"Indigene Gemeinschaften brauchen weltweit Verbündete"

Vom Elektroauto bis zum Smartphone: Nickel ist ein weltweit gefragter Rohstoff. Der Abbau in Guatemala hat schwere Folgen für die Umwelt und die indigenen Gemeinden, sagt Nati Garcia von der Menschenrechtsorganisation Cultural Survival. Die starken Proteste dürfen im globalen Norden nicht ignoriert werden.


Graue Gebäude und Schornsteine der Nickelmine Fenix in Guatemala, aufgenommen in der Dämmerung.
Tesla-Chef Elon Musk ruft nach mehr Nickel. Das Bergwerk "Fenix" in Guatemala liefert das Metall – auf Kosten der indigenen Bevölkerung. (Foto: Cultural Survival)

Klimareporter°: Frau Garcia, in Guatemala gibt es gerade massive Proteste gegen die Nickelmine am Izabal-See – eine der größten in Zentralamerika, heute betrieben von dem Schweizer Unternehmen Solway. Der Widerstand gegen den Nickelbergbau im Kreis El Estor hat aber schon eine lange Geschichte. Was passiert dort?

Nati Garcia: Der Izabal ist der größte See Guatemalas – wer ihn besucht, hat das Gefühl, am Meer zu sein. Die Menschen dort leben von dem See: von seinen Fischen, von den Nahrungsmitteln, die sie an seinen Ufern anbauen können.

Doch die Nickelmine in der Nähe verschmutzt den See. Inzwischen weisen die Fische Verunreinigungen an ihrer Haut auf oder schwimmen sogar tot im Wasser. Das ist einer der Gründe für den Aufstand vieler Q'eqchi', die zu den Maya-Völkern gehören und seit Langem für die Rechte an ihren Gebieten kämpfen.

Schon ab 1977 hat das nordamerikanische Bergbauunternehmen Inco in El Estor die Exmibal-Nickelmine betrieben. Nach den gewaltvollen Auseinandersetzungen in Guatemala wurde der Betrieb 1983 zunächst eingestellt. Zwanzig Jahre später wurde die Reaktivierung der Anlagen beantragt, hinzu kam eine Explorationslizenz für das Nickelabbauprojekt Fenix.

Die indigenen Gemeinschaften, die dort kollektive Landtitel besitzen, wurden in beiden Fällen nicht konsultiert. Damit wurde das Recht auf freie, vorherige und informierte Zustimmung verletzt. Für die Fenix-Mine wurden Menschen aus fünf indigenen Gemeinden in El Estor zwangsvertrieben. Die guatemaltekische Polizei und das Militär haben dabei mit dem Sicherheitspersonal des Nickelunternehmens zusammengearbeitet.

Warum ist der Protest in letzter Zeit wieder stärker geworden?

2019 hatte der Oberste Gerichtshof Guatemalas zugunsten der indigenen Bevölkerung entschieden und das Energie- und Bergbauministerium angewiesen, die Förderlizenz von Solway bis zur Durchführung eines Konsultationsverfahrens auszusetzen.

Das Urteil wurde aber nicht richtig umgesetzt. Das Konsultationsverfahren fand mit einem von der Regierung geleiteten "Maya Q'eqchi' Council" statt, an dem weder die Mehrheit der indigenen Bevölkerung von El Estor noch traditionelle Führungspersönlichkeiten aus den Gemeinden beteiligt waren.

Wegen dieses Ausschlusses vom Konsultationsprozess kam es im vergangenen Oktober zu Protesten. Drei Wochen lang wurden die Bergbau-Lkws daran gehindert, zur Mine zu gelangen. In der Region wurde schließlich der "Belagerungszustand" ausgerufen, der mit einer enormen Militarisierung und einem starken Anstieg der Polizeigewalt einherging.

Die Spannungen sind bis heute nicht gelöst. Für die Q'eqchi' geht es um das Land ihrer Vorfahren, und sie haben nie die Zustimmung erteilt, dort ein Bergwerk zu betreiben.

Bekannt gewordene Dokumente haben nicht nur Beweise für die Umweltverschmutzung geliefert, sondern auch die Strategien offenbart, mit denen das Bergbauunternehmen die widerständigen Gemeinden spalten will ...

Viele Konzerne nutzen die bekannte "Teile und herrsche"-Taktik. Auch hier gab es eine Liste mit Versprechungen, was alles als Gegenleistung für die Zusage zum Betrieb der Mine geschehen würde: Das Nickelunternehmen würde eine Schule bauen, den lokalen Gemeinden Arbeitsmöglichkeiten bieten und so weiter. Einige Gemeindemitglieder waren schließlich dafür, andere weiter dagegen.

Aus diesem Grund ist Aufklärung so wichtig. Viele Dorfbewohner:innen sind sich der Auswirkungen auf die Umwelt nicht bewusst. Zugleich wurden auch viele indigene Gemeinschaften durch das System des Profits, durch die modernen Technologien, durch Fernsehen und Mobiltelefone beeinflusst. Sie wollen jetzt mehr als das, was nötig ist.

Dabei waren wir stets in der Lage, uns auf bescheidene Weise zu ernähren und zu versorgen, ohne die meisten jener Güter, die uns die heutige Wirtschaft kommerziell anpreist.

Kolonialismus und Kapitalismus haben offensichtlich die Denk- und Lebensweisen stark geprägt.

Porträtaufnahme von Nati Garcia.
Foto: Jamie Malcolm-Brown

Nati Garcia

arbeitet bei der Organisation Cultural Survival, die sich für die Menschen­rechte indigener Gemeinschaften einsetzt. Sie wurde in einem Camp in Mexiko geboren, nachdem ihre Familie in den 1980er Jahren wegen des militärischen Völker­mords an Maya und anderen Indigenen aus Guatemala flüchten musste, und wuchs in Kanada in den Gebieten der Coast Salish auf. Durch Beratung, Medien­projekte und Gemeinschafts­bildung hilft sie vor allem jüngeren indigenen Menschen, Selbst­wert­gefühl und Integrität zu entwickeln.

 

Ja, aber dieses koloniale, ausbeuterische System funktioniert für uns nicht. Als indigene Völker haben wir ein anderes Wissenssystem und eine andere Art, unseren Lebensunterhalt zu bestreiten. Auch früher war nicht alles perfekt, aber es gab starke und gute Beziehungen zwischen Verwandten, die durch den Kolonialismus fragmentiert worden sind.

Viele in den heutigen Generationen sind dabei, dies wieder zu verlernen und zu heilen, um zu den Wegen unserer Großmütter zurückzukehren, um in Harmonie zu leben, in reziproken Beziehungen. Wir sprechen über die Beziehung zur Natur, zu Tieren, innerhalb der Gemeinschaft, über Systeme wie das Wassersystem und jenes der Bäume.

Wir sehen einen Baum als einen Verwandten. Einen Baum zu kommerzialisieren, ihn also zu fällen, zu vermarkten, ihn zu kaufen, zu einem Objekt zu machen, das übersteigt wirklich unser Verständnis.

In welcher Verbindung steht für Sie dieses Heilen indigener Gemeinden mit der "Heilung der Erde", letztlich auch mit dem Kampf gegen die Klimakrise?

Viele wollen wieder in einer wechselseitigen Beziehung mit der Erde stehen, anstatt nur etwas aus ihr herauszuholen. Zugleich gibt es einen sehr großen Teil der Bevölkerung, der diesen Extraktivismus befürwortet. Es ist eine Sucht. Die Erde wird als Material angesehen, aus der man zum Beispiel alles frische Wasser entnehmen kann. Aber nur die Erde weiß, wie sie frisches Wasser erzeugen kann ...

Diese Fähigkeiten der Erde liegen jenseits unserer Technologien: Wir können kein frisches Wasser erzeugen, wir können keinen neuen Boden erzeugen. Es gibt Dinge, die wir als Menschen nicht herstellen können, sondern schützen müssen. Viele Bewegungen haben das begriffen – und verteidigen sie um jeden Preis.

Und wenn es das eigene Leben bedeutet, dann ist das ein Opfer. Viele unserer Kämpfer:innen um Landrechte sind seit der Kontaktaufnahme und im Laufe der Jahre des Widerstands gestorben, viele indigene Gemeinschaften gibt es nicht mehr. Wir kennen nicht einmal die Zahl der Menschen, die für die Verteidigung der Erde ihr Leben gelassen haben.

Welche Rolle spielt Cultural Survival als eine Organisation, die von Indigenen geleitet wird und weltweite Netzwerke hat?

Wir können nicht in die Vergangenheit zurückkehren, aber wir können schauen, was die Zukunft für uns bereithält. Wir können lernen, in Koexistenz zu leben.

Umweltverbände gegen Nickelabbau

Mit einem Brief an Tesla-Chef Elon Musk hat das Umweltbündnis Walhi, indonesischer Zweig des weltweiten Netzwerks Friends of the Earth, gegen die Ausweitung der Nickelindustrie in Indonesien protestiert. Nickel wird in großen Mengen für Elektroauto-Batterien benötigt.

 

Indonesien will die Lücke füllen, die der Wegfall russischer Nickel-Lieferungen wegen des Ukraine-Kriegs verursacht hat. Auch der Bau einer Gigafactory zur Autoproduktion soll geplant sein. Den Umweltorganisationen zufolge werden für die Nickel-Expansion Regenwaldgebiete abgeholzt, Flüsse vergiftet und die Lebensgrundlagen indigener Gemeinschaften zerstört, die vom Fischfang leben. (mb)

Aber wir kämpfen immer noch um die Anerkennung als Gemeinschaften und um die Anerkennung unserer Rechte. Deshalb gibt es so viele Spannungen. Wir müssen gehört und anerkannt werden – denn wir wissen selbst, was das Beste für uns ist.

Indigene Völker haben ihre eigenen Lösungen, und bei Cultural Survival unterstützen wir sie darin, etwa durch den Aufbau lokaler Kapazitäten. Es geht um die Wiederbelebung von indigenen Sprachen, Kulturen und Traditionen, damit nicht mehr jedes Jahr etwas davon verloren geht.

Wir bieten keine Lösungen für andere an. Das ist etwas, was die Bergbauunternehmen tun: Sie dringen in ein Gebiet ein und behaupten, sie hätten eine Lösung. Sie sagen, ihr seid arm, ihr lebt auf diese und jene Weise, aber wir können euch diese und jene Art von Haus geben ...

Wir alle haben Wissen unserer Vorfahren, auch Sie haben es. Es ist für jeden von uns wichtig, sich wieder mit diesem Wissen verbinden zu können. Alles hängt mit dem Land zusammen – wenn das Land weggenommen wird, verliert man die Sprache, die Traditionen, das Wissenssystem. Alles geht verloren, und es ist wirklich schwierig, das zurückzugewinnen.

Deshalb finanzieren wir Projekte im Zusammenhang mit Landrechten und landwirtschaftlichen Lebensgrundlagen, etwa durch den Keepers of the Earth Fund. Viele indigene Gemeinschaften fordern ihre angestammten Territorien zurück.

Sehen Sie Möglichkeiten für internationale Bündnisse, um sich gemeinsam zu wehren? Welche Rolle kann internationale Solidarität spielen?

Wir müssen zusammenstehen, dann sind wir stärker. Dafür brauchen wir viele Verbündete. Wir müssen Netzwerke aufbauen, etwa um zu wissen, wer die Investoren für zerstörerische Projekte sind, wer die Geldgeber sind, wo die Banken sitzen.

Wir können fragen: Welche Bewegungen in Europa wissen darüber Bescheid, wie können wir uns mit anderen Bewegungen etwa in der Schweiz verbinden, damit sie eine bestimmte Gemeinschaft unterstützen, die für den Schutz ihres Territoriums kämpft? Wir können digitale Plattformen nutzen, um uns auszutauschen und herauszufinden, welche Ressourcen bei euch wie bei uns zur Verfügung stehen, um diese Konzerne zur Rechenschaft zu ziehen.

In Panama ist es beispielsweise gelungen, den Barro-Blanco-Staudamm zu stoppen, der 2014 am Río Tabasará auf dem Gebiet der Ngäbe gebaut werden sollte – als Klimaschutzprojekt mit CO2-Kompensationsgeldern. Der Damm wurde von der deutschen Entwicklungsbank DEG mitfinanziert.

Die Ngäbe haben unter anderem Verbindungen zu Carbon Market Watch in Brüssel und dem Centre for Research on Multinational Corporations (Somo) in Amsterdam aufgebaut, die sie finanziell und juristisch unterstützt haben. Schließlich haben sie bei den Vereinten Nationen eine Beschwerde über die Verletzung ihrer Rechte auf freie, vorherige und informierte Zustimmung eingereicht.

Der Betrieb von Barro Blanco wurde vorübergehend eingestellt. Das war ein großer Erfolg für die Ngäbe. Es gibt Hoffnung, wenn wir Solidarität mit anderen Organisationen weltweit schaffen.

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