Agrosprit in der Nische, Lagerhallen auf der Autobahn und überraschende Carsharing-Allianzen

Kalenderwoche 9: Selbst wenn es gar nichts kosten würde, würde das heutige Angebot an Bussen und Bahnen die Mehrzahl der Autofahrer nicht erreichen, sagt Andreas Knie, Sozialwissenschaftler, Mobilitätsforscher und Mitglied des Kuratoriums von Klimareporter°. Wir brauchen eine Debatte über die Zukunft des öffentlichen Verkehrs insgesamt.


Andreas Knie. (Foto: InnoZ)

Immer wieder sonntags: Die Mitglieder unseres Kuratoriums erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Professor Andreas Knie, Sozialwissenschaftler mit den Schwerpunkten Wissenschaftsforschung, Technikforschung und Mobilitätsforschung. Sein Steckenpferd ist das Verkehrswesen von morgen.

Klimareporter°: Herr Knie, der rot-rot-grüne Berliner Senat hat einen milliardenschweren Nahverkehrsplan vorgelegt. In ein paar Jahren soll es mehr Strecken, schnellere Fahrtakte, mehr Fahrzeuge geben. Interessant ist das geplante sehr günstige Bürgerticket, das dadurch finanziert wird, dass alle Berliner eine Art ÖPNV-Grundgebühr zahlen – egal, ob sie Bus und Bahn nutzen oder nicht. Wie finden Sie das Modell?

Andreas Knie: Der Nahverkehr muss völlig neu organisiert werden. Neben mehr Bussen und Bahnen müssen die Angebote für Menschen attraktiv sein, die bisher noch im Auto sitzen. Es braucht dazu die ganze Palette von großen und kleinen Gefäßen, die zu einer einzigen Dienstleistung integriert werden.

Die Preise müssen abhängig von Komfort und CO2-Ausstoß sein und einfach und verständlich. Die jetzt wieder angestoßene Debatte um die Finanzierung des klassischen öffentlichen Verkehrs geht in die falsche Richtung, weil es jetzt ums Ganze geht. Selbst wenn es gar nichts kosten würde, würde das heute gültige Angebot an Bussen und Bahnen die überwiegende Zahl der Autofahrer nicht erreichen.

Wir brauchen also eine Debatte über die Zukunft des öffentlichen Verkehrs insgesamt. Der Nahverkehrsplan ist ein erster Schritt, hilft aber in dieser noch zu führenden Diskussion nicht wirklich.

Die Klimaleugner von der AfD wollen Agrokraftstoffe steuerlich mit der Elektromobilität gleichstellen. Gerade hat eine DIW-Studie pflanzenbasiertem Sprit und Gas eine begrenzte, aber wichtige Bedeutung für die Verkehrswende attestiert. Wie sollten Agrokraftstoffe sinnvoll eingesetzt werden?

Biogas und andere pflanzenbasierte Kraftstoffe könnten eine größere Bedeutung haben, als es jetzt der Fall ist. Aber sie werden Nischenanwendungen bleiben. Die Gefahr, hier Monokulturen zu erzeugen, die sich negativ auf die Artenvielfalt auswirken, ist um vieles höher, als wenn Strom aus Wasser, Wind und Sonne produziert wird.

Batterieelektrische Antriebe sowie die Brennstoffzelle mit grünem Wasserstoff sind die Mittel der Wahl für die nächsten 25 Jahre. Daran sollte man dann aber auch mal festhalten.

Die EU hat sich auf Klimavorgaben für Lkw geeinigt. Reicht das, um den Güterverkehr klimapolitisch auf Kurs zu bringen?

Die neuen Klimavorgaben für Lkw sind ein erster guter Schritt in Richtung Verkehrswende. Aber sie kurieren letztlich nur Symptome. Die Ursache der Probleme liegt darin, dass der Transport von Gütern auf Straßen so gut wie nichts kostet und gerade mal rund drei Prozent vom Warenwert ausmacht.

Das ist auch der Grund dafür, dass die rechte Spur auf den deutschen Autobahnen praktisch die Lagerhalle der Logistiker ist. Es wird alles einfach quer durch Europa gefahren, als ob es kein Morgen gäbe! Wenn alle Kosten internalisiert würden, wäre der Transport deutlich teurer und regionale Wertschöpfungsketten hätten eine wirtschaftliche Chance.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Daimler und BMW bündeln nicht nur ihre weltweiten Carsharing-Aktivitäten, sondern auch die Geschäftsmodelle auf digitalen Plattformen in einer Firma, wollen eine Milliarde investieren und das Ganze dann noch an die Börse bringen. Ein historischer Meilenstein in der Geschichte des Verkehrs – präsentiert von beiden Vorstandschefs und das sogar noch in Berlin! Aber der Berliner Senat bekommt das scheinbar gar nicht mit und ist auch gar nicht beteiligt.

Fragen: Susanne Schwarz

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