So kommt der Klimaschutz in die Städte

Die kommunale Planung muss sich ändern, wenn die Infrastruktur Lebensqualität und Klimaschutz sicherstellen soll. Eine Kita im Berliner Bezirk Pankow macht das mit wissenschaftlicher Begleitung vorbildlich.


Stadtkulisse mit neuen mehrstöckigen Gebäuden, Straße, Straßenschildern, Bäumen und Baukran.
Soll die Stadtplanung auf Klimaschutz ausgerichtet sein, müssen sich ihre Routinen ändern.  (Foto: Achim Scholty/​Pixabay)

Ein Dutzend Menschen stehen um einen Tisch herum, auf dem ein Set von Infokarten liegt. Auf den Karten abgebildet sind die Möglichkeiten, die es zur Anpassung an den Klimawandel in urbanen Räumen gibt. Dachbegrünung, Wasserflächen, Zisternen, Reinigung von Abwasser, Entsiegelung und vieles mehr.

Es geht um eine Kita im Berliner Bezirk Pankow. Sie soll erweitert und modernisiert werden. Um mehr Kitaplätze zu schaffen und gleichzeitig besser klarzukommen mit den Klimaveränderungen, die gerade in innerstädtischen Gebieten zunehmend zum Stressfaktor werden – einerseits mehr und mehr heiße und trockene Tage und andererseits Starkregenereignisse, die auf eine Kanalisation treffen, die für solche Belastungen nicht ausgelegt ist.

Anwesend bei dem Treffen, das Teil eines Forschungsvorhabens des Instituts für sozial-ökologische Forschung (ISOE) in Frankfurt am Main und des Deutschen Instituts für Urbanistik (Difu) in Berlin ist, sind Vertreter des Kitaträgers, die Kitaleiterin, eine Erzieherin sowie Bezirksvertreter und die Forschenden.

Gemeinsam beugen sie sich über die Infokarten mit den möglichen Bausteinen zur Klimaanpassung, schieben sie hin und her, diskutieren, treffen eine Auswahl und zeichnen einen Plan, wie die Kita in Zukunft aussehen soll. So schildert es Jan Hendrik Trapp vom Difu. Der Soziologe koordiniert das Forschungsvorhaben.

Verschiedene Infrastrukturen zusammen planen

"Die Bausteine sind seit Jahren erprobt", sagt Trapp gegenüber Klimareporter°. Neu ist der Ansatz der Forschungsgruppe dennoch. Es geht darum, bisherige Routinen in der Planung zu ändern und schon im Vorfeld blaue, grüne und graue Infrastrukturen zusammenzudenken. "Wenn man die unterschiedlichen Infrastrukturen geschickt vernetzt, kommt man zu anderen und besseren Lösungen."

Grüne, blaue und graue Infrastruktur

Grüne Infrastrukturen sind langfristig geplante Netze naturnaher Flächen, in der Stadt etwa Parks, Straßenbäume, grüne Dächer oder Wände.

 

Kommen natürliche und künstliche Gewässer hinzu, spricht man von grün-blauer Infrastruktur.

 

Dem gegenüber steht die rein zweckgebundene graue Infrastruktur: Straßen, Schienen, Leitungen, andere Ver- und Entsorgungsanlagen.

In der Regel, sagt Trapp, wird zuerst an der Oberfläche geplant – Gebäude, Grünflächen, Straßen. "Mit der Frage, was mit Wasser, Abwasser oder auch der Wärmeversorgung ist, beschäftigt man sich dagegen erst relativ spät im Planungsprozess, sodass es schon viele städtebauliche Vorfestlegungen gibt und der Spielraum für neuartige Infrastrukturlösungen begrenzt ist."

Man wolle die Planung nicht künstlich verlängern, betont Trapp. "Unser Plädoyer ist aber, dass es vor der formalen Bauplanung eine informellere Vorphase geben sollte." Dadurch gewinne man Räume für Kreativität und ermögliche einen klimagerechteren Umgang mit der Ressource Wasser in der Stadt. "Es geht dabei auch um Lebensqualität", sagt der Soziologe.

Das vom Forschungsministerium geförderte Projekt "Blau-grün-graue Infrastrukturen vernetzt planen und umsetzen" von ISOE und Difu erprobte das vernetzende Verfahren auch bei weiteren Projekten im Umfeld der Kita sowie bei einem Neubaugebiet in Norderstedt nahe Hamburg.

"Wegen des Klimawandels braucht man mehr Wasser"

Am Beispiel der Kita lässt sich gut illustrieren, wie das aussieht. Zunächst vereinbarten die Forschenden ein vorbereitendes Treffen, stellten ihren Ansatz vor und erfragten die planerischen Ziele der Kita. Bei einem halbtägigen Workshop mit allen wichtigen Akteuren wurde schließlich eine gemeinsame Vision erarbeitet.

Er fand vor zwei Jahren statt, seitdem befindet sich das Projekt in der Umsetzungsphase. Mit an Bord sind dabei auch die Berliner Wasserbetriebe, die gemeinsam mit dem Land Berlin kurz zuvor eine Regenwasseragentur gegründet hatten, die einen nachhaltigeren Umgang mit Wasser unterstützen soll.

Die Vision, für die sich die Kita entschieden hat, umfasst eine Dachbegrünung, eine unterirdische Zisterne, die Regenwasser auffängt, mit dem auch die Toiletten gespült werden, sowie ein Wasserspiel im Freien, das im Sommer kühlende Wirkung hat. Aus hygienischen Gründen soll dafür Trinkwasser verwendet werden.

Alles in allem wird die Kita bei diesem Konzept kein Regenwasser mehr in den Mischkanal abführen und spart sich dadurch das Niederschlagswasserentgelt, das für die Entsorgung von Regenwasser gezahlt werden muss, welches über bebaute oder versiegelte Flächen in die Kanalisation gelangt. Den Mehrkosten der Planung stehen damit Einspareffekte gegenüber.

"Es ist heute schon klar, dass man wegen des Klimawandels mehr Wasser braucht, um in Hitze- und Trockenperioden Grünflächen zu bewässern, sodass sie die erwünschte Kühlleistung aufweisen können", sagt Jan Hendrik Trapp. Deshalb sei ein schonenderer Umgang mit Wasser nötig, der schon bei der Planung mitgedacht werden müsse.

"Die Kopplung von grauen, grünen und grauen Infrastrukturen verspricht zusätzliche Optionen zur Anpassung an den Klimawandel und kann für mehr Resilienz und Umweltgerechtigkeit sorgen."

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