Anzeige
naturstrom.de – weil es beim Klimawandel um alles geht

"Wir haben eine Arche geschaffen"

Das Klima muss man fühlen, um es zu verstehen, sagt Jens Tanneberg, wissenschaftlicher Leiter des Klimahauses in Bremerhaven. Auf einer Reise entlang des achten Längengrades von der Antarktis bis zur Sahara sollen die Besucher erspüren, wie fragil und schützenswert unsere Erde ist – und warum wir dringend einen Kohleausstieg und ehrgeizige Klimaziele brauchen.


Kugeln im Klimahaus Bremerhaven
Die verschiedenen Klimazonen entlang des 8. Breitengrads kann man im Klimahaus "durchwandern" und dabei unterschiedliche Temperaturen und Luftfeuchtigkeiten erfahren. (Foto: Klimahaus Bremerhaven)

Klimareporter°: Herr Tanneberg, könnte man Ihr Haus als Klimamuseum bezeichnen?

Jens Tanneberg: Nein, denn wir sind kein Museum, sondern eine Erlebnis- und Wissenswelt zum Thema Klima, Wetter und Nachhaltigkeit. Wir haben keinen staatlichen Auftrag zu sammeln und zu archivieren. Bei uns geht es ums emotionale Erleben.

Warum sollen die Menschen nach Bremerhaven kommen: Was ist das Besondere an Ihrer Ausstellung?

Die Besucher erwartet eine Weltreise auf dem achten Längengrad. Wir haben die entsprechenden Klimazonen für sie in Szene gesetzt – und das mit den jeweiligen klimatologischen Zuständen und mit der dazugehörigen Flora und Fauna sowie natürlich mit den Menschen, die in diesen Gebieten leben.

Was können die Besucher denn in der Ausstellung fühlen?

Er kann spüren, wie warm oder feucht es ist, er kann den Regenwald und die Wüste riechen – das Erleben ist unmittelbar. Man kann ganz einfach von einer Klimazone in die nächste reisen, ohne zum Beispiel ein Flugzeug zu benutzen: Hier noch in der Schweiz, ein paar Gänge weiter schon in der Antarktis. Man kann nachspüren, was es heißt, dort zu leben und zu arbeiten.

Geht es nur um das Erleben oder auch um eine Botschaft?

Bei der Weltreise durch die Klimazonen geht es in erster Linie ums Erleben. Die ganze Familie kann quasi an Orte reisen, wo sie vielleicht niemals hinkommen werden.

Aber wir wollen natürlich auch eine Botschaft vermitteln. Denn diese Welt, wie wir sie zeigen, ist bedroht. Diese Welt ist sensibel und die Orte sind so, weil das Klima über das Leben auf der Erde bestimmt. Ändert sich das Klima – und durch den Menschen in den letzten 150 Jahren passiert das besonders schnell – verändern sich auch die Lebenswelten. Flora, Fauna und der Mensch sind davon abhängig, wie die jeweilige klimatische Umgebung ausgeprägt ist.

Porträtaufnahme von Jens Tanneberg.
Foto: Klimahaus Bremerhaven

Zur Person

Jens Tanneberg studierte Politik­wissenschaften in Berlin und erwarb Zusatz­qualifikationen in der Erwachsenen­bildung und im internationalen Projekt­management. Seit 2010 ist er Leiter für Wissenschaft und Bildung im Klimahaus Bremerhaven und entwickelt dort neue Ausstellungs- und Vermittlungs­konzepte.

Wie vermitteln Sie das?

In den Erlebnisräumen zeigen wir keine Diagramme oder Grafiken, da vermitteln wir das eher unterschwellig: Wir haben eine wundervolle Erde und wir müssen sie erhalten – mit diesem Gefühl sollen unsere Besucher die Ausstellung verlassen.

Also geht es darum, die Natur zu schützen.

Und den Menschen. Denn jede Klimazone bringt auch eine besondere Lebensweise mit ihren speziellen kulturellen Ausprägungen hervor. Die Kulturen, die wir hier in der Ausstellung zeigen, sind massiv in ihrer Lebensweise bedroht, beispielsweise die Tuareg in Niger.

Vielfalt ist etwas Schützenswertes – in der Natur und der Kultur gleichermaßen. Wenn die Menschen aus ihrer Heimat vertrieben werden und sich assimilieren müssen, gehen zum Beispiel regionale Sprachen und Rituale verloren. 

Welche Kulturen werden denn durch den Klimawandel zerstört?

Wir haben in Kamerun das Leben im Regenwald inszeniert, wo man in einem kleinen Raum als Besucher hingewiesen wird, nicht die Kettensäge anzuwerfen. Natürlich siegt oft der Spieltrieb und die Besucher machen es trotzdem. Dann läuft ein Film ab, der verdeutlicht, wie viel Regenwald pro Jahr zerstört wird.

Der Regenwald, den wir hier zeigen, ist massiv von der Abholzung bedroht. An seiner Stelle werden dann vor allem Palmölplantagen gepflanzt. Auch die Menschen werden natürlich verdrängt – sie können danach nicht mehr in und von ihrem Wald leben.

In der Klimawissenschaft ist in den zehn Jahren, seit das Klimahaus eröffnet wurde, viel passiert. Müssen Sie die Ausstellung oft aktualisieren?

Wir erneuern und ergänzen unsere Ausstellungen ständig. Besonders im Bereich "Perspektiven". Dort zeigen wir, wie Klimawissenschaftler arbeiten und wie sie den Klimawandel nachweisen. Wir zeigen dort auch, was passieren könnte, wenn die Erderwärmung weiter so fortschreitet, wie wir es zurzeit erleben.

Dort aktualisieren wir die Daten beispielsweise nach den neuesten Sachstandsberichten des Weltklimarates IPCC. Wir kooperieren in diesem Bereich mit dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, dem Deutschen Klimarechenzentrum und dem Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung.

Eine Darstellung des Treibhauseffekts im Klimahaus Bremerhaven
Im Klimahaus am Alten Hafen werden Klima und Nachhaltigkeit erlebbar. (Foto: Klimahaus Bremerhaven)

Die schlechten Nachrichten aus der Klimawissenschaft überschlagen sich gerade, und auch die klimatischen Extreme häufen sich – ob Hitzesommer in Deutschland oder schmelzende Arktis. Wie gehen Sie mit den Hiobsbotschaften um?

Ich habe das Gefühl, dass wir hier so eine Art Arche geschaffen haben, die vor allem für die Schönheit und den Erhalt unseres Planeten steht. Bei einigen Tieren in der Ausstellung kann man das wörtlich nehmen, weil wir an Zuchtprogrammen für bedrohte Arten teilnehmen – beispielsweise bei den Stachelrochen.

Wenn es aktuelle Ereignisse gibt, wie beispielsweise den Kampf um den Kohleausstieg im Hambacher Forst, dann beziehen wir auch politisch Position.

Sie unterstützen die Aktivisten?

Wir sagen deutlich: Wir müssen raus aus der Kohle. Außerdem geht es in der Klimapolitik viel zu langsam voran. Deutschland verfehlt seine Klimaziele – das ist einfach das falsche Signal. Wir brauchen jetzt die Transformation der Gesellschaft.

Wir arbeiten hier im Klimahaus mit den aktuellen Daten und wissen, was im Klimasystem passiert: Es ist nicht fünf vor, sondern fünf nach zwölf. Das hat gerade erst der 1,5-Grad-Bericht des IPCC gezeigt. Es muss jetzt dringend politisch etwas passieren.

Doch leider sieht es im Moment nicht danach aus. Denn solange die Ökonomie die Politik bestimmt – denken wir nur an die Autolobby – wird es schwierig mit dem Wandel zur mehr Nachhaltigkeit und Klimaschutz in der Gesellschaft.

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

klimareporter° wird herausgegeben vom gemeinnützigen Klimawissen e.V. Ihre Spende macht unabhängigen Journalismus zu Energiewende und Klimawandel möglich.

Spenden Sie hier