Showdown in Katowice

Der Handel mit den CO2-Zertifikaten, mit denen der globale Luftverkehr bald seine Emissionen kompensieren will, entpuppt sich als gefährlichster Querschläger bei den Verhandlungen auf dem Katowicer Klimagipfel. Die noch offenen Probleme bei den eher politischen Kapiteln sind hingegen überschaubar.


COP-24-Präsident Michał Kurtyka.
Konferenzpräsident Michał Kurtyka hätte mit einem besseren Entwurf für den Katowice-Schlusstext etwas mehr Schlaf haben können. (Foto: Kiara Worth/​IISD/​ENB)

Am Freitagabend trat der polnische Präsident der Klimakonferenz Michał Kurtyka vor die Presse: "Wir arbeiten sehr hart daran, ein ausbalanciertes Paket zu finden."

Damit haben die Verhandler wieder eine Nachtschicht vor sich – die vorige war nötig gewesen, weil der erste Textentwurf viel Kritik auf sich gezogen hatte. "Niemand mochte den Text und es gab harsche Wortmeldungen", sagte Franz Perrez, der Leiter der Schweizer Delegation. "Es sah so aus, als hätten wir in den drei Jahren seit Verabschiedung des Paris-Abkommens keinerlei Fortschritte gemacht."

Nachts um drei präsentierte Konferenzpräsident Kurtyka dann eine neue Version des Textes, die seit Freitagmorgen als Grundlage der Verhandlungen dient.

Seither hat sich das technischste Kapitel als das schwierigste erwiesen: das zu den Märkten, auf denen CO2 gehandelt werden soll. Einige Länder wie die Schweiz, Neuseeland und Südkorea wollen einen Teil ihrer Emissionen im Ausland kompensieren. Damit das aber tatsächlich dem Klima etwas bringt, muss sichergestellt sein, dass die Emissionsreduktionen nicht doppelt gezählt werden – etwa einmal in der Schweiz und einmal in Brasilien.

Bei der CO2-Kompensation winkt ein Milliardengeschäft

Während die drei potenziellen Käufer von Emissionszertifikaten wasserdichte Regeln wollen, blockiert der vermutlich wichtigste Verkäufer aber die Verhandlungen: Brasilien. Das hat einen einfachen Grund: Interessant sind nicht die Schweiz, Neuseeland und Südkorea – interessant ist Corsia.

Corsia ist das System zur Kompensation der Emissionen des weltweiten Luftverkehrs. Dessen CO2-Ausstoß soll auf dem Niveau des Jahres 2020 gedeckelt werden. Auch wegen des anhaltenden Wachstums der Branche werden zum Kompensieren Zertifikate für mehr als drei Milliarden Tonnen CO2 in den nächsten 15 Jahren erforderlich.

Schon bei einem bescheidenen Preis von 20 Euro pro Tonne ausgestoßenem CO2 geht es daher um sehr viel Geld: 60 Milliarden Euro. Zudem soll später auch der Schiffsverkehr über Corsia seine Emissionen ausgleichen.

"Dieses Thema baut sich zu einem Showdown auf", sagt Perrez. Er befürchtet, dass die Konferenz in Katowice daran sogar noch scheitern könnte. Niemand weiß, ob die vier betroffenen Länder einem Abschlussdokument zustimmen werden, wenn darin keine aus ihrer Sicht zufriedenstellende Regelung für den Zertifikatehandel enthalten ist.

Wie stark darf überwacht werden?

Die Kontroversen um die viel politischeren Kapitel, die am Anfang der Konferenz im Zentrum standen, haben sich im Vergleich dazu als lösbar erwiesen. Mittlerweile wird erwartet, dass sich die Länder auf einheitliche Regeln für die Berichterstattung über ihre Emissionen einigen werden.

Die Industrieländer, so sieht es der aktuelle Entwurf vor, können noch bis 2022 nach der alten Methodik berichten, die Entwicklungsländer ab 2024 – von da an würden die Vorschriften für alle gelten.

Ursprünglich hatten die Entwicklungsländer hier weitergehende "Flexibilität" für sich reklamiert. Einfachere Regeln wird es am Ende aber nur für Mikrostaaten wie Tuvalu und die 47 ärmsten Länder der Welt geben. Diese haben schlicht nicht die nötige Kapazität, um ihre Emissionen zuverlässig zu messen, die allerdings auch sehr gering sind.

Umstritten soll auch noch eine sogenannte Compliance-Regel sein: Was passiert, wenn Staaten ihren Berichtspflichten nicht nachkommen wollen oder können? Die Frage ist, ob sie dann praktisch mit leichtem Druck dazu gezwungen werden können oder ob die anderen Staaten nur unterstützend bei der Erfüllung der Pflichten tätig werden können, wenn sie darum gebeten werden.

Auch die wieder heiß umstrittenen Finanzhilfen der reichen für die armen Länder befinden sich nach Aussagen von Verhandlern auf der Zielgeraden. Die Industriestaaten sind hier bereit, unverbindlich über ihre Pläne zur Klimafinanzierung zu berichten.

Außerdem wird ab 2020 oder 2021 ein Prozess etabliert, der darüber nachdenkt, wie diese Finanztransfers nach 2025 auf über 100 Milliarden US-Dollar pro Jahr gesteigert werden können. Aus Sicht der herkömmlichen Geberländer wie Deutschland oder der Schweiz wird es dabei auch um die Frage gehen, was wohlhabend gewordene Entwicklungsländer wie Singapur, Saudi-Arabien oder China zur Unterstützung wirklich armer Länder beitragen können.

Für 1,5-Grad-Bericht wird nunmehr "gedankt"

Selbst für den heiß umkämpften Sonderbericht des Weltklimarats IPCC zum 1,5-Grad-Ziel zeichnete sich zuletzt eine Lösung ab, die es allen Ländern ermöglicht, ihr Gesicht zu wahren: Der Bericht wird weder wie geplant "begrüßt" noch lediglich "zur Kenntnis genommen", wie einige Ölstaaten verlangt hatten. Stattdessen wird dem IPCC und den Wissenschaftlern "gedankt".

Wichtiger als diese diplomatische Spitzfindigkeit ist allerdings, dass der Inhalt des Sonderberichts ausdrücklich im Abschlussdokument Erwähnung findet: Die globalen Treibhausgasemisionen müssen in den nächsten zwölf Jahren von heute 50 Milliarden auf "25 bis 30 Milliarden Tonnen" CO2-Äquivalent absinken.

Sollte das gelingen, würde das auch die Verluste und Schäden ("Loss and Damage") durch die Klimakrise reduzieren. In einem Kapitel des aktuellen Texts figuriert das Thema bislang nur als Fußnote. Beobachter gehen aber davon aus, dass es angesichts der Bedeutung der "Verluste und Schäden" für die betroffenen Länder auch dort in den eigentlichen Text befördert wird.

Abgesehen von der Regelung der Emissions-Märkte ist nun die spannendste Frage, wann die Konferenz zu Ende sein wird. Die meisten wetten hier auf Samstag, ein paar Optimisten sogar auf Freitagnacht.

Alle Beiträge zur Klimakonferenz COP 24 in Polen finden Sie in unserem Katowice-Dossier

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