"Mit Bidens 'Green Deal' wäre die EU kein Vorreiter mehr"

Die Energieprofessorin und Regierungsberaterin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung über den Klimaplan des neuen US-Präsidenten Joe Biden.


Porträtaufnahme von Claudia Kemfert.
"Durch Bidens Energiepolitik entstehen echte Chancen für die Zukunft", findet Energieökonomin Claudia Kemfert. (Foto: Heidi Michel)

Klimareporter°: Frau Kemfert, Joe Biden wird US-Präsident. Was bedeutet das für die Klimapolitik? Ist das Zwei-Grad-Ziel des Paris-Abkommens nun wieder in Sicht?

Claudia Kemfert: Durchaus. Biden hat angekündigt, dem Pariser Klimaabkommen so schnell wie möglich wieder beizutreten. Dazu müssen die USA einen neuen und ehrgeizigen Klimabeitrag für das Jahr 2030 vorlegen.

Die dafür notwendige Mehrheit ist durchaus erreichbar, wenn auch mit Abstrichen. Aber alles ist besser als jetzt.

Der Weltklimarat sagt: Um das wirkliche Sicherheitslimit von 1,5 Grad zu halten, müssen die globalen Emissionen schon bis 2030 halbiert werden. Auch jetzt noch illusorisch?

Ein Kraftakt, aber möglich. Die EU, China, Japan und weitere politisch und wirtschaftlich starke Staaten haben sich festgelegt, in einigen Jahrzehnten klimaneutral zu sein. Alle wissen, dass das umfassende Emissionsminderungen erfordert.

Deswegen werden jetzt in der Coronakrise – anders als früher – Wirtschaftshilfen immer häufiger an Klimaaspekte gekoppelt. Parallel werden erneuerbare Energien immer preiswerter, genauso die Energiespeicher. Dadurch finden sie immer mehr Zulauf.

Die EU hat sich mit ihrem geplanten "Green Deal" als Klimavorreiter positioniert. Wie sollte sie reagieren?

Vorsicht: Wenn Biden seinen "Green Deal" wirklich umsetzt, ist die EU kein Vorreiter mehr. Die EU sollte sich also ins Zeug legen: Klimaziele anheben, Emissionen senken, erneuerbare Energien schneller ausbauen und sofort jegliche klimaschädliche Subvention abschaffen.

Die USA sind tief in zwei Lager gespalten. Kann Biden sich da überhaupt erlauben, radikale Maßnahmen umzusetzen – gerade auch in der Energiepolitik? Trump-Fans haben Angst um ihre Jobs.

Die Ironie der Geschichte ist doch, dass Trumps Weg auf die Dauer keine Jobs rettet. Seine Fans werden merken, dass erst durch Bidens Energiepolitik echte Chancen für die Zukunft entstehen.

Ein Blick nach Deutschland könnte helfen: Tesla stellt in Brandenburg gerade 7.000 neue Mitarbeiter ein und rekrutiert Langzeitarbeitslose mit Anfangsgehältern von mehr als 2.500 Euro monatlich. In der Arbeitswelt von morgen arbeiten keine Kohlekumpels, sondern "Green Guys".

Wie kann Biden das Klima zum Gewinnerthema machen? Den Amerikanern ihre geliebten SUVs wegzunehmen wird nicht funktionieren.

Claudia Kemfert

leitet den Energie- und Umweltbereich am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Sie ist Professorin für Energiewirtschaft und Energiepolitik an der Uni Lüneburg sowie Mitglied im Sachverständigenrat für Umweltfragen, der die Bundesregierung berät. Kemfert gehört dem Herausgeberrat von Klimareporter° an.

Wenn ein Kind sein Dreirad gegen ein Fahrrad tauscht, heult es zwei Minuten, danach lacht es und genießt die gewonnene Freiheit.

Wir ersetzen Lärm, Luftverschmutzung und Staus durch Ruhe, Gesundheit und individuelle Mobilität. Mit Umwelt- und Klimaschutz gewinnen wir mehr, als wir verlieren.

Auch Biden setzt auf Atomkraft, Fracking-Erdgas und CCS, die Kohlendioxid-Endlagerung unter der Erde. Also doch keine Lichtgestalt?

Biden setzt auch auf Realismus und Ökonomie ohne künstliche Subventionen für überteuerte Technik.

Die ökonomische Realität ist eindeutig: Alle genannten Techniken sind sehr viel teurer als erneuerbare Energien. Konventionelle-Energie-Geschäftsmodelle haben keine Zukunft.

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