Knapp ein Drittel der Erde soll unter Schutz gestellt werden

Die Natur ist weltweit auf dem Rückzug, viele Arten stehen vor dem Aussterben. Das bedroht die Stabilität des Ökosystems der Erde und damit auch die Lebensgrundlagen der Menschen. Die Staaten haben das erkannt und wollen nun gegensteuern.


Fische schwimmen im flachen Wasser vor einer Pazifikinsel
30 Prozent der Land- und Meeresflächen sollen Schutzgebiete werden – fast eine Verdopplung. (Foto: Ethan Daniels/​Shutterstock)

Am Montagmorgen um drei Uhr Ortszeit ist im kanadischen Montreal die 15. UN-Artenschutzkonferenz zu Ende gegangen. Trotz der Ablehnung durch die Demokratische Republik Kongo hat der Konferenzpräsident und chinesische Umweltminister Huang Runqiu das neue Abkommen für angenommen erklärt.

Die knapp 200 Mitgliedsländer der Artenschutzkonvention verpflichten sich darin, 30 Prozent der Land- und Meeresgebiete bis zum Jahr 2030 unter Schutz zu stellen. Bislang sind erst 17 Prozent der Land- und zehn Prozent der Meeresflächen geschützt.

Der deutsche Staatssekretär Jochen Flasbarth sagte zum Schluss der Konferenz: "Es gibt jetzt eine bessere Basis, den dramatischen Verlust an biologischer Vielfalt aufzuhalten, als je zuvor."

Damit kam ein langjähriger Prozess zu Ende, denn die Konferenz hätte eigentlich schon im Jahr 2020 im chinesischen Kunming stattfinden sollen und wurde wegen der Corona-Pandemie mehrmals verschoben und dann nach Kanada verlegt.

Mit dem Abkommen wollen die Staaten sicherstellen, dass das massenhafte Aussterben von Tier- und Pflanzenarten bis zum Jahr 2050 gestoppt wird und die Menschheit "in Harmonie mit der Natur" lebt. Um diese Ziele zu erreichen, sollen die Staaten nationale Artenschutzstrategien entwickeln, regelmäßig über ihre Fortschritte berichten und ihre Ziele bei Bedarf nachschärfen.

Li Shuo von der Umweltorganisation Greenpeace sagte zum Abschluss: "Das Paket ist keineswegs makellos, aber es ist nicht das Ende. Bis zur nächsten Biodiversitätskonferenz im Jahr 2024 haben die Regierungen eine Menge Hausaufgaben zu erledigen, um die vereinbarten Ziele in die Tat umzusetzen. Und ich habe keinen Zweifel daran, dass die Nichtregierungsorganisationen die Regierungen an diese Versprechen erinnern werden."

Ob das reichen wird, zeigt sich im Jahr 2026. Dann wollen alle Staaten gemeinsam eine Bestandsaufnahme zum globalen Artenschutz machen.

Kein eigener Artenschutz-Fonds

Die Konferenz wäre beinahe an der Finanzierung des Artenschutzes in den Entwicklungsländern gescheitert. Viele Entwicklungsländer fordern einen speziellen Artenschutzfonds. Doch dieser wurde nicht beschlossen, weswegen Kongo die Abschlusserklärung nicht mittrug.

Kongos Umweltministerin Ève Bazaiba sagte vor dem Beschluss, ihr Land sei "nicht in der Lage, die Verabschiedung des Abkommens zu unterstützen, wenn kein transparenter und unabhängiger globaler Fonds für die biologische Vielfalt eingerichtet wird".

Aber auch ohne den Fonds soll mehr Geld in den Naturschutz investiert werden. Der Abschlusstext stellt fest, dass es eine Finanzierungslücke von 700 Milliarden US-Dollar pro Jahr gibt, die "schrittweise geschlossen" werden soll. In einem ersten Schritt sollen bis zum Jahr 2030 dazu 200 Milliarden Dollar pro Jahr mobilisiert werden.

Dafür sollen "alle Quellen" angezapft werden, was bedeutet, dass die Industriestaaten nur einen kleinen Teil dieses Geldes aus ihren Steuergeldern bereitstellen müssen: Ihre Naturschutzfinanzierung von heute zehn Milliarden Dollar im Jahr sollen sie bis 2025 auf 20 Milliarden und bis 2030 auf 30 Milliarden steigern.

Zudem können sich auch Entwicklungsländer an der Bereitstellung dieses Geldes beteiligen, die "freiwillig die Verpflichtungen der Industriestaaten annehmen". Damit wurde der Gegensatz zwischen Industrie- und Entwicklungsländern bei der Finanzierung des globalen Umweltschutzes zumindest aufgeweicht.

Franz Perrez, der Leiter der Schweizer Delegation, sagte: "Diese Formulierung hat zur Folge, dass die freiwilligen Beiträge von Entwicklungsländern auch auf die Finanzziele angerechnet werden."

"Das Naturrisiko wird zum Anlagerisiko"

Damit ist aber auch klar, dass die Länder den größten Teil der Mittel für den Artenschutz selber aufbringen müssen. Außerdem soll die Wirtschaft helfen: Das Abkommen sieht Kompensationszahlungen vor, mit denen Firmen ihre negativen Umweltauswirkungen an einem Ort an einem anderen Ort ausgleichen können.

Damit Firmen die Folgen ihrer Tätigkeit überhaupt kennen, sollen sie künftig darüber berichten, wo und wie sie von der Artenvielfalt abhängig sind und welche Auswirkungen ihre Tätigkeit auf die Biodiversität hat.

Andy Howard vom britischen Vermögensverwalter Schroders erhofft sich davon weitreichende Folgen für die Finanzmärkte: "Die Ergebnisse der Biodiversitätskonferenz sollten die Finanzaufsichtsbehörden aufhorchen lassen. Das Naturrisiko ist ein wesentlicher Faktor für das Anlagerisiko und die Rendite, und es gibt eine klare Möglichkeit, die Finanzströme auf positive Ziele für Natur- und Artenschutz auszurichten."

Trotz Kritik an einzelnen Punkten überwog in den Augen der meisten Beobachter schließlich die Erleichterung, dass überhaupt ein Abkommen zustande kam. Stellvertretend für viele sagte Georgina Chandler vom britischen Vogelschutzbund über das Abkommen: "Es ist bei Weitem nicht perfekt– aber meine Güte, wenn wir unsere Verpflichtungen bis 2030 weltweit erfüllen würden – wie könnte die Welt dann aussehen?"

Lesen Sie dazu unsere Kommentare: Damit die Natur bleibt und Ein kleiner, aber guter Schritt

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