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Regenwaldschutz durch "Zukunftsbäume"?

Das Waldschutz-Programm REDD der Vereinten Nationen soll durch verschiedene Programme zum Klimaschutz beitragen. Doch kaum eine der Maßnahmen besteht den Praxistest. Was in Europa erdacht wurde, funktioniert in den Tropen nicht.


Ein Baumstamm inmitten eines Tropenwaldes
Tropenwälder gleichzeitig schützen und gewinnbringend nutzen, das geht einfach nicht. (Foto/​Ausschnitt: Eloisa Lytton-Hitchins/​Pixabay)

Mehr als die Hälfte des weltweit in Wäldern gespeicherten Kohlenstoffs finden sich in tropischen Wäldern. Werden sie vernichtet, kann der Kohlenstoff als Treibhausgas CO2 in die Atmosphäre gelangen und so den Klimawandel beschleunigen.

Die Vereinten Nationen versuchen seit Jahren, mit dem Programm REDD verschiedene Maßnahmen zum Schutz der wertvollen Tropenwälder zu etablieren. REDD steht für "Reducing Emissions from Deforestation and Forest Degradation", zu Deutsch: Minderung von Emissionen aus Entwaldung und Waldschädigung.

Allerdings: Kaum eine der Maßnahmen funktioniert in der Praxis.

Das REDD-Programm beschreibt insgesamt fünf Maßnahmen, mit denen die Tropenwälder als wichtige Speicherorte von Kohlenstoff erhalten werden sollen.

Aktuell hat unsere Forschungsgruppe die "nachhaltige Waldbewirtschaftung" untersucht. Dabei wird die Krone von sogenannten Zukunftsbäumen freigestellt, indem weniger wertvolle Bäume in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft gefällt werden.

So wird den Zukunftsbäumen ein stärkeres Wachstum ermöglicht. Dadurch können sie der Atmosphäre mehr CO2 entziehen und als Kohlenstoff in ihrem Holz speichern.

Haben die Bäume dann eine bestimmte Größe erreicht, werden sie gefällt und zu möglichst langlebigen Holzprodukten verarbeitet, in denen der Kohlenstoff weiterhin gespeichert bleibt. Das ist eine bewährte Methode des Waldmanagements in Mitteleuropa.

Rechnung geht erst nach 130 Jahren auf

Doch diese Maßnahme ist in den Tropen problematisch, wie unsere neuesten Ergebnisse zeigen.

Über vier Jahre haben wir in Belize, Guyana, Surinam und Trinidad insgesamt 100 Hektar Wald kartiert. Dabei haben wir tatsächlich jeden der über 80.000 Bäume auf dieser Fläche vermessen und einen riesigen Datenschatz erhoben, der weltweit wohl einmalig ist.

Zum Teil sind die Gebiete sehr schwer zugänglich. Üblicherweise geht deshalb eine ortskundige Person mit einer Machete voran und macht den Weg durch den dichten Wald frei – und wir Wissenschaftler gehen im Gänsemarsch hinterher.

Portraitfoto Michael Köhl
Foto: CEN

Michael Köhl

ist Professor für Forst­wirtschaft und Experte für Tropen­wälder. Er forscht im Centrum für Erdsystem­forschung und Nachhaltigkeit (CEN) sowie am Exzellenz­cluster "Climate, Climatic Change, and Society" (Cliccs) der Universität Hamburg.

Wir haben unter anderem Art, Umfang, Höhe und Koordinaten eines jeden Baums bestimmt. Daraus lässt sich anschließend die Biomasse und daraus wiederum der Kohlenstoffgehalt errechnen, der im Holz gespeichert ist.

Generell gibt es in Tropenwäldern nur wenige Baumarten, die sich vermarkten lassen und die es sich darum zu fällen lohnt. Im Schnitt eignen sich nur ein bis zwei Bäume pro Hektar für die kommerzielle Nutzung.

Um diese als Zukunftsbäume zu fördern, müsste man für jeden Baum bis zu vier schwächere Bäume abholzen, das zeigen unsere Daten.

Kann der Zukunftsbaum dadurch so stark wachsen, dass er deutlich mehr Kohlenstoff speichert und damit den Kohlenstoff-Verlust durch die gefällten Bäume mehr als ausgleicht?

Wir haben errechnet, dass man dafür über 130 Jahre warten müsste. Eine unrealistische Spanne.

Waldmanagement schadet hier gleich dreifach

Eine Baumernte in Tropenwäldern ist grundsätzlich heikel. Jede Tonne Biomasse, die man planmäßig erntet, erzeugt immer mindestens eine weitere Tonne Verlust, die ungenutzt im Wald liegen bleibt.

Das ist eine dramatische Bilanz. Diese Ernteverluste entstehen zum Beispiel durch das Schlagen einer Transportschneise oder durch Nachbarbäume, die beim Fällen mit umgerissen werden.

Auf unseren Flächen konnten wir zeigen, dass durch die "nachhaltige Waldbewirtschaftung", also das Freistellen von Zukunftsbäumen, sich dieser Verlust sogar mehr als verdoppeln kann.

Doch wie gelangt eine solche im Grunde schädliche Maßnahme ins Regenwald-Schutzprogramm? Anscheinend wurde hier eine Methode, die in Europa passen mag, für die Tropen übernommen, ohne die Wachstumsdynamik auf lange Sicht zu prüfen.

Diese Maßnahme schadet hier jedoch gleich dreifach. Jeder Eingriff in unberührte Wälder schädigt die Artenvielfalt insgesamt. Gleichzeitig ist das Freistellen einzelner Bäume teuer und lohnt sich deshalb kommerziell nicht.

Darüber hinaus hilft die Maßnahme nicht dem Klima, weil durch sie langfristig nicht mehr Kohlenstoff gebunden wird.

Auch Kompensationszahlungen helfen wenig

Die Bilanz ist ernüchternd. Bereits im vergangenen Jahr haben wir errechnet, dass auch Kompensationszahlungen einen widersprüchlichen Effekt erzielen können – eine Maßnahme, die ebenfalls im Programm REDD vorgesehen ist.

Grob gesagt werden Länder, die ihren Wald schon lange schützen, benachteiligt. Länder, die bisher Raubbau am Wald betrieben haben, werden belohnt, wenn sie das Abholzen ein wenig einschränken.

Das untersuchte Instrument belohnt Staaten finanziell, wenn sie weniger Regenwald abholzen. Die Länder müssen dabei jedoch nachweisen, wie viel Wald sie erhalten haben.

Gerade für Länder, die ihren Wald schon lange schützen, ist dieser Nachweis besonders umfangreich und damit teuer, weil die geringfügigen Änderungen nur schwer zu erfassen sind. Oft reichen die Kompensationszahlungen nicht aus, um die Kosten dafür auszugleichen.

Gleichzeitig sind die Zahlungen für den Erhalt des Waldes insgesamt viel zu gering – Holzverkauf oder Rodung und anschließende landwirtschaftliche Nutzung der Flächen sind finanziell viel attraktiver.

Europa für Zerstörung mitverantwortlich

Für die Zukunft von REDD plädiere ich für ein Nachschärfen der Instrumente unter wissenschaftlicher Beratung. Das Programm hat international ins Bewusstsein gerückt, dass der Schutz von Tropenwäldern auch Klimaschutz ist. Das ist positiv.

Im Grunde brauchen wir aber Mechanismen, um gezielt die Ursachen der Tropenwaldzerstörung zu bekämpfen. So sind 80 Prozent der Entwaldung in den Tropen auf eine Umwandlung in landwirtschaftliche Flächen zurückzuführen, je zur Hälfte durch kleine Selbstversorger und durch die Agrarindustrie.

Industriell werden zum Beispiel Energiepflanzen wie Zuckerrohr oder Ölpalmen angebaut, die nicht besonders effizient sind. Große Flächen dienen Futterpflanzen wie Soja, die für die Fleischproduktion benötigt werden.

Dieses Fleisch wiederum importieren auch Länder der Europäische Union. Hier gibt es zum Beispiel die Initiative für "entwaldungsfreie Lieferketten", vielleicht ein erster Ansatz.

Denn die Bürgerinnen und Bürger der EU sind durch ihr Konsumverhalten für rund zehn Prozent der Tropenwaldzerstörung weltweit verantwortlich.

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