Der 29-Euro-Flug ist nicht das Problem

Flugverkehr wird vor allem von reichen Menschen verursacht und braucht eine Lösung, die auch bei diesen ansetzt. Dass sich Leute ab und zu mal einen Billigflug nach Mallorca leisten können, ist eher nebensächlich.


Privatflugzeug über den Wolken.
Von Privatjets und Vielfliegerei ist beim Klimaschutz selten die Rede – zu Unrecht. (Foto: Ivan Cholakov/​Shutterstock)

Wer fliegt? Und wer fliegt nicht? Das sind Fragen, die in der Diskussion um Klimaschutz im Flugverkehr oft zu kurz kommen.

Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock beschrieb kürzlich eine Zukunft ohne Billigflüge – nach Mallorca fliegen für 29 Euro! – und ohne Kurzstreckenflüge.

Augenscheinlich sind das ähnliche Dinge, doch es gibt bessere Gründe, Kurzstreckenflüge zu verbieten, als Billigflüge.

Das liegt daran, dass Fliegen eine besonders ungleiche und besonders intensive klimaschädliche Aktivität ist. Reiche Menschen fliegen besonders viel, arme besonders wenig – und die Fliegerei macht den entscheidenden Unterschied in ihren Emissions-Fußabdrücken aus.

Flüge einfach gleichmäßig zu verteuern bedeutet deshalb nur, bestehende Ungleichheiten zu verstärken. Oder anders formuliert: Beim Fliegen würde sich die Gelegenheit ergeben, Klimaschutz bei jenen Menschen anzusetzen, deren Lebensstile dem Klima besonders schaden.

Schon in Deutschland sind nur die wenigsten Menschen Vielflieger:innen. In einer ARD-Umfrage 2019 gaben 63 Prozent der Deutschen an, seltener als einmal im Jahr zu fliegen – nur acht Prozent flogen mehr als zweimal jährlich.

Ein Verbot von Billigflügen trifft womöglich Schnäppchenvielflieger:innen, riskiert aber auch, einen seltenen Urlaub per Flugreise von ärmeren Menschen zu verunmöglichen. Ganz sicher trifft ein solches Verbot nicht jene Vielflieger, für die der Preisunterschied zwischen 29 und 290 Euro kein Thema ist.

Es bringt viel, wenn Reiche weniger fliegen

Weltweit haben schätzungsweise nur etwa 20 Prozent der Menschen überhaupt schon mal ein Flugzeug betreten. Der durchschnittliche CO2-Fußabdruck der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung ist mit 0,7 Tonnen mehr als nachhaltig – während das reichste eine Prozent mit mehr als 70 Tonnen das Hundertfache emittiert.

Woher kommen diese Emissionen? Unter anderem von der Übernutzung CO2-intensiver Luxusgüter – wie SUV und Privatjets – und Verhalten wie Vielfliegerei.

Eine Untersuchung in Nature im März 2020 zeigte beispielsweise, dass die reichsten 30 Prozent der Bevölkerung für mehr als 90 Prozent des Energieverbrauchs bei Flugreisen verantwortlich sind. Der Verbrauch der ärmsten 20 Prozent ist dagegen fast null.

In der EU verursacht das reichste eine Prozent seine Emissionen zu fast 40 Prozent durch Flugverkehr. Auch die reichsten zehn Prozent emittieren pro Person durchschnittlich drei Tonnen CO2-Äquivalent durch Flugreisen. Zum Vergleich: Die ärmere Hälfte der EU-Bevölkerung emittiert pro Kopf insgesamt etwa vier Tonnen.

Klimaschäden durch Flugverkehr sind ein krasses Ungleichheits- und ein Reichtumsproblem. Sie brauchen eine Lösung, die auch bei den Reichen ansetzt.

Für jede reiche Person, die nur noch einmal im Jahr oder seltener fliegt, könnten mehrere arme Menschen auf der Welt ihren jetzigen Lebensstandard beibehalten oder ihren Konsum sogar erhöhen. Das sind keine rhetorischen Übertreibungen – so ähnlich sehen tatsächliche Modelle für eine gerechte Transformation innerhalb des 1,5-Grad-Limits des Pariser Klimaabkommens aus.

Ein Flug pro Jahr bleibt abgabenfrei

Ein konkreter Vorschlag gegen Vielfliegerei ist bereits in Großbritannien ausformuliert worden: eine Abgabe für Vielflieger. Alle Einwohner würden eine abgabenfreie Flugreise im Jahr erhalten und müssten auf jeden weiteren Flug eine zusätzliche Gebühr zahlen, die mit jeder weiteren Reise auch noch steigen würde.

Der Vorschlag der Klimaschutzgruppe "We are possible" sieht vor, dass die so eingenommenen Gelder in nachhaltigere Verkehrsmittel gesteckt werden.

Der Vorschlag ist kein fertiges Gesetzespaket und "We are possible" schreibt selbst, dass er politisch schwer durchsetzbar wäre. Auch stellen sich einige Fragen zum Datenschutz, denn die Passagierdaten müssten zentral abgespeichert und jederzeit beim Ticketverkauf abrufbar sein.

Allerdings sind solche Datenbanken nicht ohne Beispiel: Passagierdaten werden schon jetzt in aller Ausführlichkeit beim Bundeskriminalamt gespeichert und die Schufa speichert zentralisiert Kreditinformationen.

Aber auch angebotsseitig müsste es ein Umdenken geben. Wenn Klimaschutz Vorrang hat, müsste bei einem enorm subventionierten Bereich wie der Luftfahrt der Staat für sich festlegen, wie viel eigentlich insgesamt geflogen werden sollte und welche Flüge Priorität haben.

Dabei würde sich vielleicht ohnehin ergeben, dass eine Infrastruktur mit vielen Kleinflughäfen nicht wünschenswert ist, Kurzstreckenflüge ebenfalls nicht und Lifestyle-Anschaffungen von Superreichen wie Privatflugzeuge verboten werden müssten.

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