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Die große Moor-Transformation

Das 1,5-Grad-Limit einzuhalten bedeutet für die Landnutzung in Deutschland: Jährlich müssen mindestens 50.000 Hektar Moorböden wiedervernässt werden – eine Fläche so groß wie der Bodensee. In ihrer Dimension ist diese Aufgabe mit dem Kohleausstieg vergleichbar.


Zwei Prozent der Moorflächen sind noch naturnah, 94 Prozent sind entwässert, vier Prozent wiedervernässt.
Nur rund zwei Prozent der Moorflächen in Deutschland sind noch in einem naturnahen Zustand. 94 Prozent sind entwässert und nur vier Prozent wiedervernässt. (Fotos: Greifswald Moor Centrum)

Die Corona-Pandemie und der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine überlagern heute die Aufmerksamkeit für die globalen und schwerwiegenden Krisen, denen die Menschheit bereits ausgesetzt sind – die Klimakrise und das massenhafte Artensterben. Natürliche Klimaschutzlösungen (natural climate solutions) wie der Schutz der Wälder und Moore bieten die besondere Chance, mit einer Maßnahme Verbesserungen bei der Bewältigung beider Krisen zu erreichen.

Deutschland verfügt dabei mit den Mooren über ein herausragendes Potenzial: Etwa fünf Prozent unserer Landesfläche sind Moorböden. Die meisten Moorstandorte sind nicht mehr als solche zu erkennen, sie sind derzeit mit trockener Grünland- und Ackervegetation bedeckt.

Wiedervernässung von Mooren ist schon lange als effiziente Klimaschutzlösung erkannt. Mit der Anhebung der Wasserstände auf Bodenniveau gehen die CO2-Emissionen auf null zurück. Die dann teilweise auftretenden Methanemissionen ändern nichts daran, dass der geringste Schaden für das Klima nur bei schneller Wiedervernässung aller Moorböden eintritt.

Wiedervernässung ist kein dauerhafter und auch kein energieaufwändiger Prozess. In vielen Mooren genügt ein einmaliger Rückbau der Entwässerung und damit das Zulassen früherer, höherer Wasserstände in der Landschaft. Davon profitieren häufig auch angrenzende Wiesen und Wälder.

Nach der Wiedervernässung kehren viele moortypische Tier- und Pflanzenarten zurück, aber bei Weitem nicht alle. Moor-Wiedervernässung ist daher nicht gleichbedeutend mit einer umfänglichen "Renaturierung" eines Moores. Diese erfordert oft weitergehende Maßnahmen.

Weithin unterschätzte Emissionsquelle

Deutschland kann seine Klimaziele nur mit sehr konsequentem und umfassendem Moorschutz erreichen. Knapp sieben Prozent der gesamten inländischen Treibhausgasemissionen gehen auf das Konto entwässerter Moore – eine weithin unterschätzte Emissionsquelle.

Ein Transformationspfad für Moorböden, der mit dem 1,5-Grad-Limit kompatibel ist, bedeutet, in Deutschland jährlich mindestens 50.000 Hektar wiederzuvernässen. Eine solche "Übersetzung" unserer Klimaziele auf die Moore hat das Greifswald Moor Centrum bereits 2019 vorgelegt (siehe Grafik).

Balken-Kurven-Diagramm: 2030 müssen die allermeisten landwirtschaftlich genutzten Moorflächen feucht sein, 2050 müssen alle Flächen komplett nass sein.
Entwicklungspfade für die verschiedenen Nutzungsformen auf Moorböden bis 2050. Rot = trocken = tief entwässert = torfzehrend. Gelb = feucht = leicht entwässert = Wasserstand etwa 30 Zentimeter unter Flur = torfzehrungsmindernd. Grün = nass = Wasserstand in Flur = torferhaltend. (Grafik: Greifswald Moor Centrum)

50.000 Hektar, das ist etwa die Fläche des Bodensees – jedes Jahr. Dieses Ziel erfordert nichts anderes als eine "große Moor-Transformation". In ihrer Dimension ist sie mit dem Kohleausstieg vergleichbar.

Derzeit werden in Deutschland gerade einmal rund 2.000 Hektar pro Jahr wiedervernässt. Die Anstrengungen müssen also exponentiell zunehmen.

Dafür gibt es leider kein vorgefertigtes Muster, sondern in den Regionen braucht es maßgeschneiderte Lösungen für den künftigen Umgang mit "nassem" Moor. Der muss Wildnis und Naturentwicklung genauso einschließen wie eine weitere Bewirtschaftung, etwa durch Paludikultur.

Dazu sind vor allem die Beteiligten vor Ort zu befähigen. Denn sie bringen die beste Expertise zur Vernässung und für das Management ihrer Moore mit – die Landwirtinnen, Wasserwirtschaftler, Landschaftspflegeverbände, Natur- und Klimaschützerinnen, Biomasse-Unternehmen jeglicher Art und natürlich auch die Menschen, die in der Landschaft leben und weiter gut leben wollen.

Notwendig ist ein Paradigmenwechsel in der Moorbewirtschaftung – weg von einer Wertabschöpfung, wie sie durch fortschreitenden Torfschwund derzeit stattfindet, hin zu Werterhalt und Wertschaffung. Letztendlich brauchen wir, wie in jeder Transformation, auch Visionen und Narrative – für neue, nasse Landschaften zum Leben und Wirtschaften.

Endlich in der Bundespolitik angekommen

Viele Jahrzehnte fand Moorschutz mit eher unverbindlichen Strategien auf Länderebene und einigen Leuchtturmprojekten mit klarem Naturschutzfokus statt – und damit auf einer sehr beschränkten Fläche.

Jetzt hat es der Moorschutz endlich auf die bundespolitische Bühne geschafft. Die Ampel-Regierung erkennt an, dass Moorschutz im "öffentlichen Interesse" liegt und hat mit dem Aktionsprogramm "Natürlicher Klimaschutz" Eckpunkte gesetzt.

Bis 2026 sollen dafür insgesamt vier Milliarden Euro über den Energie- und Klimafonds bereitgestellt werden. Nicht allein für Moore, aber diese spielen in den von der Bundesumweltministerin Ende März vorgestellten Eckpunkten zu Recht eine Hauptrolle.

Endlich soll eine Moorschutzstrategie verabschiedet werden, die ihren Namen verdient, nämlich von der gesamten Bundesregierung getragen wird.

Die neue Strategie soll die noch auf den letzten Metern der Vorgänger-Koalition verabschiedete Bund-Länder-Zielvereinbarung ergänzen. Das dort festgelegte Ziel, die Treibhausgasemissionen aus trockengelegten Mooren bis 2030 um jährlich fünf Millionen Tonnen CO2-Äquivalent zu reduzieren, entspricht allerdings nur einem Anteil von elf Prozent an den Gesamtemissionen entwässerter Moore.

Die Gesamtwirtschaft hat im gleichen Zeitraum ihre Emissionen dagegen um 65 Prozent zu mindern. Angesichts dessen muss das Reduktionsziel in der Moorschutzstrategie erhöht werden, sonst hinkt der Moorschutz stark hinterher.

Gleichzeitig sollte dem privaten Sektor die Möglichkeit eröffnet werden, durch Investitionen in zusätzliche Vernässungsmaßnahmen und das Generieren von freiwilligen CO2-Zertifikaten zu höheren Gesamtanstrengungen in Deutschland beizutragen.

Agrarpolitik im Fokus

Richtig im Eckpunktepapier des Bundesumweltministeriums ist die Erkenntnis, dass die Wiedervernässung der Flächen nur gemeinsam mit den Landnutzer:innen möglich ist. Dafür braucht es die Entwicklung neuer Wertschöpfungsketten für Paludikultur und die Vermarktung der erzeugten Produkte.

Das bedeutet: Die Agrarpolitik muss im Fokus stehen. Denn die heutige entwässerungsbasierte Landwirtschaft im Moor, die für einen Großteil der negativen Umweltauswirkungen verantwortlich ist, wird maßgeblich durch die Gemeinsame Agrarpolitik der EU und ihre Umsetzung in Deutschland gesteuert.

Jan Peters

ist Geschäfts­führer der Michael Succow Stiftung, eines von drei Partnern im Greifswald Moor Centrum. Er leitet zudem das Programm "Moor- und Klima­schutz" der Stiftung. Peters hat lang­jährige Erfahrung in inter­nationalen Projekten zu Klima­schutz- und -anpassung, Bio­diversitäts­schutz und Entwicklungs­zusammen­arbeit in Europa, Asien, Afrika und Südamerika.

 

Landwirtschaft im Moor wird von der EU subventioniert, momentan jährlich mit geschätzten 410 Millionen Euro an Direktzahlungen. Aus den so bewirtschafteten Flächen treten jährlich etwa 42 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent aus – das sind vier Fünftel der insgesamt 53 Millionen Tonnen Emissionen aus Moorböden.

Die Umweltfolgekosten belaufen sich mit den von Umweltbundesamt veranschlagten 195 Euro pro Tonne auf jährlich 8,2 Milliarden Euro.

Diese Summe entspricht in etwa der Netto-Wertschöpfung der gesamten deutschen Landwirtschaft!

Künftig mit weiteren staatlichen Geldern aus anderen Töpfen diese Schäden wieder wegzuräumen, ist in keiner Weise zu rechtfertigen.

Paludikultur aus der Nische holen

Gerade die Paludikultur wurde in den vergangenen Jahren von der Agrarpolitik mehr behindert als befördert. Während Landwirtschaft auf entwässerten Mooren zuverlässig gefördert wurde, gab es dafür auf wiedervernässten Mooren keine Rechtssicherheit.

Die neue Förderperiode ab 2023 bietet hier Chancen gegenzusteuern: Laut der entsprechenden EU-Verordnung sollen Flächen in Paludikultur ihre Förderfähigkeit behalten, sodass den Landwirt:innen ein Risiko und eine Benachteiligung genommen wird.

Leider haben Bundesregierung und Bundesländer mit ihrem bei der EU vorgelegten Strategieplan zur Ausgestaltung des Förderrahmens die Möglichkeit versäumt, mehr für die Paludikultur zu tun. Das betrifft sowohl die Mindeststandards als auch die Anreize zur Transformation der Moorlandwirtschaft.

Franziska Tanneberger

ist Moor-Wissenschaftlerin an der Universität Greifswald und leitet seit 2015 das Greifswald Moor Centrum. Sie forscht zur Ökologie von Nieder­mooren in Osteuropa und Sibirien sowie zur standort­angepassten Bewirtschaftung naturnaher und wieder­vernässter Nieder­moore einschließlich der Verwertung von Niedermoor-Biomasse.

Gemessen an den übergeordneten Klimazielen, wie sie auch dem Green Deal der EU zugrunde liegen, ist eine Nachbesserung des Strategieplans dringend angezeigt, gerade auch bei den Moorflächen. Die Wissenschaft verweist hier auf positive Effekte der Paludikultur auf das Klima und auch auf die Biodiversität.

Sicher trifft die notwendige Umstellung der Landwirtschaft auf Moorböden viele Betriebe in einer ohnehin schwierigen Situation. Daher braucht es für sie neben kompetenter Beratung auch adäquate finanzielle Unterstützung. Pauschale hohe Hektar-Zahlungen für die Umstellung, wie vom Deutschen Bauernverband gewünscht, wird es aber nicht ohne Weiteres geben können.

Zu hoffen ist – nachdem jahrelang nur einzelne Pioniere den Weg zur Paludikultur eingeschlagen haben –, dass nun mehr und mehr Landwirt:innen erkennen, dass der langfristig werterhaltende und wertschaffende Weg auf Moorböden in Wiedervernässung und angepasstem Management liegt.

"Kümmerer" brauchen gute Bedingungen

In der Praxis reichen natürlich politische Programme keineswegs aus, um einen so weitreichenden Umstellungsprozess bei der Nutzung der Moore in Gang zu bringen und zu begleiten. Es braucht vor allem Menschen, die vor Ort sind, zuhören, die Bedürfnisse von Flächen-Eigentümerinnen und -Nutzern aufnehmen und sich für die Bündelung und den Ausgleich von Interessen einsetzen.

Solche "Kümmerer" können dann erfolgreich sein, wenn zugleich Agrarumwelt- und Klimamaßnahmen gut ausgestaltet sind, Beratung und Kooperation gefördert werden und es Investitionshilfen, langfristige Regionalentwicklung und Strukturförderung gibt, aber auch die nachgeordnete Verarbeitung und Vermarktung neuer Produkte aus der Paludikultur unterstützt wird.

Nötig sind aber auch rechtliche Anpassungen, damit zum Beispiel kleine "Sperrgrundstücke" nicht mehr ganze Projekte zu Fall bringen können. Moorschutz ist als Klima- und Artenschutz zu behandeln und damit – ebenso wie die Windkraft – als im "öffentlichen Interesse", zum Beispiel durch Einrichtung von Moorschutz-Vorranggebieten, wie sie das Eckpunktepapier auch vorsieht.

 

Eine reine Freiwilligkeit von Moorschutz-Maßnahmen wird nicht zur notwendigen Planungssicherheit der land- und forstwirtschaftlichen, aber auch verarbeitenden Betriebe führen und kann hohe Kosten für die fortschreitenden Treibhausgasemissionen nach sich ziehen, die von den Bewirtschaftenden oder der Gesellschaft zu tragen sind.

Photovoltaikanlagen könnten ein Anreiz und "Hebel" für die Vernässung stark degradierter Moorflächen sein. Ebenso wie Windkraftanlagen sollten sie aber, wenn überhaupt, auf Moorböden nur im Zusammenhang mit Wiedervernässung geplant und installiert werden.

Bodenschonend ausgeführt, unter Beachtung des Naturschutzes und auf Flächen, die sich an Paludikulturflächen anlehnen, könnten Solarstromanlagen einen sinnvollen Anreiz bieten, die Risiken und Mühen einer Umstellung der Moorbewirtschaftung in Kauf zu nehmen. Empfehlungen für Photovoltaik-Anlagen auf Moorböden wurden kürzlich vom Greifswald Moor Centrum vorgestellt.

Moorschutz muss sich lohnen

Nicht zuletzt ist auch die Privatwirtschaft gefragt, denn Moorschutz muss sich lohnen – für die Landwirte genauso wie für Weiterverarbeiterinnen und Vermarkter. Auf nassen Mooren könnten CO2-neutrale oder sogar CO2-negative Produkte erzeugt werden – ein großer Ansporn.

Auch CO2-Zertifikate können einen Beitrag bei der Moor-Wiedervernässung leisten, allerdings nur einem zeitlich klar begrenzten Rahmen. Die Initiative "Tomoorow" arbeitet daran, diese beiden Wege zu vereinen.

Die öffentliche Hand sollte beim Moorschutz vorangehen: Bundes- und Landesflächen sollten zügig vernässt werden. Eine bevorzugte Behandlung von Paludi-Produkten in öffentlichen Ausschreibungen oder Preisgarantien bei der Abnahme können für einen Nachfrageschub sorgen. Das wird beispielsweise in den Niederlanden so praktiziert. Eine gute Verzahnung von verschiedenen Finanztöpfen wie EU-, Bundes- und Landesmitteln ist dabei unersetzlich.

Ein schwarzer, gehörnter Wasserbüffel schaut dich an.
Wasserbüffel sind eine Möglichkeit, Niedermoorstandorte klimagerecht zu bewirtschaften. (Foto: Benjamin Herold/​Tomoorow)

Nachdem Bundesumwelt- und -landwirtschaftsministerium gemeinsame Modellprojekte in den moorreichen Bundesländern gestartet haben oder bald starten werden, muss klar sein, dass der Weg zügig von einzelnen Projekten zu einem wirklich großflächigen Moorschutz führen muss.

Um die Planungs- und Genehmigungsprozesse zu beschleunigen, braucht es Kapazitäten und feste Strukturen in den Ländern. Dafür und für die stärkere Koordination der Maßnahmen sollten – mit Kofinanzierung des Bundes – Landes-Moor-Klimaschutzagenturen eingerichtet werden. Diese Agenturen sollten über Flächenpools verfügen, Träger von Moorschutzprojekten unterstützen, Beteiligte vernetzen, Emissionseinsparungen dokumentieren und die Inwertsetzung von nassen Mooren und Paludikultur befördern.

Auf Aus- und Weiterbildung zum Moorschutz muss künftig viel mehr Augenmerk gelegt werden. Das Thema gehört in der Wasserwirtschaft, aber auch in Land- und Forstwirtschaft frühzeitig in die Lehrpläne, denn hier liegen echte Zukunftsfelder.

Insgesamt müssen alle politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kräfte an einem Strang ziehen, um die wahrlich große Transformation, die wir auf unseren Moorböden brauchen, zu schaffen. Eine klare Kommunikation, dass wir eher früher als später die Moor-Entwässerung beenden müssen, ist wichtiger denn je. Denn: Moor muss nass!

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