Ein Erfolg mit Schwindsucht

Formal gesehen war die Klimakonferenz in Katowice ein Erfolg. Doch der Gipfel hat auch gezeigt, dass die Weltgemeinschaft von den nötigen radikalen Schritten zur Bekämpfung der Klimakrise immer noch weit entfernt ist.


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24 COPs hat es mit dem gerade zu Ende gegangenen Klimagipfel in Katowice schon gegeben. Eine Trendwende beim Ausstoß von Klimagasen blieb bisher aus. (Foto: Friederike Meier)

Hans Joachim Schellnhuber ist nicht irgendwer, sondern Deutschlands bekanntester und international einflussreichster Klimaforscher. Auf dem Klimagipfel in Katowice hat Schellnhuber gesagt: "Das Format der Klimakonferenzen läuft sich möglicherweise tot."

Und: Es sei mit diesen Treffen eine Blase entstanden, "die sich immer schneller um sich selbst dreht". Es gehe dort immer nur millimeterweise voran. Damit spricht Schellnhuber, der schon beim ersten dieser UN-Gipfel 1995 in Berlin dabei war, vielen aus der Seele.

Die Bilanz ist in der Tat mehr als ernüchternd. Nach 24 dieser "COPs" – die Abkürzung für Conference of the Parties – mit inzwischen regelmäßig über 10.000 Teilnehmern ist eine Trendwende bei den Emissionen immer noch nicht in Sicht. Das Jahr 2018 bringt mit rund 53,5 Milliarden Tonnen CO2 und anderer Treibhausgase, die weltweit in die Atmosphäre gepustet werden, einen neuen Rekord.

Der Katowice-Gipfel bestätigt Schellnhubers Diagnose, wenn man die Konferenz an den Erfordernissen in der realen Welt misst. Um die geht es am Ende ja, und nicht um die Qualität von Konferenz-Abschlusserklärungen.

Es hat quälend lange gedauert, bis das Regelwerk zur Umsetzung des 2015 beschlossenen Pariser Weltklimavertrags nun endlich verabschiedet werden konnte. Erst nach dreijährigen Verhandlungen sowie vielen Nachtsitzungen plus einer Verlängerung um einen Tag in Katowice war es so weit.

Das ließe sich verschmerzen. Das Problem ist vielmehr: Der viel beschworene "Geist von Paris", von dessen Inspiration man Taten statt nur Texte erhofft hatte, leidet unter Schwindsucht.

Absurder Streit um Anerkennung des Unvermeidlichen

Formal gesehen war der Katowice-Gipfel ein Erfolg, die "Bedienungsanleitung" für das Paris-Abkommen mit seinem ambitionierten 1,5-bis-zwei-Grad-Ziel steht – mit guten Regelungen zur Transparenz und Verbindlichkeit der Emissionspläne sowie zur Klimafinanzierung für die Entwicklungsländer.

Zwar erst, nachdem der letzte Knackpunkt – Regeln gegen Trickserei durch Doppelanrechnung von CO2-Emissionsgutschriften zwischen den Staaten – auf die nächste COP in Chile verschoben wurde. Geschenkt auch das, hätte der Gipfel nicht gezeigt, dass die Weltgemeinschaft von den nötigen radikalen Schritten immer noch weit entfernt ist.

Kaum etwas hätte dies besser illustriert als der absurde Streit, ob der Gipfel den kürzlich vorgelegten 1,5-Grad-Report des Weltklimarats IPCC mit seinen Forderungen zu der notwendigen schnellen und drastischen Absenkung der Emissionen im Abschlussdokument nun "begrüßen" oder nur "zur Kenntnis nehmen" solle.

Zur Erinnerung: Den Bericht hatten die Klimaverhandler beim IPCC selbst in Auftrag gegeben, und die Forscher haben klar gemacht: Bei der Begrenzung der Erwärmung geht es wirklich "um jedes Zehntelgrad", um die drohenden Schäden noch halbwegs beherrschbar zu halten.

Selbst dies anzuerkennen, und zwar völlig unverbindlich, war den vier "Fossilstaaten" Saudi-Arabien, Kuwait, USA und Russland zu viel. Sie schafften es tatsächlich, dass sich der Gipfel in dieser semantischen Frage verstrickte, während in der realen Welt draußen die Zeichen für den Klimawandel doch immer unübersehbarer werden – von längeren Hitzewellen über die Zunahme von Regenextremen bis zu stärkeren Hurrikanen.

Kein Staat kündigte ein höheres Klimaziel an

Hinzu kommt ein weiteres Manko. Eigentlich hätte Katowice neben dem Paris-Regelwerk auch eine ungeschminkte Bilanz der bisherigen Anstrengungen zum CO2-Sparen durch die Staaten der Welt liefern sollen, die den Planeten ja kollektiv bisher auf höchst gefährliche drei bis vier Grad Erwärmung zusteuern.

Viele Beobachter hatten gehofft, dass eine Reihe Vorreiterstaaten den Gipfel nutzen würde, um bereits angeschärfte nationale Klimapläne vorzulegen. Es wäre ein Schub für die Glaubwürdigkeit gewesen.

Doch auch das fiel aus. Die selbsternannte "Koalition der Ambitionierten" kündigte die neuen Pläne nun für 2020 an, darunter die EU inklusive Deutschland sowie die Inselstaaten, die durch den Anstieg des Meeresspiegels besonders betroffen sind.

Die anderen duckten sich völlig weg. Ein Beleg dafür, wie unerträglich langsam die Mühlen der Klimagipfel mahlen.

Die Gipfel deswegen abzuschaffen oder seltener stattfinden zu lassen, wäre natürlich trotzdem Unsinn. Es gibt kein anderes Format, in dem alle Staaten der Welt – auch die besonders vom Klimawandel gebeutelten – halbwegs gleichberechtigt mitverhandeln können.

Die Impulse müssen von woanders kommen

Nur wurde mit der COP 24 noch einmal deutlicher: Dieser UN-Prozess allein wird das vermutlich wichtigste Weltproblem des Jahrhunderts nicht lösen können. Er gibt zwar einen globalen Rahmen, aber er funktioniert einfach zu langsam und es fehlen die richtigen Mittel.

Nötig sind ökonomisch durchschlagende Instrumente wie eine (natürlich: sozial gerechte) Bepreisung von CO2. Nötig sind auch Koalitionen von Vorreiterstaaten, zu denen Deutschland mit einem schnellen Kohleausstieg wieder gehören könnte.

Und es braucht eine Volksbewegung von unten, die den Politikern weltweit Feuer unter dem Hintern macht – gerade auch eine der jungen Generation. Denn ihr, da hat Schellnhuber recht, wird gerade die Zukunft gestohlen.

Lesen Sie auch den Kommentar von Christian Mihatsch: Paris-Abkommen hat Test bestanden

Alle Beiträge zur Klimakonferenz COP 24 in Polen finden Sie in unserem Katowice-Dossier

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