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Die Elbe verebbt

Der Wasserstand der Elbe nähert sich historischen Tiefständen. Eine solche extreme Situation kann sich negativ auf die Wasserqualität auswirken. Deshalb messen Forscher nun regelmäßig den Gewässerzustand. Doch nicht nur die anhaltende Dürrephase setzt dem Fluss zu.


Bei Magdeburg führt die Elbe im Juli 2018 dramatisch wenig Wasser.
Symbol für Niedrigwasser: Wird der Magdeburger Domfelsen sichtbar, führt die Elbe nur noch wenig Wasser. (Foto: Michael Beyer/​UFZ)

56 Zentimeter sind es derzeit in Dresden. Flussabwärts sieht die Lage auch nicht viel besser aus: "Der jetzige Pegelstand an der Elbe beträgt 55 Zentimeter am Pegel Magdeburg", sagt der Gewässerforscher Dietrich Borchardt vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ). Derart niedrige Wasserstände seien an der Elbe unter den gegenwärtigen Klimabedingungen immer wieder aufgetreten.

So hat es auch in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts extreme Dürreperioden gegeben. "Derzeit nähert sich die Elbe historischen Tiefstständen an", sagt Jörg Rechenberg, der beim Umweltbundesamt in Dessau das Fachgebiet "Übergreifende Angelegenheiten Wasser und Boden" leitet. Der niedrigste Wasserstand seit Aufnahme regelmäßiger Pegelmessungen wurde 1934 verzeichnet: 48 Zentimeter zeigte der Pegel Magdeburg damals an.

Zeugnisse niedriger Wasserstände sind die sogenannten "Hungersteine". "Das sind große Steine oder Felsen, die am Flussbett der Elbe liegen und nur bei extrem niedrigen Wasserständen sichtbar werden", sagt Borchardt. Gravuren in den Steinen verweisen auf die Mangeljahre. Der Fluss führt derzeit so wenig Wasser, dass man mancherorts trockenen Fußes fast bis zur Flussmitte gelangen kann.

Flusslandschaft Elbe

Schwankende Wasserstände sind in der Elbe nichts Ungewöhnliches. Die Elbe gilt im Vergleich zu anderen deutschen Flüssen – trotz künstlicher Vertiefung der Flusssohle – noch als naturnah. Die Auen der Elbe sind an den stetigen Wechsel von Überflutung und Trockenfallen angepasst und haben teils einzigartige Ökosysteme hervorgebracht.

Mitte Juli wurde deshalb das Sondermessprogramm Niedrigwasser aufgelegt. Dabei messen die UFZ-Forscher wöchentlich unter anderem Wassertemperatur, pH-Wert, Sauerstoffgehalt und weitere Parameter, um die Wasserqualität zu prüfen. Extreme Situationen wie Hoch- oder Niedrigwasser können sich negativ auf den Zustand des Gewässers auswirken und zu geringen Sauerstoffkonzentrationen führen, die Tiere und Pflanzen schädigen und sogar stark dezimieren können.

Der niedrige Wasserstand beunruhigt auch Ernst Paul Dörfler. "Solche Extremwetter habe ich noch nicht erlebt", sagt der Chemiker und Umweltschützer, der mit seinem Buch "Zurück zur Natur?" 1986 ein Kultbuch der ostdeutschen Umweltbewegung geschrieben und später die Grüne Partei in der DDR mitgegründet hat. Seit mehr als 30 Jahren lebt er in einem stillen Dorf nahe Dessau und widmet sich dem Schutz der Elbe. Die äußert niedrigen Pegelstände sind für Dörfler nur der Spitze des Eisbergs: Denn auch der Grundwasserstand im Umland sei gefallen, die Brunnen in den Elbeniederungen seien ausgetrocknet.

Die Ursachen des dramatisch niedrigen Wasserstandes sieht UFZ-Forscher Borchardt in den seit Mai ausbleibenden Regenfällen im gesamten Einzugsgebiet der Elbe. "Noch im Frühjahr waren die Grundwasserspeicher gut gefüllt", sagt Borchardt. Seither leeren sie sich kontinuierlich. Im Sommer speist sich der Abfluss in der Elbe überwiegend aus diesen Speichern – im Gegensatz zum Rhein, dessen Sommer-Abflüsse sich maßgeblich aus Schmelzwasser bilden.

Für den Elbe-Kenner Dörfler ist das nur ein Teil des Problems. "Zwei Ursachen fallen hier zusammen", sagt er. "Das ist nicht nur eine Frage des Klimawandels, hier zeigen sich auch die Konsequenzen einer verfehlten Flusspolitik." Weil die flussnahen Landschaften für die Land- oder Forstwirtschaft nutzbar gemacht werden sollten, wurde die Region bis ins Extrem entwässert, klagt der Umweltaktivist. Auch das Bemühen, die Elbe schiffbar – also tiefer – zu machen, habe den Fluss verändert.

Vor allem an der Mittelelbe wird die Sohle des Flusses durch Geschiebedefizite und die Einengung durch Buhnen kontinuierlich vertieft, was sich nachteilig auf den ufernahen Grundwasserhaushalt sowie die Wasserverhältnisse der Auen auswirkt. "Die Sorge, dass sich die Ökosysteme an der Elbe mit sinkendem Wasser verändern, ist nicht ganz unbegründet", sagt auch UBA-Experte Jörg Rechenberg.

Dabei mahnen Umweltverbände wie BUND, Nabu und WWF schon lange eine Anhebung der Sohle an. "Seit den Achtzigerjahren wissen wir, wie wichtig es ist, der Elbe die notwendigen Ausweichflächen zu geben", sagt Dörfler. Aber an den Grundübeln habe sich seither nicht geändert – auch weil die Veränderungen schleichend seien.

Forschungsprojekt Moses

Weil Extremwetterereignisse im Zuge des Klimawandels häufiger werden, untersuchen die Forscher des UFZ die langfristigen Folgen von hydrologischen Extremen wie Hoch- und Tiefwassern an der Elbe. Derzeit entwickeln Wissenschaftler der Helmholtz-Gemeinschaft ein umfassendes Beobachtungssystem namens Moses (Modular Observation Solutions for Earth Systems), das hochdynamische Ereignisse wie Starkregen, Hochwasser oder Hitzewellen und Dürren direkt erfassen soll. Derzeit laufen erste Tests.

Die anhaltende Trockenheit verschärft das Problem jetzt zusätzlich. Für den Zustand der Elbe sind die prognostizierten Temperatur- und Niederschlagsänderungen infolge des Klimawandels deshalb keine gute Nachricht.

"Im Jahresmittel ist zunächst, wie zum Beispiel an der Elbe, kein Unterschied beim Abfluss zu erkennen", sagt Rechenberg und verweist auf den im vergangenen Jahr erschienenen Expertenbericht "Auswirkungen des Klimawandels auf die Wasserwirtschaft".

Werde aber der Jahresverlauf differenziert betrachtet, gebe es Tendenzen zu abnehmenden Abflüssen im Sommer. "Während bis 2050 nur minimale Veränderungen erwartet werden, verstärkt sich der Unterschied zwischen Sommer- und Winterhalbjahr bis zum Ende dieses Jahrhunderts", ergänzt der UBA-Experte. Bis 2100 nimmt die Tendenz zu Niedrigwasser auf der Elbe in den Sommermonaten zu. "Wir müssen Maßnahmen auf den Weg bringen, mit denen wir uns auf die erwarteten Szenarien vorbereiten", empfiehlt Rechenberg deshalb.

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