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Wasserstoff aus der Wüste

Afrika könnte der H2-Kontinent werden. Deutsche Mittelständler wollen ein Großprojekt in Namibia bauen, und es gibt weitere Projekte von Ägypten bis Südafrika. Der Ukraine-Krieg macht die Umstellung noch dringender. Können die Fehler vergangener Großprojekte diesmal vermieden werden?


Bildrendering zu geplanter Wasserstoff-Anlage in Namibia
So in etwa sollen Kraftwerke mal aussehen, die den Ökostrom zur Wasserstoffherstellung in Namibia produzieren sollen. (Bild: Hyphen)

Ist das der Startpunkt für die "grüne Opec"? Die Region in Namibia, in der eines der bisher größten Wasserstoff-Projekte weltweit entstehen soll, war früher ein Sperrgebiet für den Diamantenabbau in der Wüste.

Es ist extrem trocken dort, Regen fällt praktisch nie. Wenn hier, unweit der Hafenstadt Lüderitz, überhaupt etwas wächst, dann sind es spärliche Büsche, die nur dank des Nebels überleben können, der sich ab und an nachts über dem kühleren Atlantik bildet und dann ins Landesinnere driftet.

Aber dafür gibt es hier im südwestlichen Afrika zwei Ressourcen, die in der postfossilen Welt immer wichtiger werden: jede Menge Sonne und viel Wind.

Es war ein großer Erfolg für grüne H2-Technik made in Germany. Das Konsortium "Hyphen", bestehend aus dem Branchenpionier Enertrag aus Dauerthal bei Prenzlau in Brandenburg und einer Tochterfirma des britischen Infrastrukturentwicklers Nicholas Holdings, hat Ende letzten Jahres von der Regierung in Windhuk den Zuschlag für den Bau des riesigen Energieparks bekommen, der ab 2026 grünen Wasserstoff liefern soll.

Windparks und Solarfelder sollen dort entstehen, die im Endausbau 5.000 Megawatt Ökostrom liefern können, was bei voller Leistung der Kapazität von fünf konventionellen Großkraftwerken entspricht. Zudem eine Elektrolyse-Anlage zur Wasserstoffgewinnung und eine Meerwasserentsalzungsanlage, um in der trockenen Region überhaupt die nötigen Mengen H2O dafür bereitstellen zu können.

Dann ein Werk, um aus dem dort hergestellten Wasserstoff besser transportable Derivate wie E-Fuels oder Ammoniak zu machen. Und als Ergänzung ein neues Verladeterminal bei Lüderitz, um die gasförmigen oder flüssigen Produkte verschiffen zu können. Angepeilt ist eine Produktionsmenge von jährlich 300.000 Tonnen grünem Wasserstoff für den regionalen und den internationalen Markt.

Das Projekt hat ein Investitionsvolumen von 9,4 Milliarden US-Dollar. Es sind Dimensionen, wie man sie im Afrika-Geschäft bisher allenfalls von den Chinesen kennt. "Der bisherige Investitionsbestand der deutschen Wirtschaft im gesamten Afrika beträgt zwölf bis 13 Milliarden Dollar", sagt Stefan Liebing, Vorsitzender des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft. Falls das Namibia-Projekt Schule mache, könne das die europäisch-afrikanische Zusammenarbeit auf ganz neue Fundamente stellen.

"Damit könnte Afrika reich werden"

Weitere H2-Projekte deutscher Unternehmen sind mit Ländern wie Ägypten, Marokko, Mauretanien und Südafrika in Vorbereitung. Es sei eine ökonomische Chance gerade auch für viele Länder, die sich bisher im Windschatten der internationalen Wirtschaft befinden.

"Damit könnte Afrika reich werden", meint Liebing, der selber Unternehmer ist und kurz davon steht, mit seiner Firma ein Wasserstoffprojekt in Angola abzuschließen. Das könne eine "grüne Opec" werden, aber, wenn gemeinsam von Nord und Süd aufgebaut, ohne das Drohpotenzial des Erdöl-Vorbilds.

Seitdem Wasserstoff Ende der 2010er Jahre als Schlüsselelement für die Energiewende in der Industrie, aber auch für Anwendungen im Flug- und Schiffsverkehr identifiziert wurde, ist ein weltweit ein Run um die besten Startpositionen ausgebrochen. Noch dringlicher erscheint die Umstellung auf das "grüne" Gas, seitdem Russlands Machthaber Putin die Ukraine überfallen hat. Alternativen zu den fossilen Energien werden gebraucht – und zwar möglichst schnell.

Auch Deutschland versucht, sich günstige Wasserstoff-Quellen im Ausland zu erschließen. Denn die nun benötigten Mengen an Wasserstoff werden so groß sein, dass sie mit heimischem Ökostrom allein kaum hergestellt werden können.

Die Ausbaupläne der neuen Ampel-Bundesregierung für Wind- und Solaranlagen sind bereits ambitioniert, doch um neben den normalen Stromanwendungen auch den H2-Bedarf zu decken, müssten sie noch deutlich aufgestockt werden. Das erscheint vielen Experten kaum realisierbar, weil die Flächen fehlen. Allenfalls bei der Offshore-Windkraft gäbe es längerfristig noch Potenziale. Der Strom ist hier allerdings noch vergleichsweise teuer.

Fehler des Desertec-Projekts sollen sich nicht wiederholen

Weltweit gibt es mehrere Regionen, in den Ökostrom sehr billig produziert werden kann, weil die Sonne oft scheint oder viel Wind weht oder sogar beides. Experten nennen vor allem Nordwestafrika mit Marokko als Vorreiter, die Arabische Halbinsel, Australien, Chile – und eben Westafrika.

Das Bundesforschungsministerium hat im vorigen Jahr die Potenziale ermitteln lassen. Ergebnis: Allein in Westafrika ließe sich jährlich die gigantische Menge von bis zu 165.000 Milliarden Kilowattstunden grüner Wasserstoff herstellen. Das entspreche der 110-fachen Menge, die Deutschland im Jahr 2050 voraussichtlich werde importieren müssen, rechnet das Ministerium vor.

Ein weiteres Argument sind die Kosten. Der Wasserstoff könne dort für 2,50 Euro pro Kilogramm produziert werden, während es bei in Deutschland hergestelltem Wasserstoff laut Studien auch 2050 noch rund 3,80 Euro sein werden.

Freilich erinnern diese Wasserstoff-Visionen für den Nachbarkontinent stark an den Hype um das Wüstenstrom-Projekt "Desertec". Damit sollte in Nordafrika Strom gewonnen und per Fernleitungen nach Europa transportiert werden. Desertec, maßgeblich von deutschen Konzernen und Banken vorangetrieben, wurde 2014 praktisch beerdigt.

Afrika-Kenner Liebing glaubt, dass die damaligen Fehler im Konzept diesmal vermieden werden können. Der Transport von Wasserstoff-Derivaten mit Tankschiffen sei einfacher zu lösen als der von Strom über Fernleitungen durch Sahara und Mittelmeer, sagt er. "Außerdem wurde damals der Energieexport zu stark betont. Diesmal muss es darum gehen, auch die Bedürfnisse der Bevölkerung und der Wirtschaft vor Ort abzudecken. Eine Win-win-Situation für beide Seiten."

Konsortium sieht Lage im Nationalpark nicht als Problem

Bei dem Hyphen-Projekt in Namibia wurde das mitbedacht, wohl einer der Gründe dafür, dass das Konsortium den Zuschlag bekam. So sollen damit auch das Stromnetz in der Region und die öffentliche Wasserversorgung von Lüderitz verbessert werden.

Die geplante Meerwasserentsalzungsanlage wird nach den Plänen so dimensioniert, dass sie nicht nur für die H2-Produktion reicht, sondern auch den kompletten Bedarf von Haushalten und Gewerbe der 12.500-Einwohner-Stadt in Höhe von jährlich rund 1,1 Millionen Kubikmetern abdecken kann. Zudem warben die Deutschen damit, dass während der Bauzeit 15.000 und später dauerhaft 3.000 Jobs geschaffen würden.

Dass das H2-Projekt in dem von Namibia ausgewiesenen Nationalpark Tsau-Khaeb liegen wird, sieht man bei dem Konsortium nicht als Problem. Untersucht wird eine Fläche von 400.000 Hektar in dem früheren Sperrgebiet des Diamanten-Abbaus, was in etwa der anderthalbfachen Fläche des Saarlandes entspricht.

Darin gebe es "klar definierte Zonen, die die Nutzung erneuerbarer Energien erlauben oder ausschließen", erläutert Enertrag-Sprecher Matthias Philippi. Das Unternehmen lasse unabhängige Umweltgutachten nach den strengen Weltbank-Standards durchführen. Ökologisch sensible Zonen seien dabei tabu, verspricht er.

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