"Wohlstand ist etwas anderes"

Um die große Öko-Krise noch zu verhindern, reicht es nicht, Solarstrom zu produzieren, E-Auto zu fahren und den Abfall besser zu recyceln, sagt der Präsident des Wuppertal-Instituts, Uwe Schneidewind, im Interview mit Klimareporter°. Es braucht eine radikale Transformation, die alle Lebensbereiche umfasst. 


Uwe Schneidewind redet vor einem Bühnenhintergrund mit der Aufschrift:
Uwe Schneidewind sieht die Krise als Chance. (Foto: David Außerhofer/​Stiftung Kulturelle Erneuerung/​Wuppertal Institut)

Klimareporter°: Herr Schneidewind, Deutschland geht es gut wie lange nicht. Wir haben fast Vollbeschäftigung, die Löhne steigen, die Steuern sprudeln – wieso brauchen wir da eine "Große Transformation", wie Sie in Ihrem neuen Buch schreiben?

Uwe Schneidewind: Wir dürfen uns nicht täuschen lassen: Deutschlands derzeit noch gute ökonomische Lage basiert auf seiner Sonderstellung als erfolgreiche Exportnation. Aber die ist vielfältig bedroht – durch Handelseinschränkungen im Zuge von Trumps Handelspolitik, die unsichere Zukunft der EU oder wachsenden Druck auf Schlüsselbranchen wie die Autoindustrie, wo Deutschland den Anschluss bei der Elektromobilität zu verlieren droht.

Zudem besteht die Gefahr einer weiteren Polarisierung der Gesellschaft. Und ökologisch gibt es ebenfalls große Probleme – so verfehlt Deutschland seine selbst gesteckten Klimaziele erheblich, es hat seine Vorreiterrolle verloren. Sich mit den Herausforderungen einer umfassenden Transformation von Gesellschaft und Wirtschaft auseinanderzusetzen macht daher wirklich Sinn.

Sie sagen: Obwohl die Wirtschaft weiter wächst, stagniert der "effektive Wohlstand" oder sinkt sogar. Was bedeutet das?

Das heißt: Wir besitzen zwar immer mehr Materielles, wir werden dadurch aber nicht unbedingt glücklicher. Und die zunehmende Ungleichverteilung des Einkommens, die immer stärker wahrgenommen wird, verstärkt diesen Effekt sogar noch.

Wieso nehmen die Bürger das einfach hin?

Nicht alle nehmen es hin. Viele Menschen haben durchaus das Gefühl, dass es mit einer reinen Fixierung auf das Bruttosozialprodukt so nicht weitergeht. Aber generell hat unser materielles Wohlstandsniveau ein solch hohes Niveau erreicht, dass auch eine Stagnation erst einmal keine Bedrohung darstellt.

Zudem stimmen in Deutschland viele weitere nicht materielle Wohlstandsfaktoren: individuelle Freiheitsrechte, ein funktionierendes Gesundheitssystem und trotz Dieselskandal eine erheblich gestiegene Umweltqualität.

Die größte Gefahr liegt darin, dass sich die Gesellschaft dadurch polarisiert, dass diese Bedingungen für eine wachsende Minderheit von Menschen nicht mehr gelten – zum Beispiel für Langzeitarbeitslose, Niedriglohn-Jobber und Rentner an der Armutsgrenze.

Die Reaktion der meisten Bürger ist "Coping, Hoping, Doping, Shopping", so hat es der Soziologe Wolfgang Streeck formuliert. Stimmt das – und wo bleibt denn der Protest?

Wolfgang Streeck weist in seiner Analyse auf das faszinierende Phänomen des "Coping" hin, mit dem wir in modernen Gesellschaften die Anforderungen des ökonomischen Systems verinnerlichen, sodass es dafür gar keinen externen Druck mehr braucht: Ständige Verfügbarkeit und Fitness sind selbstverständliche Werte von Leistungseliten. Drogen werden immer mehr genommen, um noch leistungsfähiger zu werden, und weniger, um sich betäuben. Längst erscheint "das System" übermächtig, es gibt keinen wirklichen Adressaten für Protest mehr. Daher passt man sich individuell an.

Gleichzeitig erodieren die politischen Bindungen – CDU und SPD sind keine Volksparteien mehr, die Grünen und die AfD gewinnen. Auch eine Folge dieser Entwicklung?

In einer Zeit der vermeintlichen Alternativlosigkeit kommt konventionelle Politik in eine Legitimationskrise. Sie wird dann nicht mehr gebraucht, wenn die Handlungsoptionen ohnehin vorgegeben scheinen. Das macht dann solche Parteien und Politiker attraktiv, die zumeist durch massive Zuspitzung und das Suggerieren von einfachen Lösungen noch "Alternativen" zu bieten haben.

Der aktuelle Höhenflug der Grünen macht in dieser Situation allerdings durchaus Mut. Er zeigt, dass ein immer größerer Anteil der Bevölkerung zumindest von der Möglichkeit einer ökologischen Alternative überzeugt ist – und sie auch für überfällig hält, gerade nach dem Hitzesommer 2018, einem Menetekel für die drohenden Klimaveränderungen.

Wissenschaftler haben insgesamt neun planetare Leitplanken definiert, die nicht überschritten werden dürfen – unter anderem für das Klima, die Artenvielfalt und den Stickstoffkreislauf. Bei den meisten davon ist das bereits geschehen. Gibt es überhaupt noch eine Chance, wieder auf die richtige Spur zurück zu kommen?

Dass wir diese Leitplanken heute so klar vor uns sehen und sie von der Weltgemeinschaft anerkannt sind, ist erst einmal ein gewaltiger Zivilisationserfolg von Nachhaltigkeitswissenschaft und -politik in den letzten 25 Jahren. Politisch drückt sich das unter anderem in den 2015 von über 190 Staaten unterzeichneten UN-Zielen für nachhaltige Entwicklung, den sogenannten SDGs, aus.

Zur Person

Uwe Scheidewind ist seit 2010 Präsident des Wuppertal-Instituts für Klima, Umwelt, Energie. Der Ökonom war zuvor Präsident der Universität Oldenburg und hatte dort den Lehrstuhl für Produktion und Umwelt inne.

 

Der Wuppertaler Thinktank für Nachhaltigkeit wurde 1991 gegründet. Zurzeit forscht das Institut zu der Frage, wie eine gesellschaftliche Transformation zu einer nachhaltigen Lebensweise gelingen kann. Einen Überblick dazu gibt Schneidewinds neues Buch "Die große Transformation. Eine Einführung in die Kunst des gesellschaftlichen Wandels", erschienen im Fischer-Verlag, Frankfurt am Main, 12 Euro.

Die technologischen und ökonomischen Möglichkeiten zum notwendigen Umsteuern haben wir in der Hand. National und international gibt es überall Anstrengungen von Zivilgesellschaft, Unternehmen und Politik, zum Erreichen der Ziele beizutragen. Auch wenn an vielen Stellen noch die notwendige politische und ökonomische Konsequenz fehlt, kann diese durch leider erwartbare ökologische Krisen weiter befördert werden.

Es wird ja nicht nur nicht besser, es wird sogar schlechter. Die Weltklimakonvention wurde 1992 beim UN-Erdgipfel in Rio verabschiedet – aber der globale CO2-Ausstoß liegt heute um 60 Prozent höher als damals und steigt weiter. Das Zwei-Grad-Limit der Erderwärmung droht schon in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts gerissen zu werden.

Die nüchterne CO2-Bilanz der letzten 25 Jahre macht tatsächlich wenig Mut. Doch ist in diesem Zeitraum technisch und ökonomisch viel passiert: Wir können heute Ökostrom günstiger als fossilen Strom erzeugen, die technologischen Optionen und Stadtplanungskonzepte für einen klimagerechten Verkehr liegen vor, unsere Gebäude und Städte können wir weitgehend klimaneutral und kreislaufgerecht bauen.

Es geht jetzt darum, die Potenziale politisch und ökonomisch "auf die Straße" zu bringen. In unserem Transformations-Buch zeigen wir auf, wie das zum Beispiel für die Energie-, Ressourcen-, Mobilitäts- oder Ernährungswende gelingen kann.

"Doppelter Wohlstand, halbierter Umweltverbrauch", hat ihr Vorvorgänger als Wuppertal-Instituts-Chef, Ernst Ulrich von Weizsäcker, versprochen. Motto: Die Effizienzrevolution wird Wachstum bei geringerem Umweltverbrauch bringen. Das gilt nicht mehr?

Die Effizienzrevolution bleibt ein wichtiger Baustein des Umsteuerns. Hier ist viel passiert. Und gleichzeitig sehen wir heute klarer, dass höhere Effizienz auch den Mehrverbrauch von Ressourcen treibt: Unsere effizienteren Motoren haben die schweren und PS-starken Autos von heute erst ermöglicht, die effiziente LED-Weihnachtsbeleuchtung lassen wir gerne auch einmal durchgängig leuchten, weil sie ja kaum Strom braucht.

Was kann da helfen?

Wir braucht es das, was wir die doppelte Entkopplung nennen. Wir müssen nicht nur über mehr Effizienz, sondern auch über neue Wohlstandsmodelle reden, die Lebensqualität vom rein materiellen Wachstum trennen. Und das ist durchaus möglich – beim Umweltschutz, bei lebenswerten und sozial integrierten Städten, selbst beim Gesundheits- und Bildungssystem. Hier ist hohe Qualität weitgehend unabhängig von einem steigenden Bruttosozialprodukt zu erzeugen. Das schafft die Grundlage für ein gutes Leben innerhalb der planetarischen Leitplanken.

Sie vertrauen dem "grünen Wachstum", der Green Economy, nicht?

Alle Erfahrungen der letzten 20 Jahre zeigen: Allein wird "grünes Wachstum" nicht reichen. Es bedarf auch eines neuen Verständnisses von Wohlstand. Die materielle Seite dieses Wohlstandes muss dann ökologisch effizient produziert werden.

Ist der Kapitalismus überhaupt die richtige Wirtschaftsform, wenn die Transformation gelingen soll?

Wir brauchen auf jeden Fall eine Auseinandersetzung mit den Dysfunktionalitäten des modernen Kapitalismus: Das heutige Wirtschaftssystem schafft systematische Anreize zur Übernutzung globaler Ökosysteme, es basiert auf einem inhärenten Wachstumszwang und es destabilisiert durch wachsende Instabilität und Ungleichheit unsere demokratischen Ordnungen, aber auch unser individuelles Wohlempfinden.

Um mit diesen Wirkungen umzugehen, braucht es keine Abschaffung des Kapitalismus, aber grundlegende Reformen und Weiterentwicklungen.

Sie zitieren in Ihrem Buch den Begriff der "Eisenkäfig"-Ökonomie. Lässt die sich überhaupt verändern?

Der US-Soziologe Erik Olin Wright beschreibt in seinen Arbeiten zu "Realen Utopien", wie auch der Umbau eines komplexen ökonomischen Systems gelingen kann, nämlich durch das Schaffen sich vergrößernder Nischen an den Bruchstellen des Systems.

Wir müssen die Experimentierräume für soziale und institutionelle Reformen vergrößern – zum Beispiel durch ein Grundeinkommen, neue Unternehmensformen und das Schaffen von nicht kommerziellen Orten in unseren Städten, wie öffentliche Parks, urbane Gärten oder Begegnungszentren. Die dort entstehenden guten Beispiele werden dann die Basis für umfassendere Reformen bilden.

Was oder wer können denn die Treiber für die Transformation sein?

Zentraler Motor ist erst einmal eine engagierte Zivilgesellschaft, die Visionen für alternative Zukünfte entwickelt, Widerstand gegen bestehende Entwicklung mobilisiert, aber gleichzeitig Orte des Ausprobierens für die Alternativen schafft.

Das vergrößert den Raum für eine mutige Politik, die verbesserte Rahmenbedingungen für das Entstehen von Alternativen schafft – für autoarme und lebenswerte Städte, für eine umfassende Energiewende, für ressourcenarme und kreislaufgerechte Wirtschaftsformen.

Reicht das?

Eine solche Bewegung verstärkt sich, je mehr Unternehmen zeigen, was heute in Richtung eines nachhaltigen Wirtschaftens schon möglich ist – zum Beispiel bei neuen Mobilitätslösungen, bei erneuerbaren Energien oder klimaeffizienten Gebäuden und durch eine Wissenschaft, die sich als "Möglichkeitswissenschaft" versteht und nicht nur technologische, sondern insbesondere auch gesellschaftliche, ökonomische und institutionelle Alternative für die politische Gestaltung aufzeigt. All das sind Bausteine für eine "Zukunftskunst", die wir in allen gesellschaftlichen Bereichen ausbuchstabieren müssen.

Kann der Wandel denn überhaupt noch schnell genug kommen? Bis 2050?

Ja, das kann er. Denn umfassende Entwicklungen verlaufen nicht linear. Sie passieren oft sehr plötzlich, wenn das Feld bereitet ist. Der Mauerfall in Deutschland 1989 oder die Beschlüsse zur Energiewende im Jahr 2011 in Deutschland sind solche Beispiele. Niemand hätte sie wenige Monate vorher vorausgesagt.

Möglich waren sie aber, weil das Feld vorbereitet war. Das ist es auch für die Klima- und Nachhaltigkeits-Herausforderungen. Einzelne katalytische Ereignisse oder günstige politische Konstellationen können dann sehr schnelle Fortschritte auf den Weg bringen.

Droht angesichts der Zuspitzung der Umwelt- und Klimakrise nicht eher eine Öko-Diktatur?

Momentan drohen eher Anti-Öko-Autokratien, wenn wir zum Beispiel auf die Entwicklungen in den USA oder in Brasilien schauen.

Die Idee der nachhaltigen Entwicklung ist im Kern ein humanitäres Projekt: die Idee eines würdevollen Lebens für alle Menschen auf diesem Planeten. Ein solches Projekt hat nur eine Chance, wenn es von der Achtung vor anderen Menschen getragen ist. Das ist nur in Demokratien zu gewährleisten. Insofern trägt das Engagement für die globalen Umweltherausforderungen einen zutiefst demokratischen Impuls in sich.

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