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Mehr Grün und Blau in die Städte reicht nicht

Was gegen Brände, Hitze, Stürme und Fluten hilft, könnte das Land auch grüner und nachhaltiger werden lassen. Heute legte die Bundesregierung den neuen Fortschrittsbericht zur Anpassung an den Klimawandel vor.


Auch für erfahrene Politiker dreht sich die Welt schneller als gedacht. Vor fünf Jahren hätte sich Svenja Schulze nicht vorstellen können, dass es in Deutschland Gemeinden gibt, die Wasserknappheit haben.

"Vor vier, fünf Jahren haben wir auch noch nicht darüber nachgedacht, ob Kinderspielplätze eine Verschattung brauchen. Wir dachten, Kinder können einfach draußen spielen".

Auch alte Menschen in Pflegeheimen könnten mitunter im Sommer nicht mehr einfach so vor die Tür gehen.

Drei Beispiele, mit denen die Bundesumweltministerin heute die teilweise dramatisch veränderte Klima-Lage beschrieb, als sie den frisch vom Bundeskabinett beschlossenen Fortschrittsbericht zur Klima-Anpassung vorstellte.

"In Deutschland kommt der Klimawandel als Hitzewelle, als Dürre, als Waldbrand, als Starkregen oder eben als Überflutung an", zählte die SPD-Ministerin die sich mehrenden Plagen auf. Diese hätten ganz erhebliche Auswirkungen auf Wohlstand und Gesundheit der Menschen, sagte Schulze.

Zwar gebe es zur Frage, wie teuer diese Folgen seien, keine genauen Zahlen – es sei aber klar, dass die Kosten des Klimawandels deutlich höher seien als die des Klimaschutzes.

Begrünung mit Beratung

Bei der vorgelegten Anpassungsstrategie gehe es vor allem darum, Deutschland "klimafest" zu machen, betonte die Ministerin. Der aktuelle Anpassungskatalog umfasst dazu um die 180 Maßnahmen.

Neu gegenüber dem fünf Jahre alten Vorgängerbericht ist, dass soziale Einrichtungen mit bis zu 150 Millionen Euro gefördert werden. Beschlossen ist auch ein Waldklimafonds, der mit 800 Millionen Euro bis 2023 ausgestattet ist.

Schließlich soll auch ein Klimaschadenskataster aufgebaut werden. Man wisse um die Schäden und es gebe eine Vielzahl von Daten, aber diese seien nicht an einem Ort gebündelt, begründete die Ministerin den Kataster.

Die 150 Millionen Euro, die für Einrichtungen wie Alten- und Pflegeheime gedacht sind, können für Dach- und Fassadenbegrünungen genutzt werden, für Schattenspender wie Sonnensegel oder Pavillons. Interessierte Einrichtungen und soziale Unternehmen können auch fachliche Beratung finanziert bekommen, um jeweils passfähige Konzepte zu entwickeln.

"Damit werden ganz besonders die geschützt, die gefährdet sind", erklärte Schulze. Oft fehlten Alten- und Pflegeheimen, Kindertagesstätten oder Krankenhäusern die Mittel, um ausreichend vorzusorgen. Anträge von finanzschwachen Kommunen und gemeinnützigen Vereinigungen, die bis Ende Juni 2021 eingehen, können laut Ministerium in manchen Fällen bis zu 100 Prozent gefördert werden.

Resilienz statt Effizienz

Vorsorge ist billiger und menschenorientierter, betonte seinerseits Dirk Messner, Präsident des Umweltbundesamtes (UBA), bei der Vorstellung des Berichts. Für ihn geht es vor allem um mehr Resilienz, mehr Widerstandsfähigkeit der Gesellschaft gegen die Klimakrise. Sehr lange sei die Gesellschaft auf Effizienz getrimmt worden, man brauche nun aber Resilienz und Robustheit und mehr Prävention. "Wir sind nicht besonders stark im präventiven Handeln", kritisierte Messner.

Klimaanpassung ist für den UBA-Präsidenten dabei weit mehr als ein notwendiges Übel. Eine nachhaltige Anpassung an die Klimaveränderungen könne auch die Lebensqualität in Deutschland verbessern. Begrünte Dächer und Gebäudefassaden verminderten die Hitze und machten Städte und Dörfer lebenswerter.

Während solche Vorhaben die sogenannte "grüne Infrastruktur" verbessern, soll künftig auch die "blaue" ertüchtigt werden, beispielsweise durch wasserdurchlässige Radwege oder Plätze, die mit wasserspeichernden Baustoffen ausgestattet sind.

Solche Maßnahmen würden, so der UBA-Präsident, nicht nur gegen den Klimawandel helfen. Messner: "Grün und Blau in den Städten, das ist doch das, wonach wir als Bürger suchen."

Der UBA-Präsident plädierte bei den Anpassungsmaßnahmen auch für mehr "naturbasierte" Lösungen. Renaturierte Fluss- und Feuchtgebiete, mehr Raum für Natur in den Städten, bodenschonende Verfahren in der Landwirtschaft – das alles seien Beispiele dafür, wie Klimaanpassung ökologischen, ökonomischen sowie sozialen und kulturellen Nutzen entfalte.

"Was wird aus den Marrakeschs?"

Bleibe es allerdings beim derzeitigen Klimapfad mit einer Erderhitzung um drei Grad, sei jede Anpassungsstrategie überfordert, warnte Messner.

Für Deutschland bedeuteten drei Grad mehr, dass die Temperaturen in Berlin im Schnitt so wie in Madrid sein würden – und in Madrid wären sie dann so wie heute in Marrakesch in Marokko – und in Marrakesch so hoch wie an Orten, an denen schon heute niemand mehr auf die Straße gehen kann.

"Was machen wir mit den Marrakeschs dieser Welt?", fragte Messner noch rhetorisch. Ihm zeige sich darin die ganze Wucht der Problematik: "Ohne ambitionierten Klimaschutz ist alles nichts." Anpassung und Klimaschutz seien zwei Seiten einer Medaille.

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