Der "Gunstraum" im Klimawandel

Die Realität überholt schon heute teilweise die Voraussagen der Klimamodelle. Für die Klimarisiko-Forscher des Umweltbundesamtes bleibt Deutschland dennoch zunächst ein sogenannter "Gunstraum". Die weitere Entwicklung hänge von den Fortschritten im Klimaschutz ab.


Wasser steht auf einer Wiesenlandschaft im Nationalpark Unteres Odertal.
Durch geplante Ausbaumaßnahmen gefährdete Flussaue im Nationalpark Unteres Odertal: Deutschland muss die Chancen zur Klimaanpassung nutzen, sagt das Umweltbundesamt. (Foto: Frank Baldus/​Wikimedia Commons)

Neue Schottergärten sind in Baden-Württemberg seit einem Jahr verboten. Jetzt wird auch über einen Rückbau schon vorhandener Gärten gestritten. Für Inke Schauser vom Umweltbundesamt (UBA) wäre das eine Selbstverständlichkeit für eine an Starkregen angepasste sogenannte Schwammstadt.

Eine richtige Schwammstadt ist für die Geografin eine Stadt mit einer ganz anderen Verkehrs- und Flächenplanung als heute. So könnten beispielsweise "alle Flächen, die nicht versiegelt sein müssen, weil da zum Beispiel ein Haus draufsteht, aufgebrochen und damit Versickerung ermöglicht werden". Das liefe auf eine ganz andere Landnutzung in der Stadt hinaus.

Solche – in der Klimaschutz-Fachsprache – transformativen Überlegungen sind inzwischen das täglich Brot von Schauser. Sie und ihre Kolleginnen und Kollegen vom UBA-Kompetenzzentrum Klimafolgen und Anpassung (Kompass) arbeiteten maßgeblich mit an der im Juni vorgelegten Klimawirkungs- und Risikoanalyse des Bundes.

Von der verheerenden Flutkatastrophe im Westen wurden auch die UBA-Risikoexperten überrascht. "Als wir die Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit abschätzten, haben wir nicht erwartet, dass es durch Sturzfluten in der Gegenwart so viele Todesfälle in Deutschland geben würde", räumt Schauser ein.

"So ein Extremszenario hatten wir für eine Zeit in zwanzig oder dreißig Jahren auf dem Schirm. Insofern sind wir auch überrascht von der Extremheit der Extremereignisse", sagt sie. "Teilweise überholt die Realität die Klimamodelle."

Dass sich der Klimawandel inzwischen stärker auswirkt – eine Erkenntnis im neuesten Weltklimabericht –, können auch die Klimaforscher des UBA bestätigen. Das sei auch beim Vergleich der Vulnerabilitätsanalyse aus dem Jahr 2015 mit der neuesten aus diesem Jahr schon zu sehen gewesen, betont Schauser.

Alle fünf bis sieben Jahre werden auf Bundesebene solche "Verletzlichkeits"-Analysen angefertigt. Sie sollen den Handlungsbedarf bei der Klimaanpassung aufzeigen.

Hitzewellen und Starkregen sind fast Zwillinge

Es werde "immer evidenter", dass der Klimawandel die Ursache für viele der beobachteten Entwicklungen ist, sagt Schauser. Panik ist dennoch nicht angebracht, jedenfalls nicht hierzulande. Bisher befinde sich Deutschland noch im Bereich geringer und mittlerer Klimarisiken, erklärt die UBA-Expertin. Doch in einem Bereich sei die Entwicklung bereits jetzt nicht mehr akzeptabel: bei den Hitzetoten. "Dort gibt es schon heute ein hohes Risiko", warnt sie.

Davor gibt es im Prinzip auch kein Entfliehen. "Wir sind alle betroffen, weil mit dem Klimawandel überall die Temperaturen steigen", sagt Schauser. Hitzewellen und Trockenheit würden überall stärker – zugleich aber auch der Starkregen. Die beiden Wetterextreme sind beinahe Zwillinge, schaut man sich die deutsche Klimawirkungs- und Risikoanalyse näher an.

Allerdings gibt es Regionen in Deutschland, die mehr von Klimaextremen und Veränderungen betroffen sein werden als andere, präzisiert Schauser. An den Küsten sowie im Nordwesten des Landes seien vergleichsweise wenige Veränderungen zu erwarten – ein relativ starker Wandel dagegen in den Gebirgen und Mittelgebirgen.

Auch die bisher schon sehr trockenen Regionen Deutschlands wie Brandenburg und Sachsen-Anhalt müssten mit einem sehr starken Anstieg bei Hitze, aber eben auch bei Starkregen rechnen.

Schaut man auf die Landkarte der deutschen Hitzespots, fällt auf, dass nicht nur der Osten künftig zu den wärmsten Regionen gehört, sondern auch wichtige Industrieregionen im Westen wie das Ruhrgebiet und das Oberrheintal. Hat das Folgen, wenn die wirtschaftlichen Herzen Deutschlands sozusagen überhitzen?

Durch den Klimawandel erwartet die UBA-Expertin aus heutiger Sicht keine Verschiebung der wirtschaftlichen Räume, auch keine generelle Umsiedlung innerhalb Deutschlands. "Möglicherweise werden ältere Menschen, die im Süden leben, im Rentenalter dann überlegen, ob sie ihren Wohnsitz nahe an die Küste verlegen, wo es kühler sein wird", sagt sie nur.

"Dann brauchen wir weiter reichende Maßnahmen"

Und trotz aller Risiken werde Deutschland nach heutigem Stand immer noch vergleichsweise glimpflich davonkommen. "Wir müssen ganz klar sagen: Im Vergleich zu fast allen anderen Regionen in der Welt ist Deutschland ein Gunstraum im Klimawandel", stellt Schauser klar.

"Überall in Deutschland werden wir weiter Landwirtschaft betreiben und leben können. Wir haben auch genügend Kapazitäten und viele Möglichkeiten, uns anzupassen. Wir müssen es nur tun", sagt sie. Eher müssten sich die Menschen in Griechenland, Italien und Spanien künftig fragen: Wo soll das Wasser herkommen?

Ob Deutschland ein "Gunstraum" bleibt, hängt dabei eng mit den Fortschritten beim Klimaschutz zusammen. "In einem optimistischen Klimaszenario mit einem mittleren Temperaturanstieg in Deutschland von 1,6 bis 2,4 Grad bis Mitte des Jahrhunderts können wir durch die jetzt schon beschlossenen Maßnahmen zur Klimaanpassung die Risiken deutlich reduzieren", blickt Schauser voraus.

Bei einem pessimistischen Szenario von drei Grad Plus könnten die unternommenen Anstrengungen die Risiken jedoch nicht genügend senken. "Dann brauchen wir weiter reichende Maßnahmen."

Dabei muss man wissen: Mit den 1,6 bis 2,4 Grad ist nicht die globale Mitteltemperatur gemeint, sondern die Temperatur, um die sich die Landmasse der Bundesrepublik gegenüber der vorindustriellen Zeit erwärmt. Hier diskutieren die Forscher gerade, ob das "erst" 1,6 oder schon 1,8 Grad sind.

Und bei "weiter reichenden" Maßnahmen denken viele Klimaexperten nicht nur an den Bau von Dämmen oder an Bauverbote in Überflutungsgebieten. Da geht es auch um einen Rückzug aus der Fläche, um Deichrückverlegungen oder gar Landaufgabe an der Küste.

Jahrtausende lang suchten die Menschen Land zu gewinnen, es urbar zu machen oder zu bebauen. Möglicherweise muss dieser Prozess teilweise zurückgedreht werden. Ein Abschied vom Schottergarten ist da vergleichsweise leicht zu verschmerzen.

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