen.

Der Klimaschutz ist nicht zuletzt seit dem Hambacher Forst wieder in der breiten öffentlichen Wahrnehmung angekommen. Die Grünen knüpfen an eine Aufbruchstimmung an, die gerade viele spüren – nicht nur für ökologische Themen. Auch für gesellschaftspolitische Aufgaben sind es die Grünen, die Mut statt Verzweiflung vermitteln. Damit sind sie am Puls der Zeit.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Vielleicht nicht überraschend, aber trotzdem bewegend war, dass wir bei Green City in diesen Tagen in unsere erste Investitionsoffensive für Energiespeicher gestartet sind.

Im Mai hatten wir für unsere Festzinsanleihe "Kraftwerkspark III" eine Ausschreibung für einen Stromspeicher mit einem Investitionsvolumen von bis zu zwei Millionen Euro durchgeführt. Den Zuschlag hat jetzt das Münchner Unternehmen Digital Energy Solutions erhalten, ein Joint Venture von BMW und Viessmann.

Gemeinsam planen wir einen Batterie-Großspeicher mit 2,2 Megawattstunden Gesamtkapazität. 52 Lithium-Ionen-Akkupacks aus dem BMW i3 sollen gekoppelt in Containerbauweise am Standort eines Green-City-Windparks errichtet werden.

Als wir vor knapp 20 Jahren mit unserer Projektierungsarbeit begonnen haben, hätten wir nicht zu träumen gewagt, dass wir heute wirklich am dem Punkt stehen, den nächsten Schritt der Energiewende zu gehen.

Fragen: Friederike Meier

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