Besser pendeln

Die Wege zur Arbeit werden immer länger. Zwei von drei Pendlern fahren mit dem Auto. Ein Thinktank legt einen Plan zum Umsteuern vor. Bei der Ampel-Koalition sieht er Ansätze in die richtige Richtung, die Vorschläge gehen aber deutlich weiter.


Fahrrad im Straßenverkehr
In der Verkehrsplanung ist das Auto noch immer Maß der Dinge. (Foto: Brigitte Hiss/​BMU)

Viele müssen pendeln, um zur Arbeit zu kommen – und das tun sie in Deutschland zumeist mit dem Auto. Daher ist die Verkehrswende ohne Veränderungen beim Berufspendeln nicht zu schaffen.

Der Thinktank Agora Verkehrswende hat dafür nun Vorschläge gemacht, um "Wege aus Spritpreisfalle und Ölabhängigkeit im Berufsverkehr" aufzuzeigen. Die Bundesregierung müsse umsteuern, statt im Zweifel immer nur die Pendlerpauschale zu erhöhen, fordert er.

Der Trend in den letzten Jahrzehnten belastet Umwelt, Klima, Infrastruktur – und nicht zuletzt das Zeitbudget und die Nerven der Pendler: Fast 20 Millionen Menschen arbeiten inzwischen hierzulande in einer anderen Kommune als der, in der sie wohnen, und diese Zahl hat sich seit 2000 um 30 Prozent erhöht. Die mittlere Pendeldistanz beträgt inzwischen 16 Kilometer, doppelt so viel wie vor 45 Jahren.

Dabei ist der Autoanteil besonders hoch. Im Jahr 2020 nutzten Pendlerinnen und Pendler zu 68 Prozent den Pkw, das sind fünf Prozentpunkte mehr als 2019, also vor Corona. Dabei fahren sie fast immer allein; im Schnitt sitzen nur 1,075 Personen im Fahrzeug.

Laut der Agora-Untersuchung müsste zunächst die Bundesregierung die Rahmenbedingungen für den Berufsverkehr neu setzen – von einem dauerhaften Recht auf Homeoffice bis zur besseren Planung und Finanzierung der Verkehrsinfrastruktur. Auf dieser Grundlage könnten Kommunen den Pendlerverkehr dann fairer und klimagerechter gestalten. Der Thinktank betont, es müssten dabei die Alternativen zum Pkw gestärkt und "überholte Privilegien des Autoverkehrs" abgebaut werden.

Dem Bund schlägt der Thinktank unter anderem die Einführung einer verursachergerechten Straßennutzungsgebühr vor, um Investitionen in die Straßenerhaltung besser abzusichern und klimaneutrale Mobilität zu finanzieren.

Auch brauche es "ein klares Signal für den Ausstieg aus Verbrennerfahrzeugen bis 2035, vor allem durch deutlich schärfere CO2-Flottengrenzwerte ab 2025." Zudem solle das Straßenverkehrsrecht an Zielen wie Sicherheit und Klimaschutz orientiert werden, damit Kommunen zum Beispiel leichter Tempo 30 anordnen und Parkgebühren erheben.

Tempo 30 und Ende des kostenlosen Parkens

Zu den Maßnahmen, die die Kommunen ergreifen sollten, gehören laut der vom Dortmunder Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung (ILS) erarbeiteten Studie der Ausbau der Infrastruktur für Busse und Bahnen, besonders außerhalb der Städte, passgenaue Tarifmodelle in Kooperation mit Arbeitgebern, bessere Bedingungen für den schnellen Radverkehr und eine Stärkung des Mobilitätsmanagements in Kommunen und Betrieben.

Parallel müssten Privilegien des Autoverkehrs abgebaut werden, damit Fortschritte bei der Verkehrsverlagerung nicht durch zusätzlichen Pkw-Verkehr aufgehoben würden. Beispiele hierfür: Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit, Gebühren für die Nutzung von Parkraum oder eigene Fahrspuren für Schnellbusse auf den wichtigsten Straßen.

Der Thinktank sieht bei der Ampel-Regierung durchaus positive Ansätze in dem Bereich, die ausgebaut werden sollten. Er verweist auf die in dieser Legislaturperiode geplante Neuordnung der Entfernungspauschale, mit der die ökologischen und sozialen Belange der Mobilität besser berücksichtigt werden sollen. Das Konzept, ein allgemeines Mobilitätsgeld einzuführen, gehe in die richtige Richtung, weil davon vor allem Haushalte mit niedrigerem Einkommen profitieren.

Agora-Direktor Christian Hochfeld sagte bei der Vorstellung der Studie, dies könne aber nur ein erster Schritt sein: "Pendlerinnen und Pendler brauchen von der Politik nicht immer neue finanzielle Entlastungen, sondern einen Plan, wie sie zukünftig klimafreundlich zur Arbeit kommen können." Über Jahrzehnte habe die Politik Anreize gesetzt, immer längere Arbeitswege in Kauf zu nehmen und diese vorrangig mit dem privaten Pkw zurückzulegen.

Die aktuelle Krise zeige, dass dies nicht nur der Gesellschaft hohe ökologische Kosten aufbürde, sondern auch sicherheitspolitische Risiken mit sich bringe "und die Menschen in die Ölpreisfalle" treibe. Daher sei eine umfassende Reform des Pendelverkehrs überfällig.

Der Beitrag wurde am 12. April um 15 Uhr korrigiert: Die Zahl der Pendler hat sich seit 2000 um 30 Prozent erhöht, nicht seit 2020.

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