Grafik: Pflanzen wachsen an Bankgebäuden und fossiler Infrastruktur hoch.
Bild: Kristin Rabaschus

Es gilt als grober Fehler von Verbraucherschützern und Nichtregierungsorganisationen, der gesamten Finanzbranche Fehlinformationen und Greenwashing zu unterstellen. Denn in vielen Unternehmen tut sich wirklich was. Auch, weil sich die Gesellschaft und die Rahmenbedingungen langsam, aber sicher vergrünen.

So ist Nachhaltigkeit längst auch "unten", beim Nachwuchs, angekommen. Aus Universitäten ist zu hören, dass betriebswirtschaftliche Studiengänge mit ESG-Bezug überfüllt sind. ESG steht für "environmental, social and corporate governance", Umwelt, Soziales und gute Unternehmensführung.

Und auch "oben" wird die Luft für Verweigerer dünner: 15 von 28 Versicherern, die kürzlich vom Ratinghaus Franke & Bornberg befragt wurden, koppeln mittlerweile die Vergütung von Managern an Nachhaltigkeitsziele.

Nun sind dies sicherlich nur kleinere Schritte auf dem Weg zum Pariser Klimaziel. Entscheidend dürfte letztlich sein, dass Vorstände und Manager Menschenrechte und Klima nicht mehr als Kostentreiber sehen, sondern bereits mittelfristig als Renditebringer. Schließlich geht es im Kapitalismus zuallererst um Profite.

Wichtige Akteure des Finanzkapitals gehen diesen profitablen grünen Weg bereits, weil sie erkennen, dass die heute gefällte Entscheidung für eine Police oder einen Kredit die Realwirtschaft für zehn, 15 Jahre und mehr prägen wird.

Damit werden die Risiken, die Hauseigentümer, Industrie oder Start-ups im wirklichen Leben tragen, auch zu Risiken für die Finanzwirtschaft – und können deren spätere Gewinne gefährden. Auch im Jahr 2035 ff. sollen schließlich die Kassen der Banken, Versicherer und Investoren noch laut klingeln.

Das ungelöste Datenproblem

Für laut klingelnde Kassen reicht es bei Weitem nicht, den eigenen Papierverbrauch zu senken oder Abfälle zu verringern, mit erneuerbarer Energie die Büros zu heizen oder Computer mit Ökostrom zu versorgen.

Entscheidend wird sein, den Ausstoß von CO2, Stickstoff und anderen Umweltschadstoffen tatsächlich zu senken – im Verkehr, in Gebäuden und in der Realwirtschaft, etwa der Stahlindustrie, der Zementherstellung und der E‑Auto-Produktion.

Bislang wissen Banken, Versicherer und Investoren nicht wirklich, was sie tun. Denn damit Entscheider richtig entscheiden können, benötigen sie Daten. Und die müssen verlässlich sein.

"Die Datenproblematik ist noch nicht gelöst", warnt jedoch Timo Busch. Der Ökonom beschäftigt sich an der Universität Hamburg mit nachhaltiger Finanzwirtschaft und Klimaschutz auf Unternehmensebene.

Die sogenannten Scope‑1- und Scope‑2-Emissionen, also solche, die durch den eigenen Betrieb oder den Energiebezug ausgelöst werden, ließen sich bereits ordentlich erfassen, versichert Busch in einem Interview.

Schwieriger sei es, wenn es um internationale Lieferketten oder um nachgelagerte Wertschöpfungsteile gehe, also um Scope 3. "Da wird oft wild geschätzt", klagt Busch. Die in der betrieblichen Ökobilanz präsentierten Ergebnisse seien dann fern jeglicher Wirklichkeit.

Der Begriff der Scope-Emissionen entstammt dem Greenhouse Gas Protocol, kurz GHG Protocol, einem wichtigen, international weitgehend anerkannten Standard zur Berechnung von Treibhausgasemissionen. Das GHG-Protocol unterteilt die Emissionen von Unternehmen in drei Bereiche, englisch scopes.

Die vor- und nachgelagerten Emissionen, also Scope 3, dürften für die meisten Firmen den größten Anteil ihrer Abflüsse ausmachen. "Zu den CO2-Emissionen in Scope 3 zählt zum Beispiel der Verbrauch von Energie in vermieteten Assets wie Immobilien oder Fahrzeugen", erklärt Jan Karcher von der Unternehmensberatung Green Vision Solutions in Mannheim.

Aber noch viel mehr gehöre dazu: der Bezug von Waren und Dienstleistungen, die Müllentsorgung, Wasser und Abwasser, Geschäftsreisen oder das Pendeln der Beschäftigten zum Arbeitsplatz.

Die Herausforderungen in der Praxis sind also groß und das Terrain in gewisser Weise unübersichtlich – was eine Erfassung der tatsächlichen Emissionen in der betrieblichen Praxis zumindest erschwert.

Dass vor allem bei den Scope‑3-Emissionen "wild geschätzt" wird, wie es Betriebswirt Busch ausdrückt, sei noch freundlich ausgedrückt, heißt es in einschlägigen Leserbriefen, in sogenannten sozialen Medien und vor allem in Gesprächen mit Praktikern aus den Unternehmen. Tenor: "Die Lage ist noch viel schlimmer."

Vor diesem Hintergrund ist die europäische und internationale Politik gefragt. Namentlich die rot-grün-gelbe Regierungskoalition in Berlin ist stark herausgefordert, Unternehmen, Finanzdienstleister und übrigens auch Bund, Länder und Kommunen gesetzlich zu verpflichten, ihre Emissionen durch Messungen und wissenschaftlich begründete Modellierungen zu validieren – also Scope 1 bis 3 rechtskräftig und überprüfbar zu machen.