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Windkraftbranche fürchtet Einbruch

Weil der Preisdruck auf die Windanlagenhersteller so hoch ist, werden kleine Firmen verschwinden, warnt die Branche. Der Export allein reiche nicht, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Branchenvertreter fordern Eile bei den geplanten Sonderausschreibungen. Auch der niedersächsische Energieminister macht sich für die Windindustrie stark.


Wolken über den Windräder bei Pfaffroda (Ortsteil Dörnthal) in Sachsen
Dunkle Wolken über der wichtigsten Ökostrom-Branche: Windräder nahe dem sächsischen Pfaffroda. (Foto: Eclipse.sx/​Wikimedia Commons)

Eine Branche bangt um ihre Zukunft und schlägt Alarm: Als "extrem angespannt“ bezeichnen Betriebsräte aus der Windindustrie die wirtschaftliche Lage in einer Umfrage für die IG Metall Küste. Zwei von drei befragten Betriebsräten rechnen demnach mit Umsatzeinbrüchen. Künftig bessere Geschäfte erwartet nur noch jedes fünfte Unternehmen, vor vier Jahren tat das noch jede zweite Firma.

So schlecht war die Stimmung unter den Windradbauern schon lange nicht. "Die Auswirkungen auf die Beschäftigten sind dramatisch. Sie spüren den Kostendruck durch die neu eingeführten Ausschreibungen", sagt Meinhard Geiken, Bezirkschef der IG Metall Küste.

Ursache für die negative Stimmung in der Branche ist der Paradigmenwechsel bei der Erneuerbaren-Förderung. Mit Jahresbeginn 2017 erfolgte die Umstellung von der bis dahin geltenden garantierten Einspeisevergütung für Ökostrom auf Ausschreibungen. Dabei erhalten in der Regel die niedrigsten Gebote den Zuschlag. Das hat zu einem enormen Verfall der Preise geführt, der die Branche nun unter Druck setzt.

"Zwei Jahre nach Einführung des Ausschreibungssystems weht heute ein zunehmend rauer Wind in den Betrieben", sagt Lorenz Gösta Beutin, energiepolitischer Sprecher der Linksfraktion im Bundestag. Der Kostendruck steige, es werde an Qualität, Service und Produktionsmitteln gespart.

Seit Anfang 2017 sind bundesweit in der Branche mehr als 2.000 Arbeitsplätze verloren gegangen. Künftig könnten es noch deutlich mehr werden. Windradhersteller wie Senvion, Powerblades oder Nordex haben mit Verweis auf das schwache Heimatgeschäft bereits Sparmaßnahmen angekündigt oder Mitarbeiter entlassen.

Für dieses Jahr erwarten die befragten Betriebsräte, dass sich der Abbau von Arbeitsplätzen in fast 40 Prozent der Unternehmen fortsetzt. "Wenn die Rahmenbedingungen sich nicht verbessern, dann wird es in Deutschland künftig kaum noch Windenergiefirmen geben", warnt ein Befragter.

Ausschreibungssystem drückt auf die Preise

Noch ist die durchschnittliche Auslastung der Betriebe mit 84 Prozent zufriedenstellend. Aber die Hälfte der Befragten rechnet mit einem Rückgang bei den Aufträgen. Lediglich die Betriebe, die in Service und Wartung tätig sind, erwarten auch weiterhin volle Auftragsbücher.

Die Branche fühlt sich von der Politik im Stich gelassen, da die Bundesregierung und einige Landesregierungen den Zubau von Windanlagen beschränkt haben. Mit der Einführung der Ausschreibungen wurden auch die Neuinstallationen an Land auf 2.800 Megawatt pro Jahr begrenzt, ab 2020 sollen es 2.900 Megawatt sein. In Boomjahren wie 2014 waren noch 4.600 Megawatt hinzugekommen. Doch solchen Wachstumsraten hat die Politik inzwischen einen Riegel vorgeschoben.

Auf See sollen bis 2020 insgesamt Windkapazitäten von 6.500 Megawatt installiert sein – dabei waren Ende 2017 bereits Offshore-Anlagen mit 5.387 Megawatt am Netz.

"Schon heute haben die Unternehmen hohe Exportraten von 60 bis 80 Prozent", sagt Wolfram Axthelm vom Bundesverband Windenergie gegenüber Klimareporter°. Doch um auch künftig bei der Technologie vorne zu sein, brauche es einen starken Heimatmarkt. "Noch hat die Politik es in der Hand", mahnt Axthelm. Immerhin wolle die große Koalition bis 2030 den Anteil der Erneuerbaren im Strommix auf 65 Prozent erhöhen. "Nun muss die Politik zeigen, wie sie dieses ambitionierte Ziel erreichen will."

Windboom vor dem Ende

2017 wurden in Deutschland mehr neue Windkraftanlagen denn je installiert: An Land kamen Kapazitäten von mehr als 5.300 Megawatt hinzu, auf See über 1.100 Megawatt. Das Anfang 2017 eingeführte Ausschreibungssystem hat die Dynamik gestoppt.

Dazu müsste der Ausbau der Windkraft und der Stromnetze deutlich anziehen. Zwar sieht der Koalitionsvertrag Sonderausschreibungen für Windanlagen an Land von insgesamt 4.000 Megawatt in den Jahren 2019 und 2020 vor. Doch bislang trödelt das zuständige Bundeswirtschaftsministerium bei der Ausgestaltung. "Dadurch gefährdet Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier weitere Investitionen, Standorte und Arbeitsplätze in der Zukunftsbranche Wind", warnt Gewerkschafter Geiken.

Im Bundeswirtschaftsministerium heißt es zwar, dass die erforderlichen Abstimmungen zu den Sonderausschreibungen liefen, doch in den windkraftstarken Bundesländern bangt es der Politik vor den Auswirkungen des drohenden Einbruchs. "Ich teile die Befürchtung der Branche, dass weitere Arbeitsplätze abgebaut werden", sagt Niedersachsens Energieminister Olaf Lies. "Das wäre eine Katastrophe", so der SPD-Politiker. Ein längeres Warten bei den Ausschreibungen sei angesichts der absehbaren Delle industrie-, arbeitsmarkt- und klimapolitisch völlig verfehlt.

Kleinere Windfirmen werden wohl verschwinden

An der Befragung durch die IG Metall beteiligten sich Betriebsräte aus bundesweit 32 Unternehmen, die mehr als 19.000 Arbeitsplätze repräsentieren. Dem Bundesverband Windenergie zufolge arbeiteten Ende 2016 mehr als 160.000 Menschen in der Windindustrie, davon 133.000 bei Wind an Land. Neuere Zahlen will der Verband erst im Laufe des Monats vorlegen.

Auch Marktanalysten kommen zu einer ähnlichen Einschätzung wie die IG Metall. Nach Ansicht von Övermöhle Consult & Marketing, einer auf Windkraft spezialisierten Beratungsfirma in Hamburg, wird die "Konsolidierung" in der deutschen Windbranche voranschreiten. Vor allem kleine und mittelständische Projektentwickler seien davon betroffen. Der Markt würde dann von weltweit agierenden Konzernen dominiert werden.

Den Grund sieht Övermöhle in den niedrigen Gebotspreisen bei den Ausschreibungen sowie dem daraus resultierenden Druck auf die Windanlagenpreise – und damit verbunden auch auf alle Zulieferer und Dienstleister.

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