Damit die Natur bleibt

Das jetzt geschlossene UN-Abkommen zum Schutz der Artenvielfalt hat eine vergleichbare Bedeutung wie das Paris-Abkommen beim Klimaschutz. Doch die eigentliche Arbeit, um die Ökosysteme und damit die Lebensgrundlagen zu stabilisieren, beginnt erst.


Gnus weiden in der Graslandschaft der Serengeti in Tansania, auf der auch einzelne hohe Bäume stehen.
30 Prozent der Erdoberfläche sollen künftig unter Schutz stehen – wie das geschieht, muss noch ausgehandelt werden. (Foto: Thomas Sztanek/​Shutterstock)

Nun also doch. Das war das "Paris-Moment" in Montreal. Die Delegierten von 193 Staaten der Welt haben sich auf dem UN-Biodiversitätsgipfel auf ein Abkommen zur Rettung der Natur und der Ökosysteme geeinigt, also der biologischen Lebensgrundlagen auf diesem Planeten.

Der Vertrag ist ähnlich bedeutsam wie das Pariser Klimaschutzabkommen, das 2015 geschlossen wurde und eine Stabilisierung des veränderten Klimas auf einem noch erträglichen Niveau anpeilt, nämlich eine globale Erwärmung von möglichst nicht über 1,5 Grad.

Die Einigung auf der "COP 15" der UN-Biodiversitätskonvention in der kanadischen Metropole ist wichtig, denn sie bildet eine Grundlage für eine Stabilisierung der Ökosysteme, ohne die eine Weltbevölkerung von derzeit acht und künftig wahrscheinlich zehn Milliarden Menschen nicht überleben kann.

Allerdings: Gerettet ist die Biodiversität damit noch lange nicht. Die richtige Arbeit zur Umsetzung des Abkommens fängt jetzt erst an.

In den zweiwöchigen Verhandlungen sah es lange so aus, als werde es kein Paris-Moment, sondern einen "Kopenhagen-GAU" geben. Auch die Ministerinnen und Minister, die zuletzt die Verhandlungen führten, konnten den Text-Verhau des Entwurfs für das Abkommen mit seinen unzähligen Einklammerungen nicht auflösen.

Erinnerungen an die Blamage bei den Klimaverhandlungen 2009 in der dänischen Hauptstadt wurden wach. Damals waren die Staats- und Regierungsspitzen, Obama, Merkel und Co, ohne Einigung nach Hause gejettet, und es dauerte sechs Jahre, bis der zweite Anlauf für einen globalen Vertrag fruchtete.

Diesmal brachte der Kompromissvorschlag, der von der chinesischen Präsidentschaft in Montreal fast in letzter Sekunde vorgelegt wurde, die von vielen schon gar nicht mehr erwartete Erlösung.

Der Finanzbedarf ist viel größer

Die Eckdaten des Kunming-Montreal-Abkommens – wie es offiziell leider umständlich heißt, weil der Konferenzort coronabedingt von China nach Kanada verlegt wurde – sind gut. Vor allem die geplante Ausweitung der Schutzgebiete ist wichtig. Mindestens 30 Prozent der Land- und Meeresfläche der Erde sollen unter Schutz gestellt werden. Das bedeutet eine Verdoppelung respektive eine Vervierfachung.

Auch dass die Rechte indigener Bevölkerungen und lokaler Gemeinschaften in den geschützten Gebieten gewahrt werden sollen, ist als Erfolg zu verbuchen. Das mildert die Sorge, dass hier ein Naturschutz gegen die betroffenen Menschen betrieben werden soll.

Zudem soll mehr Geld für die Finanzierung der Naturschutzaufgaben vom reichen Norden in den Süden fließen, wo die Natur-Reichtümer noch viel größer sind als in den industrialisierten Ländern, die viel von der hier ursprünglich vorhandenen Biodiversität bereits vernichtet haben.

Beim Thema Geld freilich ist die Kluft zum Notwendigen noch groß. Der Finanzierungsbedarf, um die biologische Vielfalt weltweit angemessen zu schützen und die nötigen Maßnahmen überall umzusetzen, wird auf rund 700 Milliarden US-Dollar jährlich geschätzt.

Das in dem Vertrag verankerte globale Finanzierungsziel von 200 Milliarden ist als erster Schritt angemessen. Freilich wird es nur zu erreichen sein, wenn die Regierungen weltweit die von ihnen aufgewandten naturzerstörerischen Subventionen, die auf rund 500 Milliarden jährlich geschätzt werden, konsequent Zug um Zug in naturförderliche umwidmen.

Das wird einer der Knackpunkte, an denen sich der Erfolg des Abkommens entscheiden wird. Dagegen nimmt sich die in dem Vertrag vereinbarte Unterstützung der Entwicklungsländer von 30 Milliarden US-Dollar pro Jahr, die bis 2030 erreicht werden soll, bescheiden aus, auch wenn es eine Verdreifachung der bisherigen Zahlungen bedeutet.

Klima- und Naturkrise sind miteinander verbunden

Die Erleichterung, dass der "Kopenhagen-GAU" diesmal vermieden wurde, darf nicht über die Größe der Aufgabe hinwegtäuschen, die nun vor den Regierungen und Gesellschaften liegt. Der Vergleich mit dem Pariser Klimavertrag, den Konventionschefin Elizabeth Mrema vor dem Montreal-Gipfel gezogen hatte, ist auch in diesem Fall richtig – leider.

Zwar ist das Paris-Abkommen für Regierungen, Kommunen, Unternehmen und Finanzmarktakteure inzwischen der Maßstab beim Klimaschutz. Doch in der Realität ist die Weltgemeinschaft weit entfernt davon, das 1,5-Grad-Limit einzuhalten, tatsächlich bewegen wir uns in Richtung drei Grad.

Das darf aber nicht Resignation auslösen. Vielmehr sollte das Momentum der Einigung in Montreal genutzt werden, um die Lösungen für beide Weltkrisen – Klimawandel und Schwund der Biodiversität – schneller voranzubringen.

Zumal beide miteinander verschränkt sind und positive Veränderungen auf dem einen Feld auch positiv auf dem anderen wirken. Naturschutz und Renaturierung von Ökosystemen stabilisieren das Klima, und Klimaschutz bremst den Artenschwund.

Der Chef des Weltbiodiversitätsrates IPBES, Robert Watson, sagte einmal, es sei ein gewaltiger Umbau in Technologie, Wirtschaft und Gesellschaft nötig, um das Überleben auf dem Planeten Erde zu sichern, ein "transformativen Wandel". Aber er sagte auch, dass es dafür "noch nicht zu spät ist".

Weiterer Kommentar: Ein kleiner, aber guter Schritt

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