Grüne Milliarden, faszinierte Stromkunden und windgestützte Erfolge

Kalenderwoche 22: Für Besitzer kleiner Dach-Solaranlagen, die jetzt aus der Förderung fallen, sollte es mehrere Optionen geben, sagt Gero Lücking, Geschäftsführer für Energiewirtschaft beim Ökostrom-Anbieter Lichtblick und Mitglied des Herausgeberrats von Klimareporter°. Auch wer mit smartem Zähler und E-Auto voll auf Eigenversorgung setzen will, soll ein Angebot bekommen.


Gero Lücking. (Foto: Amac Garbe)

Immer wieder sonntags: Die Mitglieder unseres Herausgeberrates erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Gero Lücking, Geschäftsführer für Energiewirtschaft beim Hamburger Ökostrom-Anbieter Lichtblick.

Klimareporter°: Herr Lücking, die EU-Kommission will 750 Milliarden Euro für den Wiederaufbau nach Corona investieren und damit Wirtschaft und Klima gleichermaßen voranbringen. Mitte Juni stehen dazu wohl harte Verhandlungen mit den EU-Ländern an. Wie würden Sie vorgehen, wenn Sie EU-Kommissionspräsident wären?

Gero Lücking: Ich habe großen Respekt vor der Aufgabe und der Arbeit der Kommissionspräsidentin. Deshalb halte ich mich mit klugen Ratschlägen gerne zurück.

Interessant ist, dass Polen das Paket schon gelobt hat. Den Kohlestaaten wurde bereits mehr Geld für den Strukturwandel zugesagt. Deshalb ist dieses Lob sicher nicht überraschend. Aber so scheint es auch diesmal wieder zu funktionieren: über den Geldbeutel. Offenbar ist die Kommissionspräsidentin einigen Ländern schon im Vorfeld entgegengekommen, sodass sich jetzt die Verhandlungen vielleicht etwas einfacher gestalten. Wir dürfen gespannt sein.

Am Ende sind die Gelder, die für den Ausstieg aus der fossilen Energieversorgung gegeben werden, gut investierte Milliarden. Natürlich sollten wir Ländern wie Polen helfen, um auch ihnen eine saubere und klimafreundliche Energieversorgung zu ermöglichen. Das ist in unser aller Interesse. Die Idee eines CO2-neutralen Europas, die Idee des Green Deal ist faszinierend.

"Autarkie ist eine völlig sinnlose Lösung", sagte der Energiewende-Pionier Johannes Lackmann kürzlich im Interview mit Klimareporter°. Wie können kleine Solaranlagen sinnvoll ins große Ganze integriert werden?

Mein Vorschlag: Lassen wir die Kunden entscheiden.

Es gibt gute Argumente für die Position von Johannes Lackmann, keine Frage. Es gibt aber sicher auch Kunden, für die eine Eigennutzung des selbsterzeugten Stroms so wichtig ist, dass sie dafür auch bereit sind, ihre Zähler umzurüsten.

Ablaufende Eichfristen der installierten Zähler, der Smart-Meter-Rollout oder die Anschaffung eines Elektroautos machen im Einzelfall vielleicht ohnehin eine Erneuerung der Zähler notwendig. Warum sollte der Kunde dann nicht auf die Eigenversorgung setzen, in der er sich ja den Wert des nicht aus dem Netz bezogenen Stroms in seiner Kalkulation vollständig gutschreiben kann?

Sicher ist, dass die Kunden nicht aufgrund eines abstrakten volkswirtschaftlichen Optimums entscheiden – und auch nur bedingt nach dem betriebswirtschaftlichen Optimum. Sie haben subjektive Kriterien, finden vielleicht Anbieter, die ihnen die eine oder andere Lösung offerieren, finden die Idee der bilanziellen oder faktischen Autarkie faszinierend. Danach werden sie entscheiden. Wir sollten dies wirklich dem Markt und den Kunden überlassen.

Die einzige Regelung, die wir als Fall-back-Regelung brauchen, ist die, dass die Netzbetreiber mindestens den Marktwert des eingespeisten Stroms vergüten müssen.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Die Erfolgsstory der erneuerbaren Energien setzt sich fort. Erstmals in der Geschichte haben sie im ersten Quartal des Jahres mehr als die Hälfte des insgesamt erzeugten Stroms produziert. Mit respektablen 51,2 Prozent haben sie die konventionellen Energieträger überholt. Wie das Statistische Bundesamt mitteilte, war Windstrom dabei mit fast 35 Prozent der wichtigste Energieträger. Die Photovoltaik hat mit einem Anteil von nur 4,8 Prozent noch viel Luft nach oben.

Die fossile Energiewirtschaft, so scheint es, will das nicht auf sich sitzen lassen und nimmt deswegen das Kohlekraftwerk Datteln 4 in Betrieb. Kohleausstieg geht anders.

Dass die Zahlen so sind, wie sie sind, hat mit vielen Faktoren zu tun. Mit einem Corona-bedingten Rückgang der Nachfrage, mit statistischen Schwankungen, mit viel Wind und so weiter. Trotzdem ist der Trend klar und macht Mut.

Wie lange müssen wir noch warten, bis bei den neu zugelassenen Pkw die elektrischen Autos die konventionellen Benzin- und Dieselfahrzeuge überholt haben?

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