Ohne Totholz kein Leben

Europas Wirtschaftswäldern fehlt es an biologischer Vielfalt. Weil die Forstwirtschaft Totholz entfernt, sind daran angepasste Käferarten bedroht. Die Klimakrise erhöht nun den Druck – ökologisch und ökonomisch.


Ein Alpenbock, ein hellblauer länglicher Käfer mit schwarzen Punkten und langen gebogenen blau-schwarzen Fühlern, sitzt auf einem rindenlosen Zweig.
Der Alpenbock ist selten geworden. (Foto: Szerkesztő Kabóca/​Wikimedia Commons)

Die konventionelle Forstwirtschaft macht dem Alpenbock das Leben schwer. Die Larven des Käfers mit der auffallend schwarz-blauen Färbung ernähren sich von Totholz. Vor allem abgestorbenes Holz von Laubbäumen steht auf dem Speiseplan der Bockkäfer-Nachkommen.

In vielen Wirtschaftswäldern ist Totholz jedoch rar. Über Jahrhunderte wurde es aus den Wäldern entfernt und verbrannt – oder es wurde verkauft und zu Möbeln oder Papier verarbeitet.

Was als ökonomisch effizient erscheint, ist für den Alpenbock eine Katastrophe. Er braucht alte Bäume und Totholz, weil sich seine Larven darin entwickeln. Ohne Totholz gibt es keinen Lebensraum für den Käfer. Aus vielen Gebieten in Europa ist er deshalb verschwunden.

Ähnlich geht es dem Veränderlichen Edelscharrkäfer, der unter der konventionellen Forstwirtschaft leidet und vom Aussterben bedroht ist. In den meisten Gegenden ist er bereits verschwunden, berichtet der Koleopterologe Thomas Hörren. "Die Art benötigt liegendes braunfaules Laubholz, bevorzugt von Eiche, oder stehende große hohle Bäume. Beides ist selten geworden", sagt Hörren.

Auch der Kleine und der Große Eichenbock oder der Hirschkäfer haben sich an Totholz angepasst. Mit der herkömmlichen Art, die Wälder zu bewirtschaften, kommen sie nicht zurecht.
 

"Es haben sich viele Arten von Käfern entwickelt, eine sehr reiche Organismengruppe ist entstanden. Als Gesellschaft müssen wir uns fragen, ob wir das Recht haben, die Natur so stark auszubeuten, dass Käferarten aussterben könnten", sagt Tord Snäll von der Schwedischen Universität für Agrarwissenschaften in Uppsala.

Die Antwort liegt für den Ökologen auf der Hand: Mit der UN-Biodiversitätskonvention habe sich die Menschheit verpflichtet, die Vielfalt der Arten zu erhalten.

Wirtschaftswälder sind nicht klimastabil

Nicht nur der Lebensraum der an Totholz angepassten Käfer ist unter Druck, auch den Bäumen geht es in Forsten nicht besonders gut. In Deutschland ist nur noch jeder fünfte Baum gesund, so steht es im kürzlich erschienenen Waldzustandsbericht.

"Die intensive Forstwirtschaft reduziert nicht nur die ökosystemtypische Artenvielfalt, sondern auch die genetische und ökologische Diversität", sagt Pierre Ibisch von der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde. Die heutige Forstwirtschaft führe zur Zerschneidung, biologischen Verarmung und Homogenisierung von Wäldern und zum Verlust von wichtigen Strukturen und Prozessen.

"In den meisten Wirtschaftswäldern fehlen zum Beispiel alte Bäume und Totholz. Im schlimmsten Fall kollabieren diese Monokulturen dann bei Sturm, Dürre und Hitze", so der Biologe. Die Auswirkungen der Klimakrise, anhaltende Trockenheit sowie starke Stürme machen den Wäldern zu schaffen.

Wenn Menschen durch Forstwirtschaft aber in natürliche Prozesse eingreifen, steht das gesamte Ökosystem unter Druck. "Die biologische Vielfalt ist nicht eine zusätzliche Eigenschaft von Wäldern, die irgendwie schön ist zu haben, sondern vielmehr eine Grundlage ihrer Funktionstüchtigkeit und damit auch ihrer Entwicklungs- und Anpassungsfähigkeit", sagt Ibisch. Wälder seien komplexe Netzwerke.

Allerdings steigt die Nachfrage nach nachwachsenden Rohstoffen wie Holz immer weiter – auch weil wegen des Klimawandels die Verbrennung von Kohle, Öl und Gas heruntergefahren werden muss. "Das Abholzen von Wäldern und die Verwendung von Holz kann dazu beitragen, auf fossile Brennstoffe zu verzichten", macht Tord Snäll auf einen Widerspruch beim Klimaschutz aufmerksam.

Holznutzung sei aber nur eine Methode, CO2-Emissionen zu mindern. Eine andere sei es, Wälder zu schützen, damit sie Kohlendioxid speichern können. Welche Methode die Gesellschaft wählt oder wo der – wahrscheinlichere – Mittelweg liegt, müsse untersucht und diskutiert werden.

Forschen für den Zukunftswald

Der schwedische Ökologe Snäll macht sich Gedanken über die Zukunft der Wälder und der Artenvielfalt. Gemeinsam mit einem internationalen Team aus Deutschland, Finnland, Norwegen, Österreich und Schweden untersucht Snäll im Forschungsprojekt Bio ESS Health, wie die Wälder Europas in Zukunft aussehen könnten.

Agrarminister:innen uneinig

Wie die Zukunft der Wälder in Deutschland aussehen soll, war in der vergangenen Woche Thema einer Sonderkonferenz der Agrarminister:innen. Dort plädierten die Bundesländer mit Unions- oder FDP-geführten Agrarministerien für das Festhalten an einer intensiven Waldbewirtschaftung, obwohl Ökolog:innen und Umweltschützer:innen immer nachdrücklicher eine nachhaltige Waldwende fordern.

Die Forscher:innen haben dafür ein Modell entwickelt und untersuchen, wie sich die Wälder und die Käferpopulationen verändern – je nachdem, ob man bei der Waldbewirtschaftung den Schwerpunkt auf intensive Forstwirtschaft und maximalen Gewinn, auf größtmögliche Biodiversität oder menschliches Wohlbefinden legt oder einen Mittelweg verfolgen möchte.

"Die Ergebnisse geben uns auch Aufschluss darüber, wie alt die Wälder in Zukunft werden und wie viel Totholz dort in Zukunft zu finden sein wird. Dann können wir vorhersagen, wie sich die Vielfalt der Käfer entwickeln wird", erläutert Snäll.

Für seine Studie hat das Team zunächst in verschiedenen Wäldern Fallen für Käfer aufgestellt und das Vorkommen der Käferarten erhoben. Diese Daten zur Artenverbreitung werden dann in das Modell eingespeist, mit dem untersucht werden soll, wie sich die Wälder und ihre Artenvielfalt in den kommenden 100 Jahren entwickeln könnten.

"Den Ressourcenverbrauch verringern"

Schon jetzt ist Snäll besorgt. "In Schweden und Finnland werden die Wälder im Vergleich zu Deutschland sehr intensiv bewirtschaftet – hier gibt es Kahlschlag, bei dem im Wesentlichen alle Bäume gefällt und entfernt werden", sagt der Ökologe. "Wir sehen, dass diese Praxis des Kahlschlags dazu führt, dass in den Wäldern deutlich weniger Totholz vorhanden ist. Und je weniger Totholz es gibt, desto geringer ist die Artenvielfalt."

Das sei einer der Hauptgründe dafür, dass Waldarten in den nordischen Ländern auf der Roten Liste stehen, fügt er hinzu. "Es ist, als würde man einem Pferd das Heu wegnehmen – den Käfern fehlen ihre Nahrungsquelle und ihr Lebensraum", so der Forscher.

Intensive Waldbewirtschaftung ist also eine Sackgasse. Besser wäre eine Waldwirtschaft, die einen hohen Holzertrag, die Stabilität der Artenvielfalt und die Erholungsfunktion des Waldes miteinander in Einklang zu bringen versucht.

Dazu gehört aus Sicht von Tord Snäll, den Ressourcenverbrauch zu verringern – auch wenn es sich dabei um Produkte aus nachwachsenden Rohstoffen wie Holz handelt. "Je mehr wir unseren Konsum von Produkten verringern, desto besser ist es für das Klima und die Wälder", sagt Snäll. Dann könne die Artenvielfalt in den Wäldern steigen und mehr Kohlenstoff in den Bäumen dauerhaft gespeichert bleiben.

Dadurch werden die Wälder auch widerstandsfähiger gegenüber den Folgen der Klimakrise, ergänzt Biologe Pierre Ibisch: "Diverse und intakte Ökosysteme zeigen Selbstorganisation und Selbstregulation, sie verbessern ihren Boden, die Wasserspeicherfähigkeit und machen sich ihr eigenes Mikroklima. Das sind Eigenschaften, die im Klimawandel die größte Bedeutung haben."

Für Ibisch gibt es klare Hinweise: "Biodiverse Wälder sind widerstandsfähiger gegen den Klimawandel und tragen auch zum Klimaschutz bei."

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