Knackpunkte Uran und Kohle

Strahlende Reststoffe aus der deutschen Atombrennstofffabrik in Gronau werden als Wertstoffe deklariert nach Russland exportiert. Ein deutsch-russisches Bündnis fordert, dies zu beenden. Protestiert wird auch gegen den Weiterbetrieb des neuen Kohlekraftwerks Datteln 4 und die dazu notwendigen Kohleimporte aus Sibirien.


Haupttor der Urananreicherungsanlage von Urenco in Gronau
Haupttor der Urananreicherungsanlage der Firma Urenco in Gronau im westlichen Münsterland. (Foto: UAA Nee/​Wikimedia Commons)

Deutschland ist Vorreiter beim Atomausstieg. Im Jahr 2022 werden die letzten drei der ehemals 19 Reaktoren zur Stromproduktion abgeschaltet.

Die Bundesrepublik spielt aber weiterhin eine wichtige Rolle bei der Produktion von Nuklearbrennstoffen, bei der große Mengen Reststoffe anfallen – und diese werden nach Russland exportiert.

Ein russisch-deutsches NGO-Bündnis hat in einem gemeinsamen Appell Bundeskanzlerin Angela Merkel und Präsident Wladimir Putin aufgefordert, diese Transporte sofort zu stoppen, von denen ein weiterer am gestrigen Montag startete.

Protestiert wird auch gegen den Weiterbetrieb des neuen Kohlekraftwerks Datteln 4 und die dafür notwendigen Kohleimporte aus Sibirien.

Die strahlenden Reststoffe fallen bei der Anreicherung von Uran bei dem internationalen Atomunternehmen Urenco an, das auch in Deutschland einen Standort betreibt – im westfälischen Gronau. Urenco gehört zu je einem Drittel Großbritannien, den Niederlanden sowie den Stromkonzernen RWE und Eon.

Das Gronauer Werk verfügt trotz des Atomausstiegs über eine unbegrenzte Zulassung. Bei der Produktion des in den Atomkraftwerken nutzbaren Brennstoffs entsteht abgereichertes Uranhexafluorid (UF6), das von Urenco nicht als Abfall, sondern als Wertstoff deklariert wird und daher nicht unter das im Atomgesetz fixierte Verbot des Nuklearmüll-Exports fällt.

Laut Urenco wird das Material am Zielort Nowouralsk im Ural wiederangereichert. Experten der Umweltverbände halten das Argument für vorgeschoben, wegen des niedrigen Urangehalts lohne sich das gar nicht, befindet etwa Greenpeace. Etwa 90 Prozent seien nicht wiederverwertbar und würden voraussichtlich dauerhaft in Russland verbleiben, so der BUND.

Transporte nach neun Jahren wiederaufgenommen

Die Transporte nach Russland waren 2010 aufgrund öffentlichen Drucks eingestellt worden, im Oktober 2019 wurden sie aber neu gestartet.

Laut dem Vertrag zwischen Urenco und dem russischen Unternehmen Tradewill sollen bis 2022 rund 12.000 Tonnen zur "Wiederanreicherung" geliefert werden.

Das UF6 wird per Bahn zum Amsterdamer Hafen gefahren, dort auf das Schiff "Michail Dudin" verladen und dann quer durch die Ostsee in den russischen Hafen von Ust-Luga bei St. Petersburg gebracht. Die Fracht wird von dort per Schiene unter anderem durch die Region um Tschernobyl in den Ural transportiert.

Der Appell an Merkel und Putin wurde inzwischen von rund 50 Organisationen, Abgeordneten und Experten unterzeichnet. Sie kritisieren, dass die Bundesregierung die Transporte für nicht genehmigungspflichtig hält, da sie dem Wertstoff-Argument folge.

Während die Rückführung von Castor-Atombehältern nach Deutschland wegen der Corona-Pandemie gestoppt wurde, um die Einsatzkräfte zu schützen, gehe die UF6-Verschiffung nach Russland ungehindert weiter. Die Exporte von Gefahrgut widersprächen den UN-Zielen für eine nachhaltige Entwicklung und der Basler Konvention zur Kontrolle der grenzüberschreitenden Beförderung gefährlicher Abfälle, heißt es in dem Appell.

BUND-Chef Olaf Bandt kritisierte: "Die Bundesregierung sieht tatenlos zu, wie ein Teil des ungelösten Atommüllproblems wieder still und heimlich nach Russland entsorgt wird." Die Bundesrepublik müsse endlich einen kompletten Atomausstieg vollziehen. Solange die Urananreicherungsanlage Gronau und die Brennelementefabrik Lingen unbefristet weiterlaufen dürften, könne davon keine Rede sein.

Heftige Kritik russischer Umweltschützer

Witali Serwetnik vom Umweltverband Russische Sozial-Ökologische Union warnte, das UF6-Problem in ein Land mit schwächeren Umweltvorschriften und schwächerer öffentlicher Kontrolle zu verlagern, sei unverantwortlich. "Dieses Verbrechen an nachfolgenden russischen Generationen muss sofort gestoppt werden."

Unlängst hatten auch Alexandra Koroljowa und Wladimir Sliwjak, die beiden Co-Vorsitzenden der russischen Umweltorganisation Ecodefense, das Handeln der russischen Atom- und Kohleindustrie heftig kritisiert. Durch die Kooperationen mit Urenco und deutschen Energiekonzernen wie RWE, Uniper und Eon komme es in Russland durch die Uranmüll-Importe wie auch durch den Kohle-Abbau im sibirischen Kusbass für deutsche Kohlekraftwerke zu schweren Umweltschäden.

Das Bundesumweltministerium teilte auf Anfrage mit, UF6 bedürfe als "sonstiger radioaktiver Stoff" beim Export keiner atom- oder strahlenschutzrechlichen Ausfuhrgenehmigung, es genüge eine Anzeige beim Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (Bafa) in Eschborn.

"Das Material wird in Russland genutzt, um Uran mit natürlicher Isotopenzusammensetzung herzustellen, das dann an die Urenco zurückgeliefert werden soll", sagte ein Ministeriumssprecher. Es entspreche der internationalen Praxis, dass das dabei anfallende, noch weiter abgereicherte Uran bei dem dortigen Unternehmen, sprich in Russland, verbleibe.

Über längerfristige Vereinbarungen zwischen Urenco und der russischen Seite liegen dem Ministerium nach eigener Auskunft keine Informationen vor.

Nach Informationen von Klimareporter° hatte das SPD-geführte Umweltministerium innerhalb der Regierung vorgeschlagen, den Betrieb der Atomanlagen in Gronau und Lingen gesetzlich zu beenden. Der Vorstoß fand aber keine Mehrheit.

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